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. Endlich schlug es sieben Uhr, die Flügeltüren flogen auf und Sir Charles trat, gefolgt von seinem Secretär, mit so vornehm-nachlässigem Anstande in den Saal, dass Herr Kleeborn wirklich den Mut verlor, ihm, wie er es sich doch vorgenommen, seinen Verdruss über die verspätete Erscheinung merken zu lassen. Sir Charles begrüsste den Herrn des Hauses nur mit einer stummen Verbeugung, und ging dann, die ganze übrige Gesellschaft übersehend, gerade auf Babet los, die, schön geputzt, aber doch ziemlich verlegen, am entgegengesetzten Ende des Saales stand.

Doch Herr Kleeborn ergriff auf halbem Wege seinen Arm. "Hier, Herr Wissmann," sprach er, "hier steht meine Tochter, neben ihrer Tante der hochwürdigen Frau Pröbstin von Falkenhayn." Sir Charles stutzte, wie Jeder, dem etwas ganz Unerwartetes entgegen kommt; die würdige Gestalt der Tante machte indessen auch auf ihn den Eindruck, den sie Allen gab; begrüsste sie ehrerbietig, und wandte sich dann zu Vicktorinen, die im reichsten Schmucke, wie ihr Vater es verlangt hatte, stolz und hoch, gleich einer Königin, dastand, und ihn vornehm kalt mit einer sehr abgemessnen Verneigung empfing. Sir Charles Verwunderung stieg sichtbar.

"Ihr ältestes fräulein Tochter?" fragte er endlich Herrn Kleeborn. "Meine einzige," war die Antwort. "Sie wissen es ja, ich habe nur dies eine Kind, und Sie haben ja auch meine Vicktorine schon gestern Abend gesehen. Oder etwa nicht?"

Sir Charles war wirklich für den Augenblick um eine Antwort verlegen, doch ein blick auf Babet, die sich indessen dicht hinter die Tante zu schleichen gewusst hatte, setzte den geübten Weltmann schnell ins Klare: denn Babet hob, wie in höchster Angst, ihr Auge bittend zu ihm auf, schlug es aber auch gleich wieder nieder, während die glühendste Purpurröte ihren Hals und Gesicht übergoss.

Zwar glitt bei dieser Entdeckung ein leichtes, halb spöttisches Lächeln über Sir Charles Züge hin, aber er fühlte dennoch, dass er hier etwas zu schonen habe, und murmelte daher nur einige unverständliche Worte, die Herr Kleeborn zum Glück nicht beachtete, weil eben die tür des Speisesaals aufging, und die Gesellschaft sich hineinbegab.

"Ich vergass es gestern, dass Aurora immer der Sonne voranzuschreiten pflegt," flüsterte Sir Charles Vicktorinen zu, indem er ihr den Arm bot; doch Vicktorine erwiderte ihm keine Sylbe, stumm und kalt liess sie sich von ihm an die Tafel führen, und so verlor auch er die Lust, das Gespräch fortzusetzen und schwieg halbbeleidigt, während Babet Gott dankte, dass die Sache noch so leidlich abgelaufen war.

Bei festlichen Mahlzeiten, wie diese, pflegt gewöhnlich anfangs in der Gesellschaft eine allgemeine Stille einzutreten, und Sir Charles benutzte diese Zeit, um die ihm wirklich bestimmte Braut, die in aller der graziösen Schroffheit, deren sie, sobald sie es wollte, fähig war, an seiner Seite sass, mit der gleich einer jungen Rose blühenden Babet zu vergleichen. Letztere hatte es künstlich genug so einzurichten gewusst, dass sie ihm schräg gegenüber ihren Platz fand. Er konnte es sich zwar nicht verhehlen, dass diese neben Vicktorinens blendender Schönheit zu einem artigen Zöfchen herabsank, aber sie gefiel ihm darum nicht minder. Ja, es wandelte ihn sogar eine Art von innerlichem Aerger darüber an, dass sie die Rechte nicht sei, besonders da seine Nachbarin alles, was er sagte, nur mit höflicher, aber desto zurückstossender Kälte aufnahm, während jene nicht nur mit angestrengter Aufmerksamkeit jedes seiner Worte belauschte und mit der holdseeligsten Freundlichkeit belächelte, sondern es auch übrigens an schmachtenden Blicken, bedeutendem Erröten und ähnlichen Zeichen der Teilnahme nicht fehlen liess.

Gegen die Mitte der Mahlzeit belebte sich das Gespräch und ward allgemeiner; zugleich begann auch Herr Kleeborn, sich queer über den Tisch hin bei Sir Charles nach mehreren seiner alten Freunde in London zu erkundigen, und ihn über ihr persönliches Befinden und ihre häuslichen Zustände zu befragen. Doch er erhielt nur wenige und sehr unbefriedigende Antworten, zuletzt gar die mit vornehmer Kälte sehr lakonisch hingeworfene Versicherung, dass Sir Charles alle diese Herren zwar im Geschäftswege dem Namen nach kenne, aber keinesweges sonst noch mit einem von ihnen in persönlicher Verbindung stehe.

Herr Kleeborn schwieg, sichtbar verstimmt, und auch Sir Charles blieb von nun an stumm und verschlossen, bis einer der anwesenden Fremden seiner schönen Pferde erwähnte, die dieser mit Bewunderung im Stalle gesehen hatte. Nun ward er mit einemmal nicht minder lebendig, als gestern sein treuer Wilkinson bei der nehmlichen Veranlassung es geworden war. Er unterhielt die ganze Tafel mit Erzählungen von englischen Wettrennen und von den bei diesen, auf unglaubliche Weise gewonnenen oder verlornen, bedeutenden Summen. Dazwischen berief er sich immer auf Wilkinson, der nie ermangelte, der geschichte noch irgend etwas zuzusetzen, um sie noch wunderbarer und merkwürdiger erscheinen zu lassen. Von den Pferden ging er zu den Festen und Assembleen der vornehmen Welt in London über. Von diesen kam er auf die dortige italienische Oper, und den besonderen Verdienst der berühmtesten Sängerinnen und Tänzerinnen. Ein unaufhaltsamer Strom von Beredsamkeit floss von seinen Lippen, indem er seiner vertrautesten Freunde in London dabei erwähnte, lauter Lords, Counts und Viscounts. Kein einziger plebejer Name entschlüpfte ihm, vor allem aber pries er die Herrlichkeiten von Brighton, und sprach mit wahrer Begeisterung von den Freuden, die er dort in der unmittelbaren Nähe des Prinz Regenten selbst wollte genossen haben.

Kleeborns Unmut stieg sichtbarlich bei den Rodomontaden des