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doch da man ihn jetzt schon als einen nahen Verwandten betrachten konnte, so entdeckte ihm Herr Kleeborn das verhältnis, in welchem seiner Meinung nach jene Beiden zu einander standen, und er war dafür gefällig genug, sich einstweilen eine Lebensweise gefallen zu lassen, die ihm eigentlich wenig zusagte. Zum Glück gewann er dabei seine Agate nur um so lieber, da er sah, wie sie mitten im glänzendsten Gewühle dennoch mit ganzer Seele nur an ihn hing, und sobald sich die gelegenheit dazu bot, für eine einsame Stunde an seiner Seite gern andern Freuden entsagte.

In diesem nur selten unterbrochenen Taumel des Vergnügens verging der grösste teil des Winters und der Frühling nahte bereits, ohne dass sich Kleeborn dennoch durch alle seine kostbaren Anstalten der Vollendung seiner Wünsche nur um einen Schritt näher gebracht sah. Obendrein ward mit der Zeit die halbe Stadt in seine Pläne eingeweiht, so gern er diese noch eine Weile verborgen gehalten hätte, und es fehlte nicht an Anspielung darauf, die er freilich nur schweigend, höchstens durch ein schlaues Lächeln beantwortete, die ihm aber doch eigentlich sehr unangenehm waren.

In bedeutenden Handelsstädten wird freilich das Leben etwas liberaler betrieben, als selbst in mancher grossen Residenz, denn in letzterer sind gewöhnlich die Stände viel strenger von einander gesondert, und die grosse Stadt zerfällt dadurch in unzählige kleine. In grossen Handelsstädten hingegen, wo Alle einander mehr oder weniger gleich stehen, und nur der grössere oder geringere Reichtum der Familien einigen Unterschied bildet, i s t dieses weit weniger der Fall, besonders wenn sie zugleich Seestädte sind. Selbst das ganz vom Gewöhnlichen Abweichende fällt dort schon darum weit weniger auf, weil die aus allen Ecken der Welt zuströmenden Fremden den Augenpunkt der Bewohner einer solchen Stadt erweitern und das Fremdartige ihnen dadurch zum Bekannten wird, weil es beinahe täglich vorkommt. Da es indessen aber wohl keinen Ort in der Welt gibt, aus welchem die Lust, über Andere zu reden, völlig verbannt wäre, so machte auch Vicktorinens Geburtsstadt von dieser Regel keine Ausnahme, und man muss gestehen, dass Sir Charles ihren Bewohnern überreichen Stoff zur Unterhaltung freiwillig lieferte.

Sein langer Aufentalt im teuersten Gastofe, in welchem er mit seiner zahlreichen Dienerschaft fürstlichen Aufwand trieb, konnte schon an und für sich unmöglich ganz unbemerkt bleiben; er wandte aber auch überdem geflissentlich alle Mittel an, die ihm zu Gebote standen, um die allgemeine Aufmerksamkeit täglich von neuem auf sich zu richten, nicht nur durch seine und seiner Dienerschaft auffallende Kleidung, sondern auch durch sein ganzes übriges Betragen.

Bald stellte er mit seinen schönen Pferden ein öffentliches Wettrennen nach englischer Art an, welches die halbe Stadt herbeizog; bald regierte er als ein ächter Pferdebändiger, mit eigener Hand, und auch im Äussern einem Kutscher ähnlich gekleidet, seine vier mutigen Rosse vom Kutschbock aus, und fuhr so seinen im Wagen sitzenden Kammerdiener auf den besuchtesten Promenaden spazieren. Ein Paar Mal liess sogar Babet sich von ihm auf diese Weise im Triumph herumfahren, und neben ihr sass denn in Todesangst mit kaum zu unterdrückendem Angstgeschrei die arme alte Virnot. Denn Vicktorine weigerte sich, unter dem Vorwande unüberwindlicher Furcht, Babet auf solchen Fahrten zu begleiten, und ihr Vater, dem bei dem wilden Treiben selbst nicht wohl zu Mute war, mochte sie nicht zwingen, diese Furcht zu besiegen. Ein andermal lud Sir Charles alle Welt zu einem Tanz-Frühstück ein, das um drei Uhr Nachmittags anfing und gegen Mitternacht endete, oder gab um acht Uhr Abends ein grosses Mittagsessen, zu welchem die seltensten Leckerbissen aus fernen Landen verschrieben und alle Treibhäuser mehrere Meilen in der Runde geplündert werden mussten, um den Speisesaal mitten im Winter zu einem blühenden Frühlingsgarten umzuschaffen. So brachte fast jeder Tag etwas Neues und bot zur Unterhaltung auf Kosten des Fremden frischen Stoff dar. Am wenigsten war man aber geneigt, ihm sein Benehmen in der Gesellschaft zu verzeihen. Die Trägheit und Gleichgültigkeit, die er so gern zur Schau trug, die anscheinend geflissentliche Verletzung der allergewöhnlichsten Regeln der Höflichkeit, die er sich gelegentlich zu Schulden kommen liess, machten ihn durchaus nicht beliebt, oft aber zum Gegenstand des Spottes, ohne dass seine gewohnte Apatie ihm erlaubt hätte, Notiz davon zu nehmen. So sah man ihn zum Beispiel einst in einem sehr besuchten öffentlichen Concert, wo es durchaus an Platz fehlte, in einer der vordersten Reihen seine gewohnte Lieblingsstellung über zwei Stühle hingelehnt beibehalten, obgleich mehrere Damen um und neben ihn standen, bis es ihm endlich nach einer halben Stunde beliebte, mitten in einer Cadenz des Virtuosen, während man bei der allgemeinen Stille eine Stecknadel hätte fallen hören können, sich mit ziemlichen Geräusche in die Höhe zu richten, den Damen seine Plätze zu überlassen und dabei auszusehen, als erwache er eben aus einem tiefen Traume.

Alles dieses missfiel dem alten Kleeborn gar sehr und machte ihn zuweilen recht missmutig, vor allem aber verdross es ihm, dass es noch immer zwischen Sir Charles und Vicktorinen zu keiner förmlichen Erklärung kommen wollte. Es sah sogar zuweilen aus, als erwarte jener, dass der erste Antrag zu einer nähern Verbindung von Seiten des Vaters seiner Braut an ihn gelangen solle: doch dagegen sträubte sich dessen Stolz, und so blieb Alles wie es war. Zwar meinte Kleeborn, Sir Charles förmliches Anhalten um Vicktorinens Hand sei eigentlich nur eine blosse Formalität, da zwischen ihm und dem alten Wissmann, was ihm die Hauptsache war, schon längst verabredet wurde, aber er sah diese Formalität doch als durchaus notwendig an. Auch würde er ihre Verzögerung