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Am liebsten hätte ich den jungen Herrn in die Lehre genommen, doch aus Schonung für eine Familie, deren Güte ich so viel verdanke, wollte ich es vermeiden, Zwiespalt zu stiften; denn ich weiss ja, auf welchem fuss der Fremde hier im haus eigentlich steht. Ich verliess mich deshalb lieber auf Sie, gnädige Tante! denn ich sah wohl, wie Sie überall ein wachsames Auge hielten. Jetzt aber wollen Sie leider fort; nun reisen Sie mit Gott, hochwürdige Frau! wenn es denn nicht anders sein kann. Ich will ihr Gebot erfüllen so gut ich es vermag, und was mir vielleicht an welterfahrner Klugheit dazu abgeht, soll meine treue Wachsamkeit ersetzen. Warnen werde ich nicht mehr, das bestärkt Babet nur in ihrem Eigensinne und wäre auf jeden Fall in den Wind gesprochen, aber finden soll sie mich überall, wo sie mich nicht gern sehen wird, und sie müsste es weit klüger anfangen, als es in ihren Kräften stehen mag, wenn sie mich hinter das Licht führen wollte."

"Babet ist sehr schlau," erwiderte die Tante. "Tut nichts, sie findet in mir ihren Mann," fiel der Rittmeister ihr lächelnd ein. "Sie haben mir da freilich einen etwas gefährlichen Vorposten anvertraut, hochwürdige Frau, aber das ist nun einmal Husarendienst, und ich will ihn schon mit Ehren behaupten, sorgen Sie nicht."

"Ich traue Ihnen das Beste zu," sprach Anna, "aber Eines bitte ich nur nicht zu vergessen; Sie dürfen weder drein hauen noch drein schiessen nach Husarenart."

"Ei Gott bewahre, wo denken die gnädige Tante hin," erwiderte Horst, recht herzlich lachend, "ich werde ja nicht. Dem Sir Charles soll kein einziges seiner parfümirten Härchen gekrümmt werden, wenn er es nicht selbst mit Gewalt an mich bringt, und darnach sieht er mir nicht aus. Aber gnädige Tante, da wir doch nun einmal so vertraulich mit einander sprechen, so möchte ich nur Eines noch Sie fragen, was mir schon lange recht schwer auf dem Herzen liegt. Ist es denn wahr, und ist es denn wirklich Herrn Kleeborns und auch Ihr Wille, dass unsre engelschöne und engelgute Vicktorine diesem Strohmanne, diesem englisirten Seekalbe, das mir im grund der Seele so zuwider ist wie ich es auszudrücken nicht vermag, dass sie, sage ich, diesem Menschen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert werden soll? Und können Sie es vor Gott und Ihrem Gewissen verantworten, wenn Sie das leiden?"

Horst war während dieser Rede ganz rot im gesicht geworden, und die Tante freute sich herzlich an dem wohlgemeinten Eifer des jungen Mannes, dessen redliches Gemüt sie längst erkannte, und den sie gern als ein sehr achtbares Mitglied der Familie betrachtete. Ohne jedoch zuviel von Vicktorinens geheimnis zu verraten, liess sie ihm daher jetzt deutlich merken, dass diese schon längst eine andere, würdigere Wahl getroffen habe, und gewiss durch offenen Widerstand sich dem Elend entziehen würde, welches ihr an Sir Charles Hand drohe, wenn nicht früher vielleicht noch irgend ein glücklicher Zufall sie von ihm befreie.

Die höchste Zufriedenheit leuchtete aus des Rittmeisters ehrlichen Augen, während Anna ihm noch auf das Eindringendste die strengste Verschwiegenheit über diese Angelegenheit gebot. "Lassen Sie auch meine arme Vicktorine während meiner Abwesenheit Ihrem Schutz empfohlen sein," setzte sie noch hinzu. "So wie ich Sir Charles Betragen ansehe, hoffe ich, dass nichts geschehen soll, was Vicktorinen auf's Äusserste treiben könnte, während ich nicht da bin, um mich ihrer anzunehmen. Doch würde Vicktorine gezwungen, der offnen Gewalt ihren festen Mut entgegen zu stellen, dann, lieber Horst, dann stehen Sie ihr bei an meiner Statt. Kleeborn ist nicht bösartiger natur, doch sein Eigensinn macht ihn in der ersten Hitze zu allem fähig, besonders wenn sein eigenes Interesse dabei mit ins Spiel kommt, wie eben hier. Er liebt seine Tochter von Herzen, doch Reichtum ist in seinen Augen das Höchste auf Erden, und so könnte er wohl dahin kommen, Vicktorinens wahres Glück ohne Schonung zu vernichten, und dabei dennoch überzeugt zu bleiben, er handle als ein redlicher Vater, der sein verblendetes widerspenstiges Kind sogar mit Gewalt glücklich zu machen suche."

"Lassen Sie mich vor allen Dingen Ihre liebe schöne Hand küssen, dass Sie mich jetzt durch Ihr Vertrauen erst recht zu Ihrem Verwandten eingeweiht haben," erwiderte der Rittmeister, "und sein Sie übrigens unbesorgt, Vicktorine ist von heute an meine Schwester. Mir ist das Herz jetzt federleicht, denn nun weiss ich gewiss und möchte mit Leib und Leben mich dafür verbürgen, dass der Hans Hasenfuss mein Vetter nicht wird, und hoffentlich auch nicht mein Schwager. Lassen Sie mich nur machen, ich will erst meiner Sache ganz sicher sein, ehe ich etwas verrate, aber Sie sollen Freude an mir erleben."

"Horst, wenn Sie eine Unvorsichtigkeit begingen!" rief die einigermassen ängstlich gewordene Tante. "Ei bewahre," erwiderte dieser, "doch eine honette Kriegslist ist nicht verboten, und die verlangt ja an und für sich schon, dass man Vorsicht übt. Verlassen Sie sich in Gottes Namen auf einen ehrlichen Husaren, der Ihr Zutrauen zu schäzzen weiss, und es deshalb auch verdienen will, und reisen Sie ohne weitere sorge. Vicktorine hat in jedem Fall einen Beistand an mir, der selbst in Not und Tod zur Seite bleibt, das Übrige findet sich. geben Sie Acht