zu sich beschied. Heftig wie immer, mit nicht unterdrückender Angst, stürzte Vicktorine auf den ersten Ruf in das Zimmer der Tante, und da ihr diese mit freundlichem blick entgegen lächelte, so ging sie auch eben so lebhaft von der bängsten sorge, welche sie den ganzen Tag über gequält hatte, zur berauschendsten Freude über.
Wie ein glückliches Kind sich an den Busen der Mutter wirft, wenn es am Weinachtsabende durch die noch verschlossene tür schon die Lichterchen des lang ersehnten Baums blinken sieht, so warf sich Vicktorine in die arme der Tante.
"Nicht wahr?" flüsterte sie schmeichelnd, "alles ist gut, alles ist recht gut, und Ihre bange Ahnung beim ersten Anblicke des briefes bestätigt sich nicht?"
"Alles ist gut!" erwiderte die Tante merklich bewegt, "alles ist gut, und wird hoffentlich noch sehr gut werden." Damit drückte sie das geliebte Kind fest an ihr Herz, und zog auch Angelika in ihre arme, die jetzt ebenfalls dicht neben ihr stand und sie mit leuchtendem Blicke betrachtete.
"Anna!" rief Angelika aus, "Anna, wie schön sind Sie in diesem Augenblick! es ist als ob ein eigner Strahl himmlischer Verklärung Sie umleuchtete; Sie sehen aus wie an jenem unvergesslichen Abende, da Sie zuerst den Namen Bernhard uns nannten. Sieh' sie doch nur an, Vicktorine, ist es nicht, als ob unser Schutzengel in sichtbarer Gestalt vor uns stände?"
"Es ist so," erwiderte Vicktorine, indem sie tief und forschend in Annas helle Augen sah, "es ist so, aber ich sehe hier eine grosse Träne blinken, ich sehe um ihren Mund das Zucken innerer Rührung, die sie umsonst hinwegzulächeln sich bemüht. Angelika, unser Schutzengel trauert über uns! und so ist denn doch nicht alles gut. Liebe, liebe Tante, o reden Sie, was wollen Sie uns verkünden?"
"Nichts Unglückliches, wahrlich nicht!" erwiderte Anna, "es wird sogar hoffentlich zum Guten führen, doch für den Augenblick wird es auch Euch betrüben, wie es mich betrübt, denn ich muss Euch verlassen, wenn gleich nicht auf lange."
Die Mädchen starrten sie erbleichend an, und vermochten keine Sylbe zu erwiedern: "Ungern, sehr ungern, meine Vicktorine, lasse ich Dich in der drückenden Lage allein, in der Du so sehr meines Trostes bedarfst," fuhr Anna fort, "und auch von Dir, meine Angelika," setzte sie, noch weicher werdend, hinzu, "auch von Dir mich zu trennen, ist mir sehr schmerzlich; ich werde Deine gewohnte liebe Nähe sehr, sehr vermissen, mein Kind, mein liebes!" Sie schloss Angelika in ihre arme, und die Träne, die schon lange in ihrem Auge gezittert hatte, schimmerte jetzt wie ein Diamant in den blonden Locken des immer bleicher werdenden Mädchens. Alle schwiegen.
"Nein! es ist nicht, es darf nicht sein!" rief endlich Vicktorine. "Es ist so, es muss so sein!" erwiderte Anna, sanft, aber bestimmt. "Doch fragt mich nicht, warum? denn diese Frage darf ich Euch noch nicht beantworten, ergebt Euch drein, wie ich mich drein ergebe, in wenigen Monaten, vielleicht in wenigen Wochen schon, kehre ich wieder."
"Und ich bleibe verlassen zurück und mag untergehen; wen kümmert das?" rief fast zürnend Vicktorine.
"Dir bleibt Raimunds Angedenken und Deine Liebe; ist das nicht genug? Dir bleibt auch Angelika, wie Du ihr bleibst," erwiderte die Tante mit mildem Ernst. "Und bliebe sie Dir auch nicht; nur der ist verlassen, der sich selbst verlässt. Die Bahn liegt klar und bestimmt vor Dir, die Du zu gehen hast, es ist Deine Schuld, wenn Du von ihr abweichst. Mich ruft ein wichtiges Geschäft, das Niemand ausführen kann, als ich allein. Ich kehre mit gewohnter Liebe zu Euch zurück, sobald ich vollendet habe, was mir jetzt obliegt, und unser Wiedersehen wird freudig und glücklich sein, dies sagt mir eine innere stimme, die im Laufe meines Lebens mich selten irre führte."
"Und so darf ich denn nicht wissen, was Sie abruft, in einer Zeit, da nur Ihre Gegenwart mich aufrecht erhält! Es muss durchaus auch mir verborgen bleiben!" rief die immer noch sehr aufgeregte Vicktorine. "Liebe Tante, ich bin kein Kind mehr, dem man die bittere Arznei in Zucker einwickeln muss, ich kann das Herbste mit Fassung tragen, ich habe dies bewiesen, aber wenn ich es soll, so muss ich aber auch überzeugt sein, dass –"
"Und welcher Uberzeugung bedarfst Du denn noch, um mir zu vertrauen?" erwiderte Anna jetzt sehr ernstaft; "bin ich noch nicht weiter mit Dir? bedarf es, damit Du mir Glauben schenkst, noch weitläuftigere Erklärungen unter uns, die ich vermeiden will, wie Du siehst? Glaubst Du, ich handle nur aus Eigensinn so, und nicht weil ich überzeugt bin, so handeln zu müssen?"
"O Tante! Sie sind strenge aber auch gerecht!" rief jetzt Vicktorine mit überströmenden Augen. "Ja, teure Frau, ich will, ich muss unbedingt Ihnen vertrauen, ich tue es mit reinem festen Glauben. Doch ist es' meine Schuld, wenn eine finstere Ahnung mich empfinden lässt, wie tief Raimund in