alles dieses verflochten ist? Nur jener Brief, der auch Sie diesen Morgen durch seinen blossen Anblick schaudern machte, nur er kann Sie zu diesem unerwarteten Entschlusse bewogen haben. Raimund droht irgend ein Unheil, das Sie abwehren wollen, oder er ist vielleicht dem Unglück schon verfallen, und Sie wollen retten, wo vielleicht keine Rettung mehr ist."
"Vicktorine!" rief wehmütig lächelnd die Tante, und drohte ihr mit aufgehobenen Fingern.
Vicktorine verstummte errötend.
"Nicht wahr, Du und Raimund und eure Liebe sind alles," fuhr Anna fort, "und Niemand als Euch Beiden kann etwas begegnen, das der Rede wert wäre? Gutes, liebes Kind, ich möchte nie Dir wehe tun, am wenigsten in dieser Stunde, doch der Jugend-Dünkel, der Dich wie alle Deinesgleichen verleitete, Euch weit entfernt von allen Übrigen auf eine ganz besondere Stufe zu stellen, und alles auf Euch zu beziehen, kann ich selbst jetzt nicht loben; er zieht ja zu traurige Folgen nach sich für Euer künftiges Leben. Du weinst, Vicktorine? weine nicht, und nimm wenigstens den Trost von mir an, den einzigen, den ich Dir geben kann, dass, täuschte ich mich auch in der Hoffnung des glücklichen Erfolgs dessen, was ich jetzt zu unternehmen im Begriffe bin, dennoch Deine und Raimunds Lage dadurch nicht im mindesten anders gestellt werden kann, als sie jetzt steht. Und nun lass Dir meine Angelika noch einmal empfohlen sein; Du liebst sie wie eine Schwester, pflege und schone ihrer, wie Du sie liebst. Auch Dir meine Angelika empfehle ich meine Vicktorine, bleibe ihr mit Deinen still ergebenen frommen Sinn stets zur Seite, verlasse sie nie. Und wenn der Geist des Unmuts sich in ihr zu regen beginnt, was, während ich nicht da bin ihn zu bannen, wohl öfters noch als sonst geschehen möchte, dann, meine Angelika, dann suche Deine milde Liebe ihn zu besänftigen. Lasst mich so Euch wieder finden," setzte sie mit in Tränen glänzenden Augen hinzu, indem sie beide Mädchen eines in des andern arme legte. "Denkt meiner in Liebe, doch nicht in sorge. Schreiben werde ich selten, nur wenn es nötig werden sollte. Eure Briefe sendet unter meiner Adresse mir in mein Stift, ich werde sie sicher erhalten, aber ich bitte Euch, schreibt auch Ihr mir nur, wenn Ihr mir wirklich etwas zu sagen habt, das ich wissen muss. Wenn ich nichts von Euch höre, werde ich denken, es gehe Euch gut, tut Ihr ein Gleiches, wenn Ihr von mir nichts vernehmt." Vicktorine schwamm in Tränen bei diesem feierlichen Abschiede, doch Angelikas Auge blieb trocken, denn sie weinte schon lange nicht mehr. Sie warf sich nur mit flehender Geberde an den Busen der Tante, und hob schüchtern den bittenden blick zu ihr empor.
"Mein teures Kind, mein geliebtes holdes Leben," sprach Anna sehr gerührt, "ich verstehe Deine stumme Sprache, sie trifft mir schmerzlich in das Herz. Aber ich kann auch Dir nur erwiedern, was ich auf Vicktorinens laute Klagen antwortete; es muss so sein, ich muss auch von Dir auf einige Zeit mich trennen. Ich darf Dich nicht mit mir nehmen. Wollen wir denn beide zugleich die arme Vicktorine verlassen?"
Angelika richtete sich auf, und reichte in schweigender Wehmut, mit einem unendlich schmerzlichen Lächeln, Vicktorinen die Hand.
"Ich werde schnell reisen, weit schneller als Deine der ungestörtesten Ruhe bedürfende Gesundheit es ertragen könnte," setzte Anna jetzt gefasster hinzu, ich werde sogar die mondhellen Nächte benutzen. Das Geschäft, dem ich zueile, wird alle meine Zeit in Anspruch nehmen, Deine mir sonst so liebe Gegenwart, meine Angelika, würde mir nur quälend werden, weil ich Dich durchaus vernachlässigen müsste. So denke ich Dich gesünder und gestärkter hier wieder zu finden, als ich Dich zurückzubringen hoffen dürfte, wenn ich mir es erlaubte, meinem Wunsche zu folgen und Dich mit mir zu nehmen."
Angelika beugte sich schweigend über die Hand ihrer geliebten Wohltäterin, und nur ein leiser Seufzer drängte sich unhörbar aus der tiefsten Tiefe ihrer Brust herauf. Sobald die Mädchen sie verlassen hatten, befahl Anna, auch den Rittmeister Horst zu rufen, um den während ihrer Abwesenheit auf das Betragen der Schwester seiner Braut aufmerksam zu machen, denn auch diese hielt sie ihrer liebenden Vorsorge nicht unwert, so weit Babet auch für jetzt davon entfernt sein mochte, es dankbar zu erkennen und durch kindliches Vertrauen zu erwiedern. Daher wünschte sie wenigstens, in Agatens künftigen Gatten dem leichtsinnigen Mädchen einen brüderlichen Freund zu hinterlassen, der an ihrer Stelle über die Unvorsichtige wachte, um sie vor grossen Fehltritten zu bewahren.
Die Nachricht von der Tante nahen Abreise betrübte auch den wackern jungen Mann, der sie nicht minder liebte und ehrte als alle, die ihr nahten. Er hörte sehr aufmerksam, was sie in Hinsicht auf Sir Charles und Babet ihm zu sagen für gut fand, gab ihr aber zugleich zu erkennen, dass auch ihm das Betragen dieser Beiden längst sehr unangenehm aufgefallen sei, und dass er, wie wohl vergebens, es sogar versucht habe, Babet zu warnen.
"Ich mochte wohl freilich dabei," sprach er, "meine Worte nicht ganz genau abgewogen haben, denn das ist nun einmal nicht meine Sache, aber ich bin dafür auch schlecht genug angekommen. Herr Gott, wie hat Sie mich abgeführt!