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kaum so lange ertragen haben, wenn nicht zuweilen der Gedanke ihn getröstet hätte, dass Sir Charles sie absichtlich verschiebe, um Vicktorinen mit der Zeit seinen Wünschen geneigter zu stimmen, als sie jetzt es zu sein bezeigte. So wartete er denn in wunderlicher Selbsttäuschung von einem Tage zum andern, ohne eigentlich recht gewahr zu werden, wie aus diesen Tagen Wochen und zuletzt sogar Monate entstanden, die dennoch nicht die geringste Veränderung in der Lage der Dinge herbeiführten.

Inzwischen erwartete aber auch Babet täglich, und mit nicht minderer Gewissheit als ihr Oheim, eine Erklärung ähnlicher Art von Seiten des Sir Charles, die gewiss allen Hoffnungen des alten Herrn mit einemmal ein Ende gemacht hätte; und die Nachgiebigkeit, mit der dieser die Launen seines erwählten Schwiegersohnes ertrug, war in der Tat nicht weniger zu bewundern, als seine Verblendung gegen Dinge, die dicht unter seinen Augen vorgingen.

Babets Einbildung war freilig sehr geschäftig, doch muss man auch gestehen, dass Sir Charles sich gegen sie auf eine Weise betrug, welche sich ganz dazu eignete, in dem eitlen unerfahrenen Mädchen die schmeichelhaftesten Erwartungen zu erregen; besonders war dies der Fall, wenn er sich von Andern unbemerkt glauben konnte. Der Eindruck, den ihre frische Jugendblüte im ersten Augenblick ihres Zusammentreffens auf ihn gemacht hatte, war nicht so ganz oberflächlich, dass nicht ihre zuvorkommende Freundlichkeit und ihre, ihm oft ganz unbegreifliche Naivetät diesen täglich hätten erneuern und ihn bewegen sollen, ihr gegenüber, alle jene kleinen Künste männlicher Koketterie zu üben, die seinesgleichen stets zu Gebote stehen. Er bildete sich sogar ein, nach einem sehr wohldurchdachten Plane dabei zu handeln, indem er glaubte, Vicktorinens Eifersucht erregen und die Stolze demütigen zu wollen, während es doch eigentlich nur Langeweile und das Bedürfniss einer kleinen Intrike war, die ihn zu diesem Benehmen bewogen. Demohngeachtet stand aber der Vorsatz in ihm fest, sich hier auf keinem Fall zu einer Unvorsichtigkeit hinreissen zu lassen, die für ihn die unangenehmsten Folgen nach sich ziehen konnte. Daher suchte er vor allem sich stets so unbestimmt als möglich gegen Babet zu äussern und trachtete hauptsächlich darnach, das Spiel so in seiner Hand zu behalten, dass er es aufgeben könne, sobald er wolle. Er sprach sich daher selten in Worten aus, weit öfter durch Blicke, und hütete sich sorgsam vor allem, was ihn vor der Welt ernstlich kompromittiren könnte. Babet hingegen benahm sich auf ganz entgegengesetzte Weise, und setzte ihn dadurch oft in nicht geringe Verlegenheit. Ihr lag vor allen Dingen daran, der Welt zu zeigen, welch' eine Eroberung sie auf Vicktorinens Kosten gemacht habe. Der stille Triumph war ihr nicht genug, sie verlangte einen öffentlichen, und beging dahei unzählige, oft recht künstlich berechnete Unvorsichtigkeiten, durch die sie weit mehr erraten liess, als sie eigentlich zu verbergen hatte. Denn sie strebte hauptsächlich nur nach dem Vergnügen, sich von ihren zahlreichen Freundinnen necken, mitunter auch wohl ein wenig beneiden zu lassen, und beides gelang ihr. Bei solchen Gelegenheiten pflegte sie dann Vicktorinen mit wirklich beleidigendem Mitleide zu betrachten, während diese nichts sehnlicher wünschte, als das Spiel sich in Ernst verwandeln zu sehen. Ihre edlere, aller Hinterlist abgeneigte natur und auch Babets mitunter recht unartiges Betragen, hielten sie freilich davon zurück, hier die Mittlerin machen zu wollen, aber sie tat wenigstens alles, was in ihren Kräften stand, um nichts von dem zu sehen, worauf Babet sie aufmerksam machen wollte, und so wenigstens auf keine Weise dem anscheinenden Verständnisse jener Beiden in den Weg zu treten.

übrigens war Babet so überzeugt, dass Sir Charles bis zum Sterben in sie verliebt sei, dass sein bisheriges Vermeiden einer förmlichen Erklärung dieser leidenschaft ihr auch nicht die mindeste Unruhe verursachte; sie war im Gegenteil unerschöpflich im Bemühen, täglich neue Gründe dafür zu ersinnen. Hatte er ihr doch gesagt, dass sie unbeschreiblich schön und reizend sei, und was noch mehr war, hatte er sie sogar nicht einigemal seine bezaubernde Lady Betty genannt? was konnte das anders heissen, als dass er sie liebe, und sie folglich durch eine Heirat mit ihm zu einer englischen Lady erheben wolle. Eine Lady! sie wusste selbst nicht, was sie sich darunter dachte, aber es kam ihr doch über alle massen romantisch vor, eine englische Lady zu sein.

Dass dem im langen Leben mit der Welt geübten Scharfblick der Tante von allem diesen nichts entgehen konnte, war wohl natürlich, aber sie kannte auch Babet genau genug, um zu wissen, dass hier jede, selbst eine mit der grössten Schonung ausgesprochene Warnung, wohl manches verschlimmern, jedoch nichts verbessern könnte. Deshalb begnügte sie sich damit, jeden ihrer Schritte treulich zu beobachten, und sie übrigens ihren Weg gehen zu lassen. Sie stellte sie einer Nachtwandlerin gleich, die man nicht anrufen darf, wenn man sie nicht dem Abgrunde zu treiben will, aber sie versäumte es deshalb dennoch nicht, den Abgrund sorgsam zu umstellen, um sie im Falle der Not gewaltsam zurückhalten zu können. Dass übrigens der Schmerz getäuschter Liebe der künftigen Ruhe eines Mädchens, wie Babet, nie gefährlich werden könne, davon war sie ebenfalls auf das Vollkommenste überzeugt; indessen hoffte sie viel für sie von der heilsamen Erschütterung des gewiss nicht fernen Moments ihres Erwachens aus dem selbst geschaffnen Traume, und nahm sich fest vor, diesen alsdann recht kräftig zum Besten des verblendeten eitlen Kindes zu benutzen. In diesem von mehreren Seiten höchst gespannten Verhältnisse war schon eine ziemliche Zeit vergangen, während welcher Allen,