vielleicht in diesem Augenblick dem Kampf mit dem wilden Elemente, auf dem er schwebt, um einem land entgegen zu eilen, in welchem der Tod, in Blumenduft verhüllt, ihn erwartet! einem land, wo Tausende vor ihm schon beim ersten Schritte Vernichtung einatmeten! Doch bewahrt ihn auch sein Engel mitten in allen Gefahren und führt ihn sicher in die Heimat zurück, mich findet er nicht mehr, dies sagt mir ein Gefühl, dem ich umsonst zu widerstreben versuche."
"Vicktorine, wie bist Du plötzlich so mutlos, und gerade jetzt, wo alles sich vereint, um Deinem Hoffen neues Leben zu gewähren?" sprach Tante Anna.
"Ach liebe, liebe Tante," erwiderte Vicktorine, "meine Kraft ist erschöpft, und mir wäre wahrlich am besten, wenn ich zur Ruhe ging, wo aller Kampf ein Ende hat. So lange mein Vater mich hart und streng seinem Willen beugen wollte, so lange hatte ich den Mut, ihm zu widerstehen und der stimme meines Herzens zu folgen, die hier laut über Recht und Unrecht entscheidet. Und warlich, seit ich den herzlosen, kindisch eitlen, eingebildeten Toren sah, dem ich bestimmt bin, seitdem fühle ich noch tiefer als zuvor, dass ich sogar um meines Vaters willen hier nicht nachgeben darf; ich dürfte es nicht, selbst wenn ich Raimund nie zuvor erblickt hätte, denn mein Vater müsste ja seine grauen Haare in Kummer und Reue dereinst zu grab tragen, wenn er späterhin das unausbleibliche Elend mit ansäh', das er jetzt, freilich in der besten Absicht, seinem kind an der Seite dieses Mannes bereiten möchte. Tante, ich flehe Sie an, reizen Sie den Vater wieder zum Zorne gegen mich auf, so entsetzlich mir dieser auch einst erschien, er allein hat mich aufrecht erhalten, das fühle ich jetzt. Dem gütigen, dem bittenden Vater kann ich nur mit verschlossener, auf ewig verstummter Lippe widerstreben."
Anna fühlte unaussprechliches Mitleid für die arme Vicktorine, deren gegenwärtige Stimmung ihr bei diesem Charakter sehr begreiflich war. Sie wandte alles an, um die Klagende wieder zu beruhigen. "Glaube mir," sprach sie, "Dein Zustand ist nicht halb so hoffnungslos, als er es in Deiner jezzigen trüben Stimmung Dir erscheint. Halte Dich nur aufrecht, und erschöpfe nicht Deine Kraft in nutzloser Klage und ungestümer Heftigkeit. Der letzte Befehl Deines Vaters stellt es Dir ja frei, die zu erwartende Erklärung des Dir bestimmten Bräutigams durch kluges Benehmen so lange als möglich zu verzögern, denn Dein Vater selbst wünscht nicht sie für jetzt zu beschleunigen. Du kannst es, ohne dabei im mindesten den äussern Anstand gegen Sir Charles zu verletzen, wenn Du nur klug und vorsichtig zu Werke gehst, und ich wette, dass der Eigendünkel des wunderlichen Menschen Dir die Rolle, die Du zu spielen hast, noch obendrein sehr erleichtern wird. Mich hat lange nichts so herzlich gefreut als seine abgeschmackte Erscheinung, die so ganz das Widerspiel von dem ist, was Dein Vater erwartete. Ich will Dein Hoffen von der Zukunft nicht zu hoch steigern, ich will für jetzt Dich nur darauf aufmerksam machen, dass Du Zeit gewonnen hast, und dass es nur von Dir abhängen wird, diese mit Verstand zu benutzen. Lass Dich von ihrem Strome treiben, mein Kind, er führt Dich sicher zum Hafen."
"Zum Hafen! zum Hafen der ewigen Ruhe!" rief Vicktorine mit überströmenden Augen.
"Dort landen wir einst Alle!" erwiderte die Tante und trocknete ihr liebkosend die Tränen ab. "Dort landen wir einst Alle, aber bis dahin, meine Vicktorine, sollen wir dem Beispiele des erfahrnen Schiffers folgen, der beim Wüten des Sturmes nicht klagend den tobenden Abgrund anstarrt, der ihn zu verschlingen droht, sondern mit frommem Mut und weiser Tätigkeit sich an das Steuerruder stellt, jeden günstigen Umstand mit Klugheit benutzt, um sich durch Klippen und Brandung zu winden, und so zuletzt dennoch die Fahrt glücklich beendet. Darum bitte ich Dich, meine Vicktorine, grüble nicht über das, was Du dein Unglück nennst, wende lieber den blick davon ab, denn es wächst vor unsern Augen beängstigend zur Riesengestalt an, je länger wir es betrachten."
"Ich weiss es wohl," setzte die Tante lächelnd hinzu, als Vicktorine durch ihr mildes Zureden wieder ruhiger ward, "ich weiss es wohl, so lange wir jung sind, lieben wir alle den Schmerz und geben uns gern mit einer Art von Wollust ihm hin. Aber das sollten wir nicht, denn er gewinnt dadurch die Macht, seine jede Lebenskraft lähmende Gewalt an uns zu üben. Ihr aber, weit davon entfernt, ihm widerstehen zu wollen, Ihr habt ja nicht einmal an der grossen oder kleinen Plage genug, die ohnehin jeder Tag mit sich bringt, sondern Ihr bewahrt Euch sogar das Andenken alter verjährter Schmerzen haushälterisch auf, um es zu bestimmten zeiten wieder hervorzuholen, und Euch an solch' ein marinirtes Unglück zu halten, wenn eben kein frisches vorhanden ist."
Der wunderliche Vergleich zwang Vicktorinen, ohnerachtet ihrer nassen Augen, ein Lächeln ab, doch wandte sie nichts dagegen ein, und die Tante fuhr fort zu reden. "Wenn wir älter werden," sprach sie, "geben wir gewöhnlich dieses gefährliche Spiel mit unserm inneren Frieden von selbst auf. Darum aber sind wir Alten auch heute zu Tage gewöhnlich weit heiterer als unsere jungen Töchter. Wir ertragen Schmerz und Verlust mit einer ruhigen