, sie wird erlöst und ich bin ihr Ritter."
"So?" sprach Agate, welche in diesem Augenblick den Kopf zur Tür hineinsteckte, um sich nach ihrem Rittmeister umzusehen, den sie ungern lange vermisste. "Nun, da muss ich mich ja auch wohl nach einem andern Ritter umsehen?" setzte sie hinzu, indem sie vollends hineintrat. "Denn Niemand kann, wie bekannt, zweien Herren dienen, und vollends zweien Damen, das geht nun gar nicht an."
Die Lustigkeit, mit der sie diese Worte sprach, ging indessen sehr bald in tiefe Betrübniss über, da sie von der nahen Abreise der Tante Kunde erhielt. "Ach lass mich," sprach sie zu Horst, der es versuchen wollte, sie zu trösten, "lass mich, Du weisst nicht, was wir alle Beide an ihr verlieren. Mich verlässt mein guter Engel, wenn sie von mir geht. Wer soll mir dann nun zum Guten raten, und wer mich schelten, wenn ich dummes Zeug mache? Ach! und wer wird mich nun am Hochzeitstage so hübsch anziehen, wie sie es allein nur kann. Sehen Sie, Tante, Sie haben es mir von Anfang an versprochen, und nun lassen Sie mich doch im Stich, und das sage ich Ihnen, wenn Sie mir den Brautkranz nicht aufsetzen, so mag ich lieber gar nicht getraut werden." Die hellen Tränen liefen ihr bei diesen Worten über das kindlich-rosige Gesicht.
Anna tröstete sie liebkosend, so gut sie es vermochte. "Ich lasse Dich auf keinem Fall im Stich', liebe Agate," sprach sie lächelnd, "trockne nur Deine Tränen. Ich verspreche es Dir, ich putze Dich auf das Schönste am Hochzeitstage, ich setze Dir mit eigener Hand den Kranz auf, und sollte ich in der letzten Stunde vor der Trauung erst ankommen, ich komme, darauf gebe ich Dir mein Wort, Du kennst mich ja, und weisst, ich pflege es nicht zu brechen." Doch alles Zureden half nur wenig, Agate küsste zwar schmeichelnd die hände der Tante, aber sie ward den ganzen Abend über nicht wieder froh, und die Tränen traten ihr in die Augen, so wie sie die geliebte Frau nur ansah.
Kleeborn wendete wenig ein, als die nahe Abreise der Tante auch ihm angekündigt ward, obgleich er sie nicht gern sah, denn das Wort "wichtige Geschäfte" war eine Zauberformel für ihn, die unwiderstehliche Gewalt an ihm übte, daher liess er sie willig gehen, und bat sie, nur recht bald wieder zu kommen.
Anna hatte sich jeden weitern Abschied ernstlich verboten, und so regte sich, ausser den Bedienten, Niemand im haus, als am folgenden Morgen ihr Reisewagen in der frühesten Dämmerung vorfuhr, den sie allein mit ihrer Kammerjungfer bestieg. Vicktorine barg, laut weinend, ihr Gesicht in ihre Decke, als sie ihn fortrollen hörte, und fühlte mit unnennbarer Angst sich so einsam und verlassen, wie nie zuvor in ihrem Leben. Auch Angelika ehrte das Gebot ihrer Wohltäterin und blieb in der letzten Stunde von ihr entfernt, aber sie war doch aufgestanden, und lauschte durch die Fenstervorhänge, um die teure Gestalt nur noch einmal zu sehen.
"Du gehst," sprach sie leise, mit gefaltenen Händen und zum Himmel gewandtem Blicke, "Du gehst und mein Auge sieht Dich wohl nie wieder; möge Gottes Seegen Dich begleiten, wohin Du Dich wendest, und möge keine Ahnung davon in Deine Seele kommen, wie leicht und wie schnell, indessen Du fern von mir bist, die Nacht hereinbrechen kann, die mich Dir auf immer verbirgt! Finde bald wieder ein Wesen, dem Du so wohltätig erscheinen kannst, als Du mir es warst, damit Dir keine Lücke in Deinem schönen Leben fühlbar werde, wenn ich nun dahin bin, und mögen nur sanfte, keine bitteren Tränen um die arme Angelika Deine lieben Augen füllen, wenn Du am Morgen, wo Du heimkehrst, mich suchest und nicht mehr findest!" Raimund deutete der Tante in seinem Briefe zuerst nur ganz in der Kürze die Städte und Länder an, welche er besucht hatte, seit er von ihr und Vicktorinen scheiden musste. Er meldete ihr, wie er in London nur wenige Wochen verweilte und dann von Dower nach Calais überschiffte. Das ganze schöne Frankreich, das wohl mit Recht der Garten von Europa genannt zu werden verdient, durchzog er beinahe der Länge nach, um von dort nach Marseille zu gelangen. In den bedeutendsten französischen Städten, durch welche ihn sein Weg führte, musste er bald längere, bald kürzere Zeit verweilen, um manches verworrene, mitunter auch wohl bedeutenden Verlust drohende Geschäft seines Hauses zu ordnen. Das Glück war ihm dabei günstig gewesen, er hatte zugleich einige neue, seinem haus Vorteil versprechende Verbindungen anzuknüpfen gewusst, und so war der, unter diesem glücklichen Himmelsstrich ohnehin so kurze Winter an ihm endlich vorüber gezogen.
"Stille, stille mein Herz," schrieb Raimund weiter, "stille mein Herz, sprach ich oft ganz leise zu mir selbst, wenn die Ungeduld über das unruhige, mitunter auch ziemlich schlechte Treiben der Leute um mich her sich gar zu ungestüm in mir regen wollte; warte nur bis es Nacht wird und die Welt zur Ruhe geht, dann kommt Deine Zeit. Und war denn nun endlich mein mühseliges Tagewerk vollbracht, dann, hochwürdige Frau, dann eilte ich meinen einsamen vier Wänden mit einer