sehnsucht zu, als erwarte ich dort mit Gewissheit einen recht lieben Besuch zu finden, der mich für den ganzen langen Tag entschädigen sollte."
"Ich kann Ihnen das freudige Gefühl nicht beschreiben, mit dem ich an meinen Schreibtisch flog, wenn es nun endlich still um mich geworden war, wenn ich nun Ihnen und Vicktorinen alles erzählte, was mich den Tag über erfreut, alles was ich gedacht, alles was ich gesehen hatte. Die schönen Gegenden, durch die mein Weg mich führte, die grossen Überbleibsel einer gigantischen Vorwelt, deren man in dem südlichen Teile von Frankreich so viele noch antrifft; alles zeichnete ich auf, regellos, ungeordnet, aber treu; und wenn ich endlich aus Ermüdung die Feder niederlegen musste, so war mir zu Mute, als sei ich bei Ihnen gewesen, bei Ihnen und bei dem Leben meines Lebens, das ich an Ihrer Seite so sicher mir denke, als es das Kind im arme der Mutter ist."
"Und doch, warum sollte ich es Ihnen verhehlen wollen? es ergreift mich zuweilen ein Gefühl des Verlassenseins, wie es nur der arme Verbannte empfinden mag, der in Sibiriens eisigen Wüsten sein trostloses Dasein zwischen Leben und Erstarren kümmerlich fristen muss, weit geschieden von der schönen Sonne, die in bessern Tagen und glücklichern Zonen ihm leuchtete. Warum soll ich Ihnen nicht bekennen, es steht oft so schmerzlich klar und lebendig vor meinem geist, dass ich es kaum zu ertragen weiss, wie unbegreiflich lange ich nun schon von Ihnen und Vicktorinen geschieden bin; so ganz getrennt, dass auch nicht das leiseste Zeichen ihres Andenkens, kaum Ihres Daseins mich erreicht. Und dennoch kann ich es nicht lassen, immer von neuem den trüben blick der noch trübern Zukunft zuzuwenden, und, zerrissen von sehnsucht und Ungeduld, zur Erhöhung meiner eigenen Qual, die Zahl der langen, unabsehbar langen Reihe von Tagen im Voraus zu berechnen, die ich alle noch in dieser fürchterlichen Abgeschiedenheit werde durchleben müssen."
"Sie sind so mild, Sie zürnen gewiss keinem, der Ihnen vertrauend naht, und so will ich diesem Geständnisse auch noch das hinzufügen: es gesellt sich zu jenen Qualen oft ein sehr herbes Gefühl der Reue, der bittersten Reue darüber, dass ich es nie wagte eine Bitte auszusprechen, welche mir in Ihrer Nähe stets auf den Lippen schwebte, die heisse innige Bitte: doch zuweilen, sei es auch noch so selten, in noch so wenigen Zeilen, mir von Sich und Vicktorinen Nachricht zu erteilen. Ich durfte diese Bitte nicht wagen, weil ich Vicktorinens erzürnten Vater einst versprach, jeder Mitteilung zwischen uns beiden auf unbestimmte Zeit zu entsagen. Die Überzeugung, dass auch Vicktorine mich ermahnen würde, dieses Versprechen in keiner Art zu verletzen, bestärkte mich in meinem Schweigen. Denn sind wir nicht Eins? Muss nicht jedes Gefühl, das in mir laut wird, auch in ihrem Herzen wiederhallen. Wenn ich aber indessen wieder bedachte, dass mich dennoch in Hinsicht auf Sie, hochwürdige Frau! kein Versprechen binde, dann freilich, dann verlor ich doch zuweilen die fein gezogene Linie aus dem gesicht, die einzig bestimmen konnte, was hier erlaubt sei? was nicht? Sie soll entscheiden, beschloss ich endlich, sie selbst, Anna von Falkenhayn. Hält sie es für erlaubt, so wird sie gewiss aus eigenem Antriebe mich auffordern, ihr zu schreiben, und sich auch erbieten, mir von Vicktorinen Nachricht zu geben."
"Wie oft, hochwürdige Frau, wie oft lauschte ich damals, als ich noch an jedem Morgen Ihrer wohltuenden Nähe mich erfreuen durfte, der Erfüllung dieses sehnlichsten Wunsches, mit bangbewegtem Herzensschlag entgegen! Wie oft glaubte ich ihr ganz nahe zu sein, wenn Sie so mütterlich teilnehmend über die nahe lange Trennung mit mir sprachen! Irrte ich wirklich, wenn ich in jener Zeit auch in Ihren Augen zuweilen den Wunsch zu lesen glaubte, dem armen Scheidenden, der all' sein Hoffen einzig auf Sie gestellt hatte, auch aus der Ferne ein Wort des Trostes sagen zu dürfen? Doch Sie schwiegen immer, unabänderlich! Und so ergab ich mich endlich nicht nur darein, den einzigen Trost zu entbehren, welchen nur Sie mir gewähren konnten, sondern ich beschloss auch sogar, Ihnen selbst nie zu schreiben, um mir die hoffnungslose Qual des Erwartens einer Antwort zu ersparen."
"Ohnerachtet dieses festen Entschlusses wage ich es aber doch heute nicht nur freien Mutes Ihnen zu schreiben, sondern auch schon jetzt mein Tagebuch Ihren Händen zu übergeben, was ich eigentlich erst später in einer glücklichern Zeit zu tun gedachte, denn ein über allen Ausdruck erhabenes, aber zugleich auch höchst schauerliches Ereigniss, hat vor kurzem mich von der notwendigkeit überzeugt, vorher mein Haus zu bestellen, ehe ich den Weg betrete, den ich zu wandeln habe. Und so übergebe ich denn, hochwürdige Frau, im reinsten Vertrauen auf Ihre nachsichtige Milde meinen letzten Willen Ihren Händen, ehe ich Europa verlasse; oder vielmehr, ich gestehe Ihnen, dass ich dieses zum teil schon früher getan habe, ohne dass Sie darum wussten."
"Sie erinnern sich unstreitig einer kleinen Schatulle, die ich kurz vor meiner Abreise Ihnen mit der Bitte übergab, sie mir aufzubewahren; ich füge diesem Briefe den Schlüssel zu derselben bei, den ich, überwältigt vom Schmerze der Abschiedsstunde, Ihnen zu überreichen vergas. Das kleine Behältniss verschliesst in sicheren Papieren mein ganzes väterliches Erbteil und zugleich auch eine Abschrift meines gerichtlich niedergelegten Testamentes, durch