1823_Schopenhauer_091_90.txt

nicht gar zu weiter Entfernung gelösten Kanone, gleich darauf noch einen, und wieder einen. "Notre Dame de la Garde nehme der armen Seelen sich in Gnaden an! die werden den Morgen schwerlich wiedersehen," seufzte, recht innerlich betrübt, der Alte. "Habt Ihr es gehört, Herr? das waren Notschüsse. Wohl mag das arme Schiff in grosser Not schweben, aber da ist bei Menschen keine hülfe. Bei diesem Wetter wagt kein Lootse sich hinaus."

"Ich will hin! rief ich, und griff nach meinem am Feuer hängenden Rock, ich will hinunter, sagt mir wo finde ich die Lootsen, ich will ihnen Gold bieten, vielleicht –"

"Bleibt, sage ich Euch, bleibt!" erwiderte der Greis, indem er mich fest hielt, "ich sage Euch, bötet Ihr auch Millionen, hier ist nichts zu tun. Die Lootsen wohnen weit von hier, nahe am Hafen, es sind brave Leute darunter, die ihr Leben nicht achten, wenn hülfe möglich ist. In dieser Nacht aber wäre jeder Versuch an das Schiff zu gelangen wirklich Tollheit, und könnte nur zum Untergange führen. Solchen Sturm hat niemand seit Menschengedenken erlebt! Ich kenne das Schiff wohl, ich glaube dass es sogar Lootsen am Bord hat, denn seit mehreren Stunden sah ich unter grosser Besorgniss zu, wie es auf der Höhe lavirte. Es ist der Phönix, ein braves Schiff, eines der schönsten und grössten von Marseille. Aber so viel ich durch das Fernrohr sehen konnte, hat es während dieser Reise durch frühere Stürme schweren Schaden erlitten, denn es konnte sich nicht recht regieren. Sonst hätte es wohl eben so gut noch den Hafen erreicht, wie die Syrene und der Merkur, die Ihr vorhin kurz vor dem vollen Ausbruche des Unwetters einlaufen saht. Horch! sie schiessen wiederund wiederarme Leute! arme Leute! mögen Gott und die Heiligen sie trösten. So dicht vor dem Hafen! es ist ein grausames Geschick."

"Die tür flog jetzt weit auf, und hereinstürzte mit der Geberde einer Verzweiflenden ein junges Mädchen, von dem ich mich erinnerte, es sehr oft in der Kapelle beten gesehen zu haben. wild flog ihr langes rabenschwarzes Haar um das todtenbleiche Gesicht, ihre Kleider waren durchnässt, sie wollte reden, aber der Atem fehlte ihr."

"Suzon, Mamsell Suzon, barmherziger Gott wo kommt Ihr her in dieser Schreckensnacht!" rief der Alte und schlug voller Entsetzen beide hände zusammen."

"Die Lampe, die Leuchte, Eure Laterne Vater Regnaud – "stammelte das arme Mädchen, "ich muss hinab an den Strand, hört Ihr das ängstliche Notschiessen denn nicht? – ich will hin, ihnen muss hülfe werdensie müssen gerettet –" ihre Knie brachen bei diesen Worten unter ihr zusammen. Vater Regnaud hielt sie im Fallen auf, sie zitterte konvulsivisch, aber sie verlor nicht das Bewusstsein. Wir standen ihr bei, so gut wir es vermochten, der Alte trug sie in seinen gepolsterten Sorgstuhl neben dem Kamin, rieb ihr die Schläfe mit gebranntem wasser und versuchte es, ihr ein Paar Tropfen davon einzuflössen. "Armes, armes Kind! seufzte er dazwischen, und eine Träne zitterte in seinen grauen Wimpern. "Die Unglückselige! in dieser Nacht den Felsen zu erklimmen, es ist unglaublich! Betet, Mamsell Suzon, betet zu Gott und unsrer lieben Frau für die armen Leute, sie sind in Gotteshand, hofft auf ihn."

"Gebt mir die Laterne, erwiderte Suzon mit wildem, fast wahnsinnigem blick, ich sage Euch, ich muss hinab an den Strand! Sie wollte aufstehen, doch sie vermochte es nicht, sie sank halb ohnmächtig zurück in den Stuhl, und ihre Augen fielen von selbst zu, wie die einer Todmüden. "Ich habe gebetet, so betet niemand wieder," sprach sie leise und immer leiser, "notre Dame de la Gardeich wusste, er käme heute, Euer Signalsie sagtens mir in der Stadtsechs Stunden lag ich am fuss ihres Altars, sie hat mein Gelübde angenommen, sie winkte mirich muss hinab, ich rette ihn, notre Dame de la Garde –"

"Die arme Suzon sprach die letzten Worte halb im Traume, ihr Köpfchen sank zurück, ein eigenes Lächeln glitt über das bleiche Gesicht hin, die an das Stuhlkissen gedrückte Wange rötete sich ein wenig, sie atmete leiser und ohnerachtet der inneren furchtbaren Angst machte die erschöpfte natur ihre Rechte geltend, indem sie dem armen kind kurzes Vergessen aller Not gewährte."

"Sie schläft," flüsterte der Alte, und schlug ein Kreuz über die Schlummernde, dann wollte er auf die Terrasse hinaus, sich umzusehen und ich begleitete ihn. Der Regen hatte aufgehört, der Sturm tobte fürchterlicher als zuvor, kaum dass ich seiner Macht widerstehen konnte und mich aufrecht erhielt. Unaufhörliche Blitze gossen noch immer Ströme von Feuer über das siedende Meer aus und noch deutlicher als zuvor erblickten wir bei ihrem Leuchten das unglückliche Schiff, ringend mit dem Untergange. Dunkle undurchdringliche Grabesnacht umgab uns gleich darauf wieder, und durch die dichte Finsterniss leuchteten einzelne kleine schnell wieder verschwindende Funken zu uns auf; es war das Aufblitzen der Kanonen, durch deren unaufhörliches Abfeuern die verzweifelnde Mannschaft des Phönix noch immer menschliche hülfe herbeizurufen strebte, aber der Schall verschwand unhörbar und ungehört in dem furchtbaren Aufruhr der natur."

"Ich konnte mich nicht