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Ergebung, welche die Jugend sich gewöhnt hat als eine durch die Jahre herbeigeführte Stumpfheit des Gefühles zu verschmähen. Doch auch hierin pflegt sie oft zu irren. Was Ihr an uns Gefühllosigkeit scheltet, ist meistens die Frucht gereifter Erfahrung. Diese lehrt uns glauben und hoffen, dass wir alle nur verlieren, um Höheres zu gewinnen, und dass jedes, auch das bitterste Scheiden, auf Wiederfinden deutet, sei es nun hier oder dort." Vicktorine und die Tante wurden bald darauf in das Wohnzimmer abgerufen, wo Sir Charles den Damen einen Morgenbesuch abzustatten wünschte; und so wenig sie auch in diesem Augenblicke zur Fröhlichkeit gestimmt sein mochten, so konnten sie sich dennoch kaum entalten, laut auf zu lachen, als sie die wunderliche Gruppe erblickten, die sie dort vorfanden.

Mit einem völlig nichtssagenden Gesicht, wie zwischen Schlafen und Wachen, sass, oder lag vielmehr Sir Charles in einem Armstuhle nachlässig hingestreckt; neben ihm aufrecht sitzend sein grosser Hund, dem er mit der rechten Hand die Ohren kraute, und auf seiner linken Schulter sass Koko, der Affe. Dazu hatte er einen hellblauen leinenen Kittel an, zwar von etwas feinerem Stoffe, doch übrigens ganz so, wie ihn die französischen Bauern oder auch die brabanter Fuhrleute tragen. Damals versuchten erst wenige tonangebende Elegants in Paris diese Mode als Morgennegligée der Herren aufzubringen, aber bis nach Deutschland war sie bis dahin noch nicht durchgedrungen, und musste daher doppelt auffallend erscheinen. Domingo, der Negerknabe, stand auf das Schönste geputzt in einem feuerfarbnen Gewande, das mit seinem schwarzen Gesicht den seltsamsten Kontrast bildete, in ehrerbietigster Stellung an der tür, und hielt eine lange Kette von fein polirtem glänzenden Stahl, deren anderes Ende an Kokos Halsband befestigt war.

dicht vor Sir Charles stand Babet und reichte mit gezierter Aengstlichkeit dem Affen einzelne in Papier gewickelte Bonbons, die dieser unter tausend Grimassen verzehrte, und jedesmal der Geberin, zum Dank dafür, das Papier an den Kopf warf, worüber diese, laut kichernd, sich halb tod lachen zu müssen versicherte. Sir Charles sah dem kindischen Spiel mit ungemeiner Leutseligkeit gelassen zu, doch nicht so Herr Kleeborn. Dieser stand mit dem rücken an das Fenster gelehnt und blickte mit einem sehr finstern Gesicht, auf welchem Ärger und Höflichkeit sichtbar miteinander im Kampfe lagen, auf das seltsame Trio, während die neben ihm sitzende Agate, ganz verschüchtert und kleinlaut, es kaum wagen mochte, die Augen von ihrer Arbeit aufzuschlagen. Man sah deutlich, sie hatte etwas auf dem Herzen, das sie verhinderte, Babets und Kokos lustigem Treiben die Teilnahme zu schenken, die sie in einer andern Stimmung gewiss nicht ermangelt hätte, dabei zu bezeigen.

"Verzeihung," sprach Sir Charles, indem er die Tante und Vicktorinen hereintreten sah, und sich langsam von seinem Armstuhl erhob, "Verzeihung meine Damen, dass ich es wagte diese meine Reisegefährten hier einzuführen, aber fräulein Babet äusserte gestern den lebhaften Wunsch, deren nähere Bekanntschaft zu machen." "Ach und Koko ist so allerliebst!" rief Babet dazwischen, und versuchte es, den noch immer auf der Schulter seines Herrn sitzenden Affen zu streicheln. Doch dieser war eben nicht aufgelegt, Spass zu verstehen, er wies ihr Nägel und Zähne, und stiess dabei ein so unangenehmes gellendes Geschrei aus, dass Babet sehr erschrocken zurückfuhr.

"Fi-donc, Koko," lallte lächelnd Sir Charles mit grosser Gelassenheit. "Domingo, bringe den unartigen Kleinen nach haus." Doch der Kleine hatte noch keine Lust hiezu, er biss um sich, zerraufte seinem Herrn die Haare und sprang zuletzt auf Kleeborn los, so schnell, dass Domingo kaum Zeit gewann, ihn von diesem abzuhalten, indem er die Kette kürzer fasste. Der arme Neger hatte wirklich viel Mühe, sich des aufgebrachten Tieres zu bemächtigen, und musste es sich gefallen lassen, tüchtig zerkratzt zu werden, während er es in einem sehr zierlichen Pelzmantel von blauem Sammet einwickelte, um es darin über die Strasse zu tragen. Der grosse Hund folgte auf Sir Charles Wink ihm von selbst aus dem Zimmer, und dieser sank nun, als wäre er von der kleinen Anstrengung höchst ermüdet, in seine vorige bequeme Stellung zurück. "Solche wilde Bestien!" rief jetzt Herr Kleeborn, sehr erfreut, dem so lange mühsam verhaltenen Aerger endlich Luft machen zu können, "solche wilde Bestien! den Hals sollte man ihnen umdrehen. Was für Freude kann man davon haben, sie um sich zu dulden! Hunde lass ich allenfalls noch gelten, Pferde auch, denn die sind doch nützlich, aber wilde Tiere aus den afrikanischen Wäldern" –

"Ach, die Welt ist so zahm!" fiel Sir Charles ihm sehr gelassen ein; "das Leben ist so einschläfernd!" setzte er mit gedehntem, halb gähnenden Tone hinzu, "wahrhaftig, ohne meinen kleinen Freund aus den afrikanischen Wäldern, wie Sie ihn nennen, wüsste ich kaum, wie ich es ertragen sollte. Was man sieht, was man hört, was man geniesst, hat man schon so viele Tausendmal gehört, gesehen und genossen! Koko ist noch der einzige unter allen meinen Bekannten, der mich zuweilen durch seine Genialität überrascht; denn er tut gewöhnlich, was ich nicht will, oder wenigstens doch nicht von ihm erwarte. Mungo, mein Hund, ist schon ein halber Mensch und daher viel langweiliger; er ist ehrlich, niederträchtig, und nach seiner Art auch höflich; ich dulde ihn nur wegen