1823_Schopenhauer_091_68.txt

in welchen sein Koko die Hauptrolle spielte; das hübsche Kind musste über diese Geschichtchen lachen, und da ihr das ganz allerliebst stand, so erzählte Sir Charles immer mehr, und seine Zuhörerin lachte immer herzlicher. Beide dachten gar nicht daran, dieser Unterhaltung müde zu werden, und Sir Charles würde gewiss, wer weiss wie lange, noch da geblieben sein, ohne dass es ihm eingefallen wäre, fortgehen zu wollen. Doch nach einem halben Stündchen schickte Herr Kleeborn hinauf, lies sein Nichtwiedererscheinen für diesen Abend durch unerwartete wichtige Geschäfte entschuldigen, die ihn bis tief in die Nacht hinein in seinem Komtoir festzuhalten drohten, und dies war nun freilich ein Zeichen zum Aufbruch, dem Sir Charles, wenn gleich ungern, dennoch Folge zu leisten, nicht umhin konnte.

Schön ist sie eigentlich nicht, meine Braut, aber verteufelt hübsch, murmelte er vor sich hin, als er höchst zufrieden, ohne eine Ahnung davon, dass er sich in der person geirrt haben könne, quer über die Strasse hinging, um sich in seine wohnung zu begeben. Nach englischer Sitte hatte er im Laufe des Gesprächs Herrn Kleeborn stets nur bei seinem Namen genannt und ihn nie als den Vater der jungen Dame, zu der er sprach, näher bezeichnet. In Babets Plandenn dass es diese und nicht Vicktorine war, die er im Wohnzimmer antraf, hat man gewiss längst erratenin Babets Plan also, konnte diese Verwechselung freilich nicht liegen, als sie ganz allein im Wohnzimmer blieb, nachdem Anna, Agate und Vicktorine des langen Wartens müde, sich aus demselben zurückzogen. Es war ihr nur verdrüsslich gewesen, sich so um nichts und wieder nichts geputzt zu haben, deshalb beschloss sie bei sich selbst und ohne ein Wort davon zu sagen, es doch noch ein wenig abzuwarten, ob der Fremde nicht noch kommen sollte, dessen Ankunft am Morgen ihre ganze Neubegier bis zum Peinlichen erregt hatte. Als er nun wirklich da war, und vollends sie für Vicktorinen hielt, was sie sehr bald bemerkte, schwieg sie anfangs, weil sie in der Verlegenheit nicht wusste wie sie sich ihm zu erkennen geben sollte; doch dieses verlegene Schweigen verwandelte sich mit der Zeit in ein absichtliches, da sie das Wohlgefallen entdeckte, mit welchem der junge Mann sie betrachtete. "Hat er mich doch nicht nach meinem Namen gefragt", dachte sie, und wenn ich ihm nun besser gefalle als Vicktorine, ist es meine Schuld? Es wäre doch albern von mir, wenn ich ihn gleich zurückwiese, und am Ende tue ich wohl noch gar Vicktorinen einen Gefallen, denn die scheint ganz etwas anderes im kopf zu haben als diesen Sir Charles, den Papa ihr gern zuweisen möchte, wie ich wohl merke.

Voll von der Eroberung, die sie so ganz unverhofft noch am späten Abend gemacht zu haben glaubte, eilte Babet, gleich nachdem Sir Charles fortgegangen war, zu ihrer Schwester, um ihr dies wichtige Ereigniss mitzuteilen; doch Agate war schon im Einschlafen begriffen, und bezeigte wenig Teilnahme. "Geh' mir," sprach sie endlich, da Babet gar nicht aufhören wollte davon zu reden, "geh' mir mit deinem Engländer. Wenn es kein Prinz und kein Bereuter ist, so verlange ich gar nichts von ihm zu wissen. Und nimm es mir nicht übel, aber ich kann es von Dir auch nicht loben, dass Du Dich gleich so mit dem wildfremden mann einlässt, ohne auch nur ein bischen an deinen Teodor zu denken. Ich könnte so nicht sein, und wenn er sich sechs Brillen übereinander aufsetzte. Und nun gute Nacht."

In Babets Köpfchen, wie in ihrem Herzen, wogte es indessen viel zu bunt durch einander, als dass sie sich so hätte zufrieden geben können. Sie bedurfte durchaus gleich auf der Stelle einer Vertrauten, und schlich sich also, spät wie es war, zu Vicktorinen, die sie freilich noch wachend fand. Aber zu ihrem grossen Schrecken traf sie auch die Tante noch bei ihr an. Indessen fasste sie sich schnell und war obendrein listig genug, ihr Zusammentreffen mit Sir Charles und dass er sie für Vicktorinen angesehen habe, als einen lustigen Scherz jetzt zu erzählen; doch statt des gehofften Beifalls erhielt sie von der Tante nur einen sehr ernsten Verweis über ihren unvorsichtigen Leichtsinn, und wurde noch obendrein gefragt: was sie denn morgen anzufangen gedenke, wenn Sir Charles die wirkliche Vicktorine sehen und so den ihm gespielten Betrug entdecken würde? Babet machte sich ohne Antwort ganz trübselig wieder davon, denn dieses war ihr in der Freude ihres Herzens noch gar nicht eingefallen.

Halb ärgerlich, halb ängstlich, denn der Tante letzte Bemerkung hatte sie schwer getroffen, wollte Babet eben wieder den Weg nach ihrem Zimmer eingeschlagen, da hörte sie auf dem Gange Angelikas Harfentöne durch die stille Nacht. Das Bedürfniss, von dem zu reden, was ihr in diesem Augenblick auf dem Herzen lastete, war zu gross, es trieb sie daher auch noch zu dieser hin, so wenig sie übrigens auch sonst gewohnt war mit der ernsten Angelika nach Mädchenart vertraulich zu verkehren. Im grund, dachte sie, ist Angelika doch ein gutes Kind und auch verständig, vielleicht kann sie mir raten, was ich morgen anfangen soll, um nicht vor allen Leuten gar zu beschämt da zu stehen. Doch die arme Babet war einmal dazu bestimmt, an diesem Abend durchaus keine Teilnahme finden zu können. Das blasse Gesicht auf die Harfe gelehnt, schien Angelika dem raschen Plaudern