obgleich auffallend bleicher als sonst, sass mit stolz erhabnem Nacken und blitzenden Augen neben der Tante, wie jemand der einem nahen schweren Kampf mutig entgegensieht. Um Anna's feine Lippen schwebte indessen ein fast unmerkliches ein wenig spöttisches Lächeln, während ihr klares Auge jede Bewegung von Vicktorinens Vater verfolgte. Dieser mass noch ein paarmal mit grossen Schritten das Zimmer, blieb dann plötzlich vor Vicktorinen stehen als ob er etwas sagen wollte, kehrte eben so plötzlich wieder um, und begann von neuem seine Promenade. Dabei herrschte eine Todtenstille, die niemand der Anwesenden zu unterbrechen wagen mochte.
"Hm, ja," fing Kleeborn endlich halb für sich, halb zu den andern an, "hm, ja einen Sekretär braucht er als holländischer Konsul in London, obgleich auf Reisen sollte ich meinen – nun die zeiten haben sich sehr geändert seit ich jung war. Freilich ich bin so nicht gereist, doch wie gesagt, andre zeiten andre Sitten, und wer einen Rückhalt hat wie dieser junge Mann, der kann – hm." Nun folgte wieder eine neue Pause und eine neue Promenade, dann blieb der Alte abermals vor seiner Tochter stehen. "Vicktorine," begann er, "Du hast vernommen wer angekommen ist, wen wir erwarten wollte ich sagen. Darum dächte ich, mein Kind, Du benutztest noch die Zeit vor Tische um dich ein wenig zu putzen." "Onkelchen, das sollten wir ja wohl auch," rief Babet mit ihrem hellen Stimmchen dazwischen. "Seid Ihr auch noch da?" fuhr Kleeborn sie an, "das könnt Ihr halten wie Ihr wollt, wer denkt an Euch!" Leise wie eine Maus schlich Babet jetzt über den Teppich weg der tür zu, winkte Agaten und beide Mädchen verschwanden. Auch Angelika folgte ihnen, zufolge einem von der Tante erhaltenen Wink sich ebenfalls zu entfernen.
"fräulein Schwester," hob Kleeborn jetzt an, indem er sich zu der Tante setzte und ihre Hand ergriff, "liebes fräulein Schwester, Sie sind eine sehr kluge Dame, das weiss ich, und Sie werden mich daher verstehen wie billig. Dieser junge Mann, den wir vor einer Stunde, freilich mit ziemlich auffallendem Prunk, dort drüben ankommen sahen, ist wie ich nun weiss der Sohn eines der ersten Häuser in Amsterdam, dessen Reichtümer ihn allerdings berechtigen mehr Aufwand zu machen als tausend andere nicht dürfen. Und ich muss es in einiger Hinsicht sogar loben, dass er beflissen ist gerade hier sich recht glänzend zu zeigen. Ihrer bekannten grossen Einsicht wird es nicht entgehen wie ich dieses meine, doch zur Sache. Der alte Wissmann hat vor zehn Jahren, da alle Welt mich verlies, Freunde und Verwandte – ja fräulein Schwester, Verwandte, auf die ich rechnen zu dürfen wohl befugt war, mein Blut kocht noch wenn ich daran gedenke, doch Sie sind unschuldig daran, Sie können nichts dafür – Genug fräulein Schwester, der Vater dieses jungen Mannes hat mir damals mehr als das Leben gerettet – selbst du Vicktorine verdankst ihm – doch Basta, es ist gottlob alles vorüber und mit Ehren überstanden. So viel ist indessen gewiss, ohne meinen alten Amsterdammer Freund wären wir alle nicht wo wir sind, und ich selbst vielleicht längst – doch wie gesagt das ist vorbei. Was aber der Vater an mir tat will ich dem Sohne vergelten, das steht so fest wie das Wort eines ehrlichen Mannes es stellen kann, und dass es die Pflicht meines einzigen Kindes sei mir dabei zu helfen, wird wohl niemand mir abstreiten – und darum geh, Vicktorine, dich umzukleiden."
"Ich will es tun, wenn Sie durchaus es verlangen," erwiderte Vicktorine, mit bewegterer stimme als dieser Befehl ihres Vaters es zu erfordern schien, "ich will es tun, aber erlauben Sie mir zu bemerken, dass ich die überzeugung habe, gerade so wie ich hier bin jeden Besuch mit Anstand annehmen zu dürfen. Und obgleich ich bereit bin den Sohn eines Freundes, den Sie so hoch stellen, mit aller der Zuvorkommenheit zu empfangen, die mir als Ihre Tochter ziemt, so sehe ich doch nicht recht ein warum ich gerade mit ihm in diesem Punkt eine Ausnahme machen soll." "Eine Ausnahme!" zürnte Kleeborn. "Ja mein Vater, eine Ausnahme," erwiderte Vicktorine bescheiden, aber fest. "Ich bitte Sie recht kindlich, vergessen Sie eben so wenig die Vergangenheit, als ich meine Pflicht gegen Sie je vergessen werde. Mein Wort muss mir nicht minder heilig sein als Ihnen das Ihre, denn ich bin Ihre Tochter, und ich werde dem Sohne Ihres Freundes die achtung, die ich als solchem ihm schuldig bin, hauptsächlich dadurch beweisen, dass ich ihn keinen Augenblick über mich selbst, über mein Herz, über meine Lage, über meinen unabänderlichen Entschluss in Zweifel lasse, sobald er mich in den Fall setzt, mich gegen ihn erklären zu müssen. Ihnen, mein Vater, ist alles dies kein geheimnis mehr, daher bitte ich Sie" – "Vicktorine," schrie Kleeborn, und sprang mit von Wut entstellten Zügen auf – da trat die Tante beschwichtigend zwischen Vater und Tochter. "Seid Ihr nicht wunderliche Leute!" rief sie lächelnd. "Ich sehe jetzt sehr wohl ein, wovon unter Euch beiden eigentlich die Rede ist; aber denkst Du denn, Vicktorine, dass ein junger Mann von Welt wie dieser, sich gleich in der ersten Stunde wie ein Hochzeitbitter vom