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jungen Mannes; man sah es ihm an, dass er auf irgend eine Weise ihm Luft machen musste, und ein eigenes Gefühl von Unbehaglichkeit bemächtigte sich dabei allmählich der ganzen Gesellschaft. "Erlauben Sie mir eine Frage," fing er endlich an, "Sie sprechen immer, als wären Sie ein geborner Engländer, und doch als der Sohn meines sehr verehrten Freundes, Jan Peter Wissmann in Amsterdam, sind Sie so viel ich weiss ein Holländer."

"Ei freilich, ist der alte Herr mein Papa," fiel Sir Charles halb lachend ihm ein, denn das viele Reden und der dazwischen reichlich genossne Burgunder schien ihn jetzt ungewöhnlich belebt zu haben, "freilich ist der alte Herr mein Papa, den die halbe Welt als eine der bedeutendsten Figuren an der Amsterdamer Börse kennt. Deshalb aber habe ich dennoch die Ehre ein so ächter Britte zu sein als irgend einer, der innerhalb des Glockenschalles von Bowchurch geboren ward. Ich könnte sogar mit der Zeit Lordmajor von London werden, so gut als der Beste in der City, wenn es mir nur möglich wäre, im Kohlendampfe dieses schmutzigen, schachernden Teils von London zu leben. Aber ich ziehe es vor, unter meines Gleichen im Westende der Stadt zu wohnen, obgleich ich freilich mein Comptoir in der Nähe der Börse haben muss. Ich scheue den weiten Weg nicht, wenn meine Gegenwart dort nötig ist. In ein paar Stunden lässt sich bekanntlich vieles abtun, und meine braven Pferde bringen mich so schnell hin und zurück, dass ich oft schon wieder zu haus bin, noch ehe es bei meinen eleganten Nachbaren Tag wird."

Des Alten Gesicht legte sich in immer ernstere Falten, so dass die Tante anfing, einen förmlichen Ausbruch des in ihm aufsteigenden Gewitters zu befürchten, was ihrem feinen Gefühl für Schicklichkeit unerträglich gewesen wäre, selbst wenn dadurch Vicktorine von Sir Charles Ansprüchen auf immer hätte befreit werden können. Denn alles, was die feinste Grenze des Anstandes im mindesten verletzen konnte, war ihr durch lange Gewohnheit so widerwärtig, dass sie sich oft wie von einem Fieber ergriffen fühlte, sobald sie nur ahnete: es könne so etwas, selbst von ihr übrigens völlig gleichgültigen Personen, in ihrem Beisein geschehen. Daher trat sie auch hier gleich ins Mittel, und um nur den alten Herrn nicht zum Wort kommen zu lassen, bat sie Sir Charles, ihr doch zu erklären, wie man zugleich ein Engländer und ein Holländer sein könne?

"Das kann in der Tat niemand sein, und ich bin es auch nicht," erwiderte Sir Charles, "denn wie gesagt, ich habe die Ehre einzig Grossbrittanien anzugehören, und dieses verdanke ich meiner Mutter, die aber dennoch auch nur eine ächte, in Rotterdam geborne Holländerin war. Die gute Dame hatte aber die gefälligkeit mich auf einem englischen Westindienfahrer das Licht der Welt zum erstenmal erblicken zu lassen; und sie wissen gewiss alle, dass ich dadurch so vollkommen nazionalisirt bin, als wäre ich von englischen Eltern mitten in London geboren."

"Das war ja für Sie ein ungemein günstiger Zufall," erwiderte ein alter Herr aus der Gesellschaft, den Sir Charles wundersame Erscheinung höchlich zu amusiren schien.

"Freilich, freilich," erwiderte dieser, "aber es hat auch seine melancholische Seite, denn meine Mutter musste das Geschenk, das sie mir machte, mit dem eignen Leben bezahlen. Sie war eben auf der Rückreise von Jamaika begriffen, wohin sie meinen Vater begleitet hatte, und diese war durch tausend ungünstige Zufälligkeiten beinah bis ins Unglaubliche verlängert worden. Seit sechs und zwanzig Jahren ruht sie nun unter Korallenfelsen im grund des atlantischen Meeres, und es war meinem Vater so schmerzlich, sie hinabsenken zu sehen, dass er mich in meiner Kindheit gar nicht um sich haben mochte und mich deshalb in England lies, als er nach Amsterdam zurückkehrte." "Doch erlauben Sie mir, Madame," setzte Sir Charles, zur Tante gewendet hinzu, "erlauben Sie mir nach englischer Sitte ein Glas Champagner mit Ihnen zu trinken, um diese trübseligen Erinnerungen wieder hinunter zu spülen, die man bei der Tafel am wenigsten aufkommen lassen sollte."

Die Tante versicherte sehr kalt, sie tränke niemals Champagner, Sir Charles leerte seine Glas, und nahm, noch aufgeregter als zuvor, abermals das Wort. "Der sicherste Beweis, dass ich in meinem vaterland als ächter Engländer anerkannt werde," sprach er, "ist der, dass ich im vorigen Jahre in Brighton die Ehre hatte, die ritterliche Würde zu empfangen, deren in Altengland kein Ausländer fähig ist. And now, um mit Sir John Falstaff witzigen Andenkens zu reden, can make any Jane a Lady1, die ihre Hand mir reichen mag." Eine allgemeine Pause entstand jetzt, denn viele mochten schon das verhältnis ahnen, in welchem Sir Charles zu dem gastlichen haus stand, das alle ehrten. Seine letzte Ungezogenheit, neben dem herzlosen Uebermut, mit welchem er seiner verstorbenen Mutter erwähnt hatte, berührte Jedermann auf eine höchst unangenehme Weise, und diese allgemeine Verstimmung führte bald darauf das Aufheben der Tafel herbei.

Nur ein einziges Paar hatte nichts von allem Vorgegangenen bemerkt, und dies war Agate und der neben ihr sitzende uns schon bekannte Schwarze. Ihr selbst kam seine ganz unverhoffte Gegenwart so unglaublich vor, dass sie oft zu träumen fürchtete. Sie hatte weder von seiner ebenfalls am gestrigen Abend erfolgten Ankunft, noch von der Visite, die er am Morgen dem Onkel abstattete, das Mindeste