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seiner anhänglichkeit und weil ich mich nicht damit bemühen mag, ihn wegzugeben. Ich wollte, er würde mir einmal gestohlen, aber er käme doch wieder."

Die Tante sah deutlich, wie Kleeborn durch dieses Geschwätz immer verdrüsslicher gemacht wurde, und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, suchte sie es auf des jungen Mannes Reisen, besonders in Frankreich und Italien zu leiten. Dieser, von ihr dazu aufgemuntert, begann jetzt zu erzählen, und zwar nicht ohne Geist, aber er gähnte dabei oft durch die Nase, machte lange Pausen, verlor den Faden, so dass er nicht mehr wusste, wovon er zuletzt gesprochen hatte und betrug sich vollkommen wie einer, der nur spricht, um nicht vollends einzuschlafen. Alles Sehenswerte, alles bedeutend Merkwürdige hatte er in den Ländern gesehen, die er durchreist war. Nichts war ihm entgangen, aber auch nichts hatte seine Erwartung befriedigt, am wenigsten das, was alle andere Reisende mit Bewunderung erfüllte. Dabei sprach er viel von antiken und anderen Kunstwerken, die er in Italien an sich gekauft hatte; vieles, das den Transport nicht gar zu sehr erschwerte, versicherte er mit sich zu führen, und erbat sich zugleich die erlaubnis, es den Damen gelegentlich zeigen zu dürfen.

"Es wird mir einigermassen selbst lieb sein, alle diese Dinge einmal wieder zu sehen, denn seit ich sie acquirirte, habe ich mich nicht wieder darum bekümmert," sprach er; "mein Secretair hat sie unter seiner Aufsicht. Mich interessirten sie nur, so lange ich sie nicht besass, wegen der Freude, sie andern wegkaufen zu können, die ebenfalls nach ihrem Besitze strebten. Ich betrachte das wie eine Art von Entschädigung für die Freuden der Jagd, die ich in jenem land entbehren musste und die langnasigen römischen Cicerones kamen mir dabei wie treffliche Spürhunde vor. übrigens mögen diese Herren mich wohl mitunter ziemlich ruchlos betrogen haben, aber ich scheute die Mühe dieses zu merken, und liess sie lieber machen was sie wollten. Im grund ist es doch ein törigtes Beginnen, sein schönes Geld für altes rostiges Eisenwerk und zerbrochenen Marmor wegzugeben, doch was tut man nicht aus Langeweile! und die atmet man in Italien, besonders in Rom, mit der Luft ein."

Das Gespräch wandte sich zufälligerweise auf Manufakturen und ihre Erzeugnisse. Sir Charles gab auch hier, wie überall, seinem angeblichen vaterland, England, den Vorzug, aber er wusste doch auch über manches von dieser Art, was er in andern Ländern gesehen, ziemlich bestimmte Auskunft zu geben und beantwortete einige fragen des alten Kleeborn zu dessen grosser Zufriedenheit, so dass dieser allmählich wieder völlig mit ihm ausgesöhnt schien, und die afrikanischen Tiere darüber vergass. Unter andern rühmte er die Korallenschleiferei in Marseille, und zog dabei ein Schmuckkästchen unter seinem Kittel hervor, welches er als Beweis der hohen Vollkommenheit ihrer Produkte Vicktorinen überreichte, die bis jetzt an dem Gespräch nur schweigenden Anteil genommen hatte. Es entielt einen sehr vollständigen Damenschmuck von ausgesucht schönen geschliffenen Korallen, dessen grösster Wert aber in der ausserordentlich eleganten Fassung derselben bestand.

Vicktorine und die Tante betrachteten und lobten den schimmernden Putz mehr aus Höflichkeit, als aus wirklichem Wohlgefallen daran, doch Babet, die sich gleich sehr geschäftig herbeidrängte, wurde nicht müde, jedes einzelne Stück desselben überlaut bis in die Wolken zu erheben. "Der herrliche Kamm!" rief sie, "ach und das ganz einzige allerliebste JeannettenKreuz! und nun vollends die köstlichen Ohrringe! Nein, darüber geht doch nichts in der Welt!" Sie trieb dieses so lange und so laut, bis Vicktorine sich ihrer schämte und alles wieder in das Kästchen hineinpackte.

Sir Charles ergriff gerade diesen Moment, um auf

zustehen und Vicktorine, da sie ihn im Begriffe sah sich fortzubewegen, bat ihn, seinen Schmuck nicht zu vergessen. "Meinen Schmuck?" fragte er mit dem unbefangensten gesicht von der Welt, und da sie ihm das jetzt wieder geordnete Kästchen hinreichte, ging er so weit, zu behaupten, es sei nicht das seine, sondern Vicktorinens.

"Nun, in der Tat," erwiderte Vicktorine mit

etwas spöttischem Lächeln, "Sie sind für einen so jungen Herrn entweder sehr zerstreut, oder Sie verstehen die schwere Kunst aus dem grund, mit einem sehr ernstaftem Gesicht zu scherzen, indem Sie sich stellen, als ob Sie Ihr Eigentum nicht anerkennen wollten." –

"Ich versichre Sie mein fräulein –" fing Sir Char

les an, doch Vicktorine unterbrach ihn.

"Ich bitte," sprach sie sehr stolz, sehr ernst, aber

zugleich auch sehr höflich, "ich bitte Sie, geben Sie sich nicht weiter Mühe, das kleine versehen zu entschuldigen; ich bin ohnehin vollkommen überzeugt, dass Sie nur zerstreut waren, denn es kann mir doch unmöglich in den Sinn kommen, dass Sie fähig wären, in diesem haus, auf diese Art Scherz treiben zu wollen, und noch weniger, dass es Ihnen einfallen könnte, einem Mädchen wie ich bin, ein Geschenk anzubieten."

Sir Charles nahm jetzt anscheinend gleichgültig sein Kästchen zurück, doch innerlich kochte der Zorn, den Vicktorinens stolzes Benehmen in ihm aufregte.

"Vater, ich berufe mich auf Sie selbst, konnte ich anders? ich, Ihre Tochter?" sprach Vicktorine, sobald Sir Charles zur tür hinaus war, und ehe noch Kleeborn das zornige Wort aussprechen konnte, das auf seinen Lippen schwebte.

Der Alte mochte auf diese Frage nicht gefasst sein, die