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vernommen, und freute sich nur, ungemein vernünftig gewesen zu sein, da sie ihn unter den Gästen ihres Oheims fand, denn sie hatte bei seinem Anblick nicht laut aufgeschrien.

Der junge Mann war indessen vom Lieutenant zum Rittmeister emporgestiegen und lag nun mit seiner Schwadron in einem nahen Städtchen in Garnison. Er musste seiner jungen Nachbarin unendlich viel zu berichten haben, denn während der ganzen Mahlzeit flüsterte er unaufhörlich mit ihr, doch führte er ganz allein nur das Wort, indem Agate mit niedergeschlagenen Augen und glühenden Wangen, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, nur eine aufmerksame Zuhörerin abgab. Zuweilen wagte sie es ganz heimlich und schüchtern, zur Tante hinüber zu sehen, wandte sich aber noch tiefer errötend gleich wieder ab, wenn sie dem klaren scharfsehenden Auge derselben auf halbem Wege begegnete.

Während der Kaffee herumgereicht ward, wagte sie es aber endlich doch, sich in Annas Nähe zu drängen. "Ach Tante!" flüsterte sie ihr zu, "ach Tante, was hab' ich Ihnen alles zu sagen!" "Wirklich?" erwiderte diese lächelnd, "und wenn ich dir nun sage, dass ich ohnehin schon alles weiss?" "Herr Gott! Sie haben's gehört, und folglich die andern alle auch!" rief Agate gewaltig erschrocken. "Das habe ich wohl gedacht, das kommt von der Unbesonnenheit her." "Beruhige Dich, meine besonnene Agate," erwiderte freundlich die Tante, und streichelte ihr die glühende Wange, "beruhige Dich, denn ich hörte mit den Augen, und die Kunst versteht nicht jedermann." Die Gesellschaft hatte sich zu spät versammelt, um nicht auch sehr spät wieder auseinander zu gehen, daher war für diesen Abend unter den Mitgliedern der Kleebornschen Familie an keine vertrauliche Mitteilung über alles Vorgegangene zu denken. Doch am folgenden Vormittage suchte der alte Kleeborn die Tante in ihrem eignen Zimmer auf, was seit dem Tage ihrer Ankunft nicht wieder der Fall gewesen war, und also auf Ungewöhnliches deutete. "fräulein Schwester," rief er noch in der tür mit einem sehr heitern Gesicht ihr entgegen, "fräulein Schwester, wenn es Glück gut ist, und Sie es so meinen wie ich, so haben wir zwei Bräute im haus, und können an einem Tage zwei Hochzeiten ausrichten. So eben hat der Rittmeister Horst um Agaten bei mir angehalten. Der junge Soldat geht rasch zu Werke wie Sie sehen, aber dabei auch rechtlich, nach der alten Art, wie sichs gehört, und das muss ich loben. Er hat nicht erst, wie ein gewisser Andrer, den ich nicht nennen mag, und von dem auch hoffentlich nie wieder die Rede sein wird, mit dem Mädchen hinter meinem rücken einen Liebeshandel angesponnen, sondern geht gleich vor die rechte tür. Ich liebe freilich das Militair eben nicht besonders, ich würde auch Vicktorinen an keine Uniform weggeben, und steckte selbst ein General darin. Doch mit Agaten ist das ein Anderes, obgleich das Kind ein hübsches Vermögen besitzt."

Die Tante erwähnte Agatens grosse Jugend.

"Freilich ist das Mädchen noch blut jung, kaum siebzehn Jahr alt, doch jung gefreit hat keinem gereut," erwiderte Kleeborn. "Auch ist der junge Horst nichts weniger als arm, er ist der Sohn eines wohlhabenden, mir wohl bekannten Kaufmanns in Stettin, und sein ältester Bruder setzt die Handlung fort; so wäre denn von dieser Seite die Partie gar nicht ungleich. In seinem stand kann er es auch noch einmal hoch genug bringen, denn dass er sich brav gehalten, beweist nicht nur sein eisernes Kreuz, sondern auch sein schnelles Avancement. Ich habe ihn also in Gottes Namen auf morgen früh wiederbestellt, denn er muss den Abend wieder fort, und wenn Agate übrigens nicht abgeneigt wäre, so dächte ichdoch tue ich nichts ohne Ihren Rat, denn Sie sind eine ungemein kluge Dame, daher bitte ich Sie jetzt, mir diesen zu erteilen, und mir zu sagen, was ich den jungen Menschen morgen antworten soll."

Die Tante fand dieses alles zwar ungemein übereilt, um so mehr, da Agatens künftiges Glück ihr sehr am Herzen lag, denn sie hatte dieses natürliche, gutmütige Wesen recht mütterlich lieb gewonnen, aber sie sah auch ein, wie wünschenswert es sei, die Kleine sobald als möglich von Babets verlockender Gesellschaft und zugleich aus dem haus des Oheims zu entfernen, wo sie ohne alle Aufsicht, mitten im Geräusche eines sehr glänzenden Lebens, tausend Gefahren ausgesetzt bleiben musste. Dem alten Herrn zu raten, unternahm sie aber deshalb doch nicht; denn sie wusste wohl, dass er wie fast Alle, nur um Rat fragte, um dennoch seiner eigenen Ansicht zu folgen; aber sie versprach, was er eigentlich nur von ihr gewollt hatte, nämlich Agatens Herz zu erforschen. Doch verlangte sie noch zuvor eine Unterredung unter vier Augen mit dem jungen Horst, die Herr Kleeborn auch einzuleiten suchen wollte. Sie hoffte, in dieser doch den Mann etwas näher kennen zu lernen, an dessen Hand sie nicht ohne Bangen ein unverdorbenes liebes Kind dem Ernste des Lebens in so früher Jugend entgegen gehen sehen konnte.

Kleeborn brachte das Gespräch jetzt auf den jungen Wissmann, und zu Annas Erstaunen schien seine gestrige Unzufriedenheit mit diesem über Nacht völlig verschwunden zu sein. "Freilich ist er nicht ganz so, wie ich es erwartete, und es wäre mir auch recht lieb, wenn manches anders wäre," sprach er. "Das fürstliche Ansehen,