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. Wenn ich diese Kapelle besuchte, so ergriff mich sowohl ihre Bestimmung als ihre Lage auf unbeschreiblich rührende Weise. Von der hervorragendsten Stelle des Felsens winkt sie dem scheidenden Schiffe den letzten Gruss aus der Heimat noch lange nach, wenn der übrige teil der Küste seinem Auge schon entschwunden ist, und dem Wiederkehrenden leuchtet sie zuerst entgegen, wie ein aus den Wogen auftauchender, Freude und Wiedersehen verkündender Stern, ehe noch das Land selbst seinem Auge sichtbar werden kann. Das sonst als wundertätig hier verehrte Gnadenbild von gediegenem Silber ward freilich schon damals, als frevelnde hände jedes Heiligtum ungestraft antasten durften, von den Kürmagnolen entführt; aber der alte fromme Glaube haftet doch noch an der Stelle, die es einst heiligte. Die Seefahrer empfehlen sich vertrauensvoll dem Schutz der notre Dame de la Garde, wenn sie den Hafen verlassen, und rings umher an den Wänden hängen zahllose Dankopfer von denen, die ihrem Beistande Errettung aus der Sklaverei der Barbaren, oder Erhaltung mitten in der drohendsten Gefahr schuldig zu sein glauben. Morgens und Abends eilen Frauen und Mädchen aus der Umgegend hieher die für ein geliebtes Leben zittern, das im Kampf mit dem wilden Elemente begriffen ist, welches sich hier unabsehbar wie die Ewigkeit vor dem geblendeten Auge ausbreitet. Sie schmücken den kleinen Altar mit frischen Blumen und geweihten Kerzen, und kehren hoffnungsvoll und beruhigt zu ihrem Tagewerk zurück, wenn sie im brünstigen Gebet den geliebten Mann der mächtigen notre Dame de la Garde empfohlen haben. Wie oft stand ich da, gedachte Vicktorinens und suchte in den ländlichen Gestalten irgend eine Ähnlichkeit mit dem geliebten Wesen aufzufinden, dessen reines inniges Gebet vielleicht in der nehmlichen Stunde für mich zum Himmel aufstieg, bis auch mich mein Gefühl neben die Beterinnen am fuss des kleinen ärmlichen Altares hinzog, wenn gleich mein Glaube keiner heiligen Vermittler zwischen mir und Gott bedarf.

Am längsten und liebsten aber pflegte ich hier auf der Terrasse dicht vor der kleinen Zitadelle zu verweilen, von welcher aus sich eine wahrhaft unermessliche Aussicht vor mir ausbreitete, die ich bis jetzt noch keiner andern zu vergleichen weis. Land und Meer, die grosse lebensreiche Stadt mit ihrem Gewühl, von dem kein Ton bis hier hinaufgelangt, die malerisch geformten Felsen, der Hafen mit seinen vielen fremdartigen, in ihrer Bauart so verschiedenen Schiffen und Fahrzeugen aller Art, die viel tausend kleinen Bastiden ringsumher, welche gleich leuchtenden weissen Punkten hervorglänzen aus ihrem Myrtengesträuch, ihren Olivenbäumen, ihren Pinien; alles dieses zusammen gewährt hier beim Untergange der Sonne ein Bild, dessen Darstellung weder Pinsel noch Feder unternehmen darf. Und doch fühlt sich Jeder zu dem Versuche hingerissen und ich selbst muss jetzt gewaltsam mich davon abwenden."

"Hieher, hochwürdige Frau! wallfahrtete ich auch noch am letzten Abende, den ich vor meiner Abreise nach Toulon in Marseille zuzubringen gedachte. Arbeitsmüde, geistig erschöpft von tausend kleinen nekkenden Widerwärtigkeiten, die ich des Tages über zu bekämpfen gehabt hatte, machte ich mich etwas später als gewöhnlich auf den Weg. Die Sonne war schon dem Untergange nahe, und ich bemerkte es kaum, dass ein dünner durchsichtiger Schleier den sonst ewig heitern Himmel wie mit einem Flor zu bedecken begann. Der Weg kam mir ungewöhnlich lang vor, der Felsen schien mir steiler als je, kein Lüftchen wehte mir Kühlung zu, wie sonst immer um diese Stunde, wo der Seewind sich aus dem Meere erhebt; eine für diese Jahreszeit sehr drückende Schwüle erschwerte mir das Atmen, und ich empfand eine so ungewohnte lähmende Mattigkeit, dass ich recht froh war, den Felsen endlich erstiegen zu haben."

"Ich eilte sogleich der Terrasse zu, um noch einmal an der köstlichen Aussicht mich zu erfreuen, ehe es dunkel ward, denn unter diesem Himmelsstrich ist die Zeit der Dämmerung so kurz, dass die Nacht gleich nach dem Sinken der Sonne ihre Rechte geltend zu machen beginnt. Zugleich wollte ich von dem alten Invaliden Abschied nehmen, der hier oben als Wächter angestellt ist und so lange der Tag währt, jedes am Horizonte auftauchende Seegel vermittelst eines grossen Fernrohrs beobachtet, um dessen Ankunft sogleich der Stadt durch Signale kund zu tun, sobald sich nur die Flagge des ankommenden Schiffes erkennen lässt."

"Zwischen mir und dem alten wackern Graukopfe war während meiner öftern Besuche hier oben eine Art freundlichen Verkehrs entstanden, von dem ich ihm ein kleines Andenken zurückzulassen wünschte. Ich hatte gewissermassen sein Herz gewonnen, weil ich ihm freundlich zuhörte, wenn er mir mit der, alten Franzosen so eignen Redseligkeit, von seiner Jugendzeit erzählte, die er gleich allen Greisen der jetzigen weit vorzog, von der vormals unter dem unglücklichen Ludwig in Versailles herrschenden Pracht und von der Schönheit und Huld seiner noch unglücklicheren Königin, die er sogar einmal gesprochen zu haben versicherte, als er eben im Park von Versailles Schildwache stand."

"Der gute Alte pflegte mich sonst immer mit so lauter Freude zu empfangen, als es die alt französiche Höflichkeit ihm nur erlauben mochte, doch heute war auch dieses anders wie sonst. "Kehrt um Herr!" rief er mir schon von weitem zu, sobald er mich ansichtig ward, "geht zurück, um Gotteswillen was wollt Ihr heute hier oben? Ein fürchterliches Unwetter zieht herauf, und Ihr habt von Glück zu sagen, wenn Ihr noch vor dessen völligem Ausbruche die Stadt erreicht."

"Ich begriff den alten Regnand anfangs nicht, die Luft war vollkommen still, kein Hälmchen regte sich; nur der Schleier, der jetzt den ganzen Himmel bedeckte, verdichtete sich unmerklich, aber