das er sich zu geben sucht, gefällt mir eben so wenig, als sein ewiges Prahlen mit vornehmen Freunden. Wir sind denn doch auch was wir sind. Auch kann ich es nicht loben, dass er sich gewissermassen schämt, ein Kaufmann zu heissen, und der Aufwand, den er treibt, ist denn doch etwas zu auffallend. Aber er ist noch jung, und Verstand kommt nicht vor Jahren. Ich war auch einmal so ein Springinsfeld. Freilich trieb ich es nicht so arg, aber Sie wissen es selbst, fräulein Schwester, vor dreissig Jahren waren auch andere zeiten und andere Sitten, und wenn man Hausvater wird, so legen sich die stolzen Wellen gewöhnlich von selbst."
"Ich mag es nicht verhehlen," erwiderte Anna, "der ungemessene Uebermut des jungen Mannes hat mich tief empört. Obendrein scheint er mir völlig gemütlos, und ich gebe es Ihnen recht ernstlich zu bedenken, ob Vicktorine an der Seite eines solchen Mannes je hoffen kann, ein frohes Leben zu führen, und ob sie je mit ihm die Unfälle wird heitern Muts ertragen können, die auch dem Glücklichsten drohen."
"Das gibt sich alles, fräulein Schwester", fiel Kleeborn ein. "Was Sie von seinem Uebermut erwähnen, gebe ich zu. Sie sehen, ich bin billig, was wahr ist, lasse ich gelten. Das ist aber Jugendart und vergeht, wenn man älter wird, besonders bei den Holländern, denn ein solcher ist er doch, trotz seines englischen Rittertums. In Holland frägt man sogar sprichwörtlich von jedem jungen mann: 'hat er geraset oder will er erst rasen?' Das wird dort wie die Kinderblattern angesehen, die auch ein jeder gehabt haben muss, und ein verständiger Vater wählt immer lieber Einen, der schon einige tolle Streiche gemacht hat, als Einen, der von Jugend auf still und vernünftig war; denn bei letzterem steht zu befürchten, dass der Paroxismus in der Ehe nachkommen könnte. Wissmann ist jetzt mitten in demselben begriffen, wir wollen das abwarten. Ich will darum auch auf keine Weise die Erklärung zwischen ihm und Vicktorinen zu beschleunigen suchen; mag er sich erst die Hörner noch ein wenig ablaufen. Sie bleiben einander doch gewiss, das lässt sich nicht ändern, denn die Partie ist für beide zu vorteilhaft, und wir Väter gaben einander unser Wort darauf, das noch keiner von uns jemals gebrochen hat."
In diesem Augenblick trat Vicktorine ins Zimmer, und ihr Vater wandte sich sogleich an sie. "Höre, Vicktorinchen," sprach er, "tue mir den Gefallen und lass das Gesichterschneiden, es hilft Dir zu nichts, und Du weisst, ich kann es nicht leiden. Du tust am besten, wenn Du Dich mit guter Art in Dinge fügst, die sich nicht abändern lassen. Ich frage nicht einmal, ob Wissmann Dir gefällt? aber ich rate Dir freundschaftlich, ihn Dir gefallen zu lassen, denn er wird Dein Mann, das ist nun einmal gewiss. Wir Väter werden unser Wort nicht brechen, weil unsere Kinder beide, jedes auf seine Weise, vor der Hand noch ein Paar Narren sind, die nicht wissen, was sie wollen." "Lieber Vater," sing Vicktorine bittend an; doch dieser liess sie nicht weiter reden.
"Hilft nichts! hilft nichts!" rief er, "was sein muss, muss sein, und Du bist deshalb doch Wissmanns Braut. Indessen braucht das vor der Hand noch Niemand zu wissen als wir. Daher verlange ich einstweilen auch nur, dass Du es bloss im Herzen sein sollst, ohne den äussern Schein davon anzunehmen, der kommt zeitig genug. Für jetzt betrage Dich nur freundlich und anständig gegen Deinen Bräutigam, das kommt Dir hernach in der Ehe zu gut. Uebrigens warte alles in Gelassenheit ab, gieb Dir weder durch zu grosse Freundschaft, noch auf andere Weise das Ansehen, als ob Du Dir von ihm eine Erklärung vermutetest, denn das schickt sich nicht für eine Tochter von mir. Die Erklärung wird nicht ausbleiben, das versichre ich Dir. Nun, bis auf einen Punkt, der hoffentlich jetzt auf ewig vergessen sein soll, bin ich ja immer mit Dir zufrieden gewesen, Du hast Dich ja stets so betragen, dass ich Ehre und Freude davon hatte, Du wirst auch jetzt Deinen alten Vater nicht kränken wollen; ich habe ja sonst nichts in der Welt, das mir recht am Herzen läge als Dich. Glaube mir, mein Kind, ich bin nur auf Dein Glück bedacht und Du wirst es mir gewiss noch einmal danken, wenn Du dies jetzt auch noch nicht einsiehst. Die Jugend ist blind, aber wir Alten sind dafür da, um sie zum Besten zu leiten. Und nicht wahr, Du wirst nicht ferner widerstreben? Meine gute dankbare Vicktorine wird mir auf meine alten Tage dafür Freude machen wollen, dass ich in meinen jungen Tagen stets nur für sie arbeitete und sorgte?" Der plötzlich ganz ungewöhnlich weich gewordne Alte streichelte bei diesen Worten Vicktorinens erbleichende Wange, und verliess dann in sichtbarer Bewegung das Zimmer, während Vicktorine in Tränen ausbrach.
"Tante!" rief sie, "gütige liebe Tante, dieses ist härter als alles! Ich kann, ich kann in der Treue nie wanken noch weichen, aber wie soll ich fest bleiben, wenn mein Vater so zu mir spricht! Wohin ich auch blicken mag, ich sehe nur meinen Untergang."
"Raimund erliegt