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jeden Wunsch in ihren Augen zu lesen, um ihn gelassen und zuvorkommend zu erfüllen, ehe er noch ausgesprochen ward. Lieben und atmen waren gleichbedeutend für dieses, nur zu zart besaitete Wesen, aus dessen tiefster Brust jeder Ton des Schmerzes einen wehmütig verhallenden Nachklang hervor rief, und der Name Angelika hätte für sie erfunden werden müssen, wenn er nicht schon da gewesen wäre, so genau stimmte er zu ihrem Aeussern wie zu ihrem inneren.

Von ihrer frühsten Kindheit an hatte der armen Angelika die Freude fast nie anders als in fremden Augen gelächelt. An ihrer Wiege wachte nicht mütterliche Liebe, denn ihr Eintritt in das Leben gab der Mutter den Tod und vereinigte diese wieder mit dem geliebten, ihr einige Wochen früher vorangegangenen Gatten. Die erste sorge für das ganz verwaiste Kind fiel also bezahlten Aufsehern zu. Denn Angelika ward, weit entfernt von allen ihren Verwandten, in einer kleinen Stadt, in der Nähe des Rheins geboren, wo ihre Eltern sich erst wenige Monate vorher niedergelassen hatten. Niemand beinahe hatte diese dort anders als dem Namen nach gekannt, selbst der Vormund des armen Kindes wusste wenig von ihnen, und nur der allgemeine Ruf, der diesem braven mann das zeugnis strenger Rechtlichkeit gab, hatte Angelikas sterbende Mutter bewogen, ihr ganz verlassnes Neugebohrnes seinem Schutz zu empfehlen. Mit dem besten Willen von der Welt wusste er indessen für sein armes Mündel nichts besseres zu tun, als es für ein geringes Kostgeld der Pflege einer, ihm als redlich bekannten Frau zu übergeben, und indessen den nicht sehr bedeutenden Nachlass der Eltern Angelikas so vorteilhaft als möglich für sie zu verwalten.

Angelika erreichte ihr achtes Jahr, ohne dass es ihr bei der Frau, der sie anvertraut war, besonders wohl oder übel ergangen wäre, und nun beschloss ihr Vormund, sie nach Frankreich in eine Erziehungsanstalt zu bringen. Denn er fühlte eine unendliche Vorliebe für dieses Land, in welchem er seine eigene Jugend verlebt hatte, und war fest überzeugt, dass ein mittelloses fräulein wie Angelika sich nur dort die nötigen Talente erwerben könne, um einst als Guvernante fürstlicher Kinder, oder als Gesellschafterin einer Dame von hohem stand ihr Fortkommen in der Welt zu finden.

Die weltberühmten Erziehungsanstalten in und um Paris waren freilich für die sehr beschränkten Vermögensumstände Angelikas viel zu kostbar, doch ein in Angouleme wohnender Jugendfreund ihres Vormundes empfahl diesem ein in jener Stadt bestehendes Institut dieser Art nicht nur als sehr wohlfeil, sondern auch als ganz vorzüglich. Der Vormund freute sich hier einen so vortreflichen Ausweg für sein Mündel gefunden zu haben, und entschloss sich um so eher, es dortin zu schicken, da sich zufälliger Weise eine vorzüglich gute gelegenheit ihm darbot, die Kleine in sicherer Begleitung hinzuschaffen.

So musste denn die arme Waise fern vom vaterland, in einer der abschreckend schmuzigsten, traurigsten Städte des südlichen Frankreichs den schönen, nie wiederkehrenden Frühling ihres Lebens unter Menschen verleben, denen sie fremd blieb, selbst nachdem sie es gelernt hatte, deren Sprache zu verstehen. In dem haus, dem sie anvertraut wurde, war alles klösterlicher Zwang, sogar das Vergnügen. über eine ziemlich bedeutende Anzahl aus allen Ecken der Welt, sogar aus Amerika dort zusammengekommner junger Mädchen, herrschten drei bis vier Unterguvernantinnen, gleich strengen Zuchtmeisterinnen, und diese selbst standen wiederum unter dem gewaltigen Scepter einer Vorgesezten, die sich fast wie eine Gotteit von ihren Untergebenen sclavisch verehren lies. Die Zöglinge waren mehrenteils alle durch Alter, Vaterland, Sprache, Talent und Gemütsart wesentlich von einander verschieden, und wurden dennoch vollkommen gleich behandelt; alle waren strengen, ängstlichen Formen unterworfen, die einzig erdacht zu sein schienen, jede frohe Regung eines jugendlichen Gemüts zu ersticken.

Die arme Angelika glich hier vollkommen dem Epheu, der, in einen engen Scherben verpflanzt, mühseelig fortvegetirt, und vergebens die schlanken Zweige nach allen Seiten hinstreckt, um einen Gegenstand zu finden, den er liebend umfassen könnte. Ein einziges, ihr namenlos bleibendes Gefühl unendlicher sehnsucht bemächtigte sich ihres ganzen Wesens, aber sie fand nicht einmal eine Seele, die es der Mühe wert gehalten hätte, sich von ihr lieben zu lassen. Sie hatte Jugendgenossen, aber keine Jugendfreundin, und überhaupt niemanden in der weiten Welt, zu dem sie hätte sagen können: Dir gehöre ich an; oder der auch nur teilnehmend sich ihr zugeneigt hätte.

Die Zeit vergeht indessen dem Glücklichen wie dem Unglücklichen, und so flog sie denn auch an Angelika vorüber, und nahm deren freudenarme Kindheit mit sich fort. Wie auf einsamer Alpe die, im nakten Felsen dürftig wurzelnde Pflanze oft schöner ihr Haupt erhebt, als ihre im Garten sorgsam gepflegte, glücklichere Schwester, so wuchs auch die Verlassne unter Entbehrungen aller Art und Uebung sehr herber Pflichten, mit ihrem vereinsamten Herzen, nicht minder schön zur Jungfrau heran als eine glückliche. Sie hatte das Wort Liebe nie anders als im religiösen Sinn gehört, nie einen Roman gesehen, viel weniger gelesen; sie war nie im Teater gewesen, sah keinen Mann ausser den Lehrern in ihrem Institut, und diese waren alle in ihrem mühseeligen Berufe grau geworden, dankten Gott, wenn die Stunde schlug, die ihnen das Ende ihres peinlichen Tagewerks verkündete. Und dennoch schwebte vor dem inneren Sinne der armen Angelika ein namenloses Ideal, das ihre stille Fantasie mit den herrlichsten Eigenschaften zu schmücken wusste. Es verschönte, im Wachen wie im Schlummer ihren Traum, es lieh der ihr ganz unbekannten Welt einen zauberischen Glanz und lehrte dem einsamen Mädchen mitten im Zwange seiner verarmten Jugend, alles Entzücken der ungemessensten