1823_Schopenhauer_091_78.txt

und sprichst halb im Traum?"

"Ach nein, bewahre," erwiderte Agate, "ich denke nicht an Schlafen. Stell' Dir nur vor, Horst hat heute früh beim Onkel ordentlich um mich angehalten, er hat es mir gestern über Tische schon gesagt, dass er es wollte, und er hat auch dem Onkel recht wohl gefallen. Hernach ist er wohl andertalb Stunden lang mit der Tante allein in ihrem Zimmer geblieben, und er hat auch ihr recht wohl gefallen, besonders, sagt sie, wegen seines ehrlichen und aufrichtigen Wesens, und weil er mich so lieb hat. Nun und hernach hat die Tante auch mich ins Verhör genommen, und dabei ging es scharf her, das kannst Du nur glauben, nun und hernachach Gott!" rief sie halbweinend, "und hernach soll ich morgen früh das Jawort geben; der Onkel will es nicht anders, und der Schwarze will auch nicht länger warten, und ich habe noch in meinem Leben keinen Menschen ein Jawort gegeben, und ich weiss gar nicht wie ich das anfangen werde. Ach wäre morgen doch erst vorüber; ich ängstige mich so, Du kannst es gar nicht glauben!"

"Höre," erwiderte Babet mit einem sehr altklugen Gesicht, "wäre ich wie Du, und fürchtete ich mich so, ich gäbe das Jawort nicht und liesse ihn ohne solches abziehen. Solch' eine förmliche Heuratsgeschichte könnte mir nun gar nicht gefallen. Das ist ja wie, als der Grossvater die Grossmutter nahm. Es ist viel hübscher, wenn die Leute sagen, die ist noch so jung, und hat doch schon einem Rittmeister den Korb gegeben, denn bekannt muss so etwas doch werden –"

"Das wäre doch recht schlecht von mir," fiel Agate ein, "und ich müsste mich doch schämen, wenn ich ihn dafür, dass er mich lieb hat, ins Gerede bringen wollte. Und dann, Du weist es ja, mir hat der Schwarze schon lange viel besser als alle Andere gefallen. Wenn ich nur das Jawort nicht geben müsste! Nun, der liebe Gott wird mir helfen, und der Mensch kann viel überstehen."

"Meinetwegen tu' was Du willst," erwiderte jetzt Babet, etwas pikirt, "und denke nur nicht etwa, dass ich mich ärgre, weil Du eher Braut wirst als ich, obgleich ich dreizehn und einen halben monat älter bin als Du. Glück zu, Frau Rittmeisterin, ich denke höher hinaus, und wer weiss, ob ich Dich dennoch nicht einhole. Man kann zwar nicht im Voraus so genau bestimmen, wie alle Dinge kommen werden, aber ich weiss was ich weiss, und gieb nur Acht, es wird sich noch alles ganz anders machen, als die Leute es sich jetzt denken." Dem mit altreichsstädtischer Förmlichkeit in Gegenwart des Onkels und der Tante ausgesprochnen Jawort, mit welchem am folgenden Morgen Agate unter gewaltigem Herzklopfen den Rittmeister beglückte, folgte bald die feierliche Verlobung des jungen Paares, und Agate ward die allerreizendste kleine Braut, die man sich denken kann. Anfangs war sie freilich noch sehr schüchtern und ängstlich, sie kam sogar ganz von selbst auf den Gedanken, dass sie den Mann doch eigentlich sehr wenig kenne, mit dem sie ihr ganzes Leben hindurch Freude und Leid teilen wollte. Doch Horsts treue herzliche Liebe gab ihr bald die jugendliche Fröhlichkeit wieder, die ihr zuerst das Herz des junges Kriegers gewonnen hatte. Der ihr angeborne Mutwille kam wieder auf, und sie verstand es in kurzer Zeit vortrefflich, ihren Rittmeister, der sich dies mit tausend Freuden gefallen liess, auf gut militärisch zu kommandiren. Nebenher trieb sie den ganzen Tag über ihre gewohnten Kinderpossen, obgleich sie auch wieder dazwischen die zahlreichen Gratulationsvisiten von Freunden und Verwandten mit unendlicher Gravität anzunehmen wusste. Das ganze Kleebornsche Haus erhielt durch sie einen Anstrich von heiterer Fröhlichkeit, die sonst nicht immer darin einheimisch gewesen war, aber die Nähe einer jungen glücklichen Braut besitzt eine eigne, alles belebende Kraft, und selbst die Aeltesten fühlen sich in ihr gleichsam verjüngt; sie gleicht dem Frühlinge, bei dessen ersten erscheinen sogar die alte halb abgestorbne Eiche mit jugendlichem Grün sich kleidet und sich ihren Sprösslingen gleichstellt.

Von nun an wandte die Tante alle Liebe und sorge, deren sie in so hohem Grade fähig war, der jungen Braut in verdoppeltem Maasse zu, indem sie in dieser bei tausend Anlässen, welche ihr neues verhältnis herbeiführte, ein höchst glückliches Naturell entdeckte, das nur geringer Nachhülfe und einer Leitung bedurfte, um sich schnell recht erfreulich zu entwickeln. Horst war in seinen Anforderungen an die künftige Gefährtin seines Lebens sehr mässig; er selbst machte bei einem gesunden hellen verstand dennoch nur wenig Ansprüche an höhere geistige Bildung, und forderte deshalb auch nichts weiter von seiner jungen Braut, als ein treues liebendes Gemüt, heitern Sinn und nie wankendes Vertrauen. Dieses alles fand er in ihr, er war der Mann dazu, es sich zu erhalten, und so schien denn die glückliche Zukunft des neuverlobten Paares sich mit jedem, Tage fester zu stellen.

In dem alten Kleeborn war indessen die Lust an dem ehemaligen Glanz seines gastfreien Hauses von neuem erwacht, und die weiten Säle desselben mussten von neuem fast täglich von rauschenden Festen widerhallen, denen das junge Brautpaar zum Vorwande diente, obgleich es dabei eigentlich darauf abgesehen war, Vicktorinen und Sir Charles einander näher zu bringen.

Horsts einfacher Sinn hätte ihn dem allen zwar gern aus dem Wege geführt,