zwar mit ihrer gewohnten stillen Freundlichkeit zuzuhören; aber es ging beinahe ganz unverständlich an ihr vorüber. Mühsam und vergebens suchte sie ihren schwermütigen Träumen sich zu entreissen, denen sie in der Einsamkeit der Nacht sich so gerne überliess; sie vermochte es nicht einmal, den Sinn von Babets Worten zu fassen, und antwortete ihr so unpassend und abgebrochen, dass diese die Geduld dabei verlor und endlich fortging, um mit ihrem Kopfkissen, dem einzigen Vertrauten, der ihr noch blieb, sich besser zu beraten.
Babet verband eigentlich mit einer sehr lebendigen Phantasie ein eiskaltes Gemüt, wie sich denn das im Leben oft genug zusammen findet. Noch nie war ein wahrhaft ernster Gedanke in ihr aufgekommen, aber sie hatte in ihrer Pensionsanstalt schon ganze Leihbiblioteken erschöpft. Langeweile und das Bedürfniss einer Abwechselung in ihrem einförmigen Leben hatten damals die Lust, Romane zu lesen, bis zu einer Art von leidenschaft in ihr gesteigert, und die kleinen Ränke, welche sie anwenden musste, um diese ihre Lieblingsneigung ganz unbemerkt zu befriedigen, erhöhte ihre Freude beträchtlich daran. So kam sie denn, den Kopf voll von den abenteuerlichsten Geschichten, als ein nun erwachsenes Mädchen, in das glänzende Haus ihres Oheims, und da aus der Sucht, Romane und nichts als Romane lesen zu wollen, gewöhnlich auch die, dergleichen zu spielen, entspringt, so sehnte sich Babet jetzt nur vor allem darnach, recht bald zu erleben, was sie oft mit dem innigsten Anteile gelesen hatte. All' ihr Sinnen und Trachten ging nur darauf hin, als die Heldin einer Liebesgeschichte zu glänzen. Der Student Teodor war zufälliger Weise der Erste, der ihr beim Eintritt in die Welt mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit bezeigte, und was war daher natürlicher, als dass sie sogleich in diesem ihren Helden gefunden zu haben wähnte. Es fiel ihr gar nicht ein, dass der ebenfalls sehr junge Mann, um nicht ganz müssig zu sein, nach Art der Mehrsten seines Alters, sie während seines Aufentaltes in ihrer Nähe zur Dame seines Herzens erwählt haben könne; sie dachte weiter gar nicht darüber nach, sondern begann im Gegenteil sogleich, einen Roman mit ihm zu spielen, der, so viel Redens sie davon auch gegen Agaten machte, dennoch nur in ihrem Köpfchen seine Existenz fand. Alles ging vortrefflich, so lange die Ferien dauerten, doch diese zogen vorüber, Teodor kehrte nach Göttingen zurück, und der Roman hatte ein Ende. Babet wusste nicht einmal, ob sie den Geliebten jemals wieder sehen würde, aber er hatte ihr eine noch aufgeregtere Phantasie und eine sehr fühlbare Oede in ihrem Leben hinterlassen, die sie mit jedem Tage missmutiger stimmten. Sie suchte zwar noch eine Zeit lang sich mit einer eingebildeten Trauer um den Entfernten hinzuhalten, doch dieses ermüdete sie sehr bald; sie bedurfte eines neuen Gegenstandes, um wieder zu einiger Zufriedenheit zu gelangen, und so war ihr Sir Charles in diesem Augenblick eine höchst willkommene Erscheinung. Auch trugen der ihn umgebende Glanz und die Hoffnung, als Siegerin neben der ihr sonst überall weit vorgezognen Vicktorine in die Schranken zu treten, nicht wenig dazu bei, ihrer Eitelkeit zu schmeicheln, indem zugleich das Fremdartige seiner Umgebungen sowohl, als seiner Persönlichkeit, ihre Phantasie auf alle Weise in Anspruch nahm.
Sir Charles Gestalt eignete sich übrigens ganz vortrefflich dazu, auf ein Mädchen wie Babet den angenehmsten Eindruck zu machen. Man konnte ihn eigentlich einen schönen Mann nennen, obgleich sein ganzes Wesen auf jenen Ueberdruss am Leben hindeutete, den wir in unsern Tagen aus dem frühen, keine Mässigung kennenden Genuss aller Freuden desselben nur zu oft in der blühendsten Jugendzeit entstehen sehen. Das Erschlaffte in den regelmässigen Zügen seines wirklich angenehmen Gesichts, das unnatürlich Matte in seiner Haltung, dem er durch angenommene modische Gleichgültigkeit gegen Alles ausser sich noch nachzuhelfen strebte, gaben ihm in Babets Augen ein höchst interessantes Ansehen, und machten ihn den Helden aus ihren Romanen vollkommen ähnlich.
In dieser ersten schlaflosen Nacht ihres Lebens dachte sie so lange an ihn und wiederholte sich so lange jedes seiner Worte, jeden seiner Blicke, deren Unbescheidenheit sie nicht gefühlt hatte, bis sie überzeugt war, nicht nur ihn zu lieben, sondern auch auf ihn den tiefsten günstigsten Eindruck gemacht zu haben. Dass er, nicht ohne ihr Zutun, sie für Vicktorinen gehalten habe, erschien ihr zuletzt in einem so romantischen Lichte, dass sie sich alle Bemerkungen der Tante darüber aus dem Sinne schlug, die sie kurz vorher so ängstlich gemacht hatten. Sie überzeugte sich zuletzt sogar, bei der morgen zu erwartenden Entdeckung in seinen Augen nur gewinnen zu können, und wandte sich nun ihrer Garderobe zu, die sie in Gedanken eine vollständige Revüe passiren lies, um für den kommenden grossen Tag das Schicklichste daraus zu wählen, bis sie endlich bei fast anbrechenden Morgen ruhig einschlief, um von Sir Charles und dem neuen Rosa-Kleide zu träumen.
Zweiter Band
Schon seit wenigstens einer Stunde erwartete die zahlreich versammelte Gesellschaft, welche Herr Kleeborn am folgenden Tage zu einem glänzenden Mittagsmahle eingeladen, einzig nur noch den Helden des Festes, Sir Charles, der immer noch ausblieb. Die alte Virnot wandelte unablässig in jener, allen guten Hausfrauen bei ähnlichen Fällen wohlbekannten Verzweiflung, zwischen Speisesaal und Küche auf und ab, und war nahe daran, bittere Tränen zu vergiessen über das Misslingen, welches durch diese Verzögerung ihren herrlichsten Vorbereitungen drohte. Herr Kleeborn sah alle fünf Minuten nach der Uhr, und die Tante erschöpfte vergebens ihre Unterhaltungsgabe, um den Gästen dieses peinliche Erwarten minder auffallend zu machen