1823_Schopenhauer_091_89.txt

schnell, und über dem Meere hin stiegen weissgraue, zackige Wolkengebilde auf. Doch plötzlich veränderte sich alles. Mit wildem ängstlichem Geschrei flog jetzt auf einmal ein unzählbares Heer grosser und kleiner Wasservögel von allen Seiten dem Ufer zu, und suchte mit bangem Geflatter sich in die Höhlen und Spalten der Felsen zu verbergen. Nahe am Strande war das Meer noch still, es war, als ob seine helle, jetzt blassgraue Fläche nur innerlich erzitterte, ohne jedoch eigentlich Wellen zu bilden, doch weiterhin in der offnen See türmte es sich schon Haus hoch, und ein dumpfes schauerliches Getöse stieg immer lauter und grausenvoller aus der entsetzlichen Tiefe zu uns herauf."

"Wie kurz vorher die Möven und das übrige Geflügel dem schützenden Strande zugeeilt waren, so sah ich jetzt auf den Wogen unzähliche kleine schwarze Punkte in ängstlicher Eile ihm zustreben, lauter Fischernachen, die mit Anstrengung aller Kräfte das Land zu erreichen suchten. Einer davon schlug nahe am Ufer um, aber die rüstigen Fischer retteten sich schwimmend. In einiger Entfernung wandten sich ein Paar grosse Schiffe mit vollen Seegeln durch die kleinen Nachen durch; wie ein Paar Schwäne teilten sie in stiller Majestät die schäumenden Wogen und erreichten glücklich den nahen Hafen, ehe der Sturm mit seinem vernichtenden Fittig sie ereilen konnte."

"Die Luft war am Ufer still, aber das bange Grausen, das auf der ganzen natur ruhte, hatte auch mich ergriffen, und ich stand da und blickte, unfähig mich abzuwenden, den kommenden Schrecken entgegen. Mein alter Freund sass indessen unbeweglich, wie fest gebannt, vor seinem Fernrohr, und obgleich die hereinbrechende Dunkelheit ihm nicht mehr erlauben mochte, weit zu sehen, so starrte er dennoch mit unverkennbarer Angst in die Wasserwüste hinaus, wo der Kampf der Elemente sich immer wilder erhob. Von mir nahm er dabei keine Notiz, nur dass er, ohne es vielleicht selbst zu wissen, dass er es tat, mich dann und wann ermahnte, heimzukehren so lange es noch Zeit sei."

"Heulend, pfeifend, brüllend, mit grässlichem Tosen brach jetzt der Sturm los, und das Meer antwortete ihm. Bergehoch, mit weissem, hell durch die Dämmerung leuchtenden Perlenschaume gekrönt, türmte sich am Ufer die Brandung auf, brach am Felsen in sich zusammen, erhob im Momente sich von neuem, und unabsehbar tief gähnte der schwarze furchtbare Abgrund zwischen den immer von neuem wieder erstehenden Wogen. So weit das Auge reichte, siedete das Meer in unbeschreiblicher Wut, stürzten auf der unermesslichen Fläche Berge über Berge ineinander. Blitze fuhren daher und die ganze Atmosphäre stand in Flammen, Donner und Meer brüllten um die Wette. Der jetzt ganz schwarze Himmel schien sich in das Meer versenken zu wollen, die gewaltigen Wogen türmten gegen ihn sich an, als wollten sie, gleich ergrimmten Titanen, mit ihm kämpfen, und der Fels, auf dem ich stand, schien in seiner Grundfeste zu erbeben."

"Dichte Finsterniss bedeckte die grausenvolle Scene und erhöhte ihre Schrecken. Jetzt zerrissen Blitze von allen Seiten die schwarze Wolkendecke, und bei der, einige Sekunden lang anhaltenden und nach jedesmaligem Verschwinden schnell wiederkehrenden blendenden Helle, entdeckte mein scharfes Auge in nicht zu grosser Entfernung einen dunklern Gegenstand, den eine Woge der andern im grässlichen Spiele zuwarf, der uns bald näher gerollt ward, bald weiter sich entfernte, bald auf drohender Höhe schwebte, bald tief hinab dem entsetzlichen Abgrund zugeschleudert wurde. Es war ein Schiff, allmächtiger Gott! ein Schiff! Wie klein ist alles Menschenwerk gegen die unermessliche natur! Und was sind wir, die wir uns rühmen, die Elemente unserem Dienste zu unterjochen!"

"Jetzt begann der Regen in grossen schweren einzelnen Tropfen niederzufallen; beim Scheine der Blitze glänzten diese wie Feuerfunken. Mir kam es nicht in den Sinn, ein schützendes Dach aufzusuchen, es war mir als gäbe es keinen Schutz mehr in der Welt vor dieser vernichtenden Gewalt der natur. Von Ehrfurcht durchschauert in den tiefsten Tiefen meines Gemüts fühlte ich mich in der unmittelbaren Gegenwart des Herrn der Welt und ich vermochte es nicht einen andern Gedanken zu fassen, als seine unbegreifliche Grösse und die arme Endlichkeit alles irdischen Beginnens."

"kommt herein, Herr, verschmäht meine arme Hütte nicht, Ihr werdet unter meinem dach wenigstens im Trocknen sein," sprach jetzt mein alter Invalide, und zog mich mit höflicher Gewalt seiner kleinen, ganz in der Nähe befindlichen wohnung zu. "Ich sage es Euch vorher, ich habe Euch gewarnt, Herr, aber da war kein Gehör, schalt er recht väterlich, während er in seinem ärmlichen Stübchen den durchnässten Rock mir auszog und ihn an das Kamin hing, in welchem er mit einigen Bündeln trockner Weinreben und ein Paar dicht belaubten Zweige der immergrünen Eiche, die hier einheimisch ist, ein hellaufloderndes Feuer anzündete."

"Ich bin das gewohnt," brummte er während dieser Beschäftigung nach seiner gutmütigen Weise fort; "einem alten Soldaten schadet so etwas nicht leicht, aber Ihr, junger Herr, ich sage Euch, ihr könnt eine Brustentzündung davon tragen. Folgt mir nur wenigstens diesmal, und nehmt einen Tropfen von meinem guten Curaçao, das wird Euch wohl tun."

"Ich tat alles, was der Alte wollte, liess ihn ungestört um mich herum sein Wesen treiben, und horchte nur auf den Sturm, der immer furchtbarer die Hütte umtobte. Plötzlich vernahm ich, mitten durch den wilden Aufruhr der Elemente, einen von diesen sich unterscheidenden Schall wie von einer, in