1823_Schopenhauer_091_65.txt

"Wissmann," rief Kleeborn ganz entzückt, und schüttelte dem Neuangekommnen recht kräftig die Hand. – "Wissmann, ei lieber Herr Wilkinson so sein Sie mir doch tausendmal willkommen! Warum ist er denn nicht gleich bei mir abgestiegen, ich habe ihn doch eingeladen und seine Zimmer stehen bereit. Babet, geh mein Kind, Mamsell Virnot soll aufschliessen und einheizen lassen." – Babet stiess Agaten an dass diese gehen solle, doch keine von beiden bewegte sich von der Stelle, denn keine hatte Lust den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit aus den Augen zu verlieren.

"Bemühen Sie das fräulein ja nicht," bat Wilkinson indessen, "Sir Charles wünscht die Familie nicht zu derangiren, und da wir ziemlich viel Platz brauchen" – "Ich habe Raum genug für alles," erwiderte Kleeborn; "wahrscheinlich sind Sie des jungen Wissmanns Reisegefährte. Nun auch für Sie ist Platz genug da, und Sie sollen mir ebenfalls ein recht werter Gast sein, lieber Herr Wilkinson. Vier Zimmer stehen bereit, damit werden die beiden jungen Herren schon auskommen. Also der junge Mann, der neben Ihnen sassdenn wir sahen Sie vor dem Hotel aussteigen, müssen Sie wissen, – der junge Mann also ist der Sohn meines alten Freundes? Ei, ei, wer hätte das denken können! Nun, nun, und Sie? wahrscheinlich ebenfalls Kaufmann? Sie haben Recht, das ist der erste Stand der Welt."

"Verzeihen Sie," erwiderte der Fremde mit sehr gemessnem Ton, "verzeihen Sie, mein Herr, ich habe das Vergnügen, dem Sir Charles in der Qualität eines Sekretärs attaschirt zu sein, der junge Mensch aber, den ich neben mir im Wagen hatte, dient ihm als sein Homme de Chambre. eigentlich gehörte auch er auf den Bock, doch auf Reisen, das wissen Sie gewiss, darf man dergleichen so genau nicht nehmen, und überdem ist Marcellin seinem Herrn so treu ergeben, dass ihm schon deshalb manches nachgesehen wird." Ein halb gepfiffnes, halb geseufztes sehr gedehntes So war Kleeborns erste Antwort, dann setzte er nach einer ziemlichen Pause mit etwas verlängertem Gesicht hinzu, "also ist Wissmann nicht da? kommt auch vielleicht heute nicht?" "Verzeihen Sie," erwiderte Wilkinson abermals, "Sie erwähnten vorhin, dass Sie uns vor dem Hotel aussteigen gesehen haben, nun Sir Charles Landauer folgte dicht hinter meiner Batarde." "Wie? das also? hm hm," erwiderte Kleeborn mit steigender aber nicht sehr fröhlicher Verwunderung; "und die Pferde" – "Beim Himmel es sind herrliche Tiere!" fiel Wilkinson ein, "wie Sie gewiss unerachtet der Decken bemerkt haben werden. Vor allem der Lichtbraune, Sir Charles eigenes Leibpferd. Das mutige Tier lässt sich aber auch von keinem regieren, ausgenommen von seinem Herrn und unserm Stallmeister. Es stammt in gerader Linie von des Herzogs von Bedford berühmten Hector ab. Orion war sein Vater, der fünfmal in Newmarket den Sieg davon trug; die Mutter war Lord Ashfords Molly, die beim letzten Pferderennen in Epsom" – "Sehen Sie einmal!" Mit diesem Ausruf unterbrach Kleeborn in ziemlicher Verwirrung den plötzlich beredt gewordnen Sekretär, der eben im besten zug war ihn auf das umständlichste mit den Stammbäumen und allen Heldentaten der Pferde seines künftigen Schwiegersohnes bekannt zu machen. "Ei, ei, sehen Sie einmalnun und Herr Wissmann?" "Sir Charles," erwiderte Wilkinson, "Sir Charles hat mir aufgetragen Ihnen und der Familie seine glückliche Ankunft zu melden. Durch eine eigenhändige Note von ihm wäre dies freilich besser und schicklicher geschehen. Doch Domingo hat den Schlüssel zu seines Herrn Schreibekassette verlegt, und so sieht dieser sich genötigt, Sie durch mich zu bitten, dass Sie den ihm aufgezwungnen grossen Verstoss gegen die Regel freundlich entschuldigen mögen; gewiss nur die Not konnte ihn dazu veranlassen, denn die Schreibmaterialien, welche der Wirt herbeibrachte, wurden leider sämmtlich total unbrauchbar befunden." "Das wundert mich, der Mann ist doch sonst so ordentlich," erwiderte Kleeborn. "Total unbrauchbar, auf Ehre," wiederholte Wilkinson.

"Uebrigens," sezte er hinzu, "übrigens bittet Sir Charles um die erlaubnis sich Ihnen und den Damen noch heute Abend nach dem Mittagsessen vorstellen zu dürfen. Er wünscht nur zuvor die Reisekleider abzuwerfen und sich von der Ermüdung ein wenig zu erholen. Denn wir sind gewohnt sehr schnell zu reisen und die Wege hier herum sind fürchterlich schlecht."

Beladen mit Höflichkeitsbezeugungen aller Art verlies der Sekretär endlich das Zimmer und Herr Kleeborn gewann nun Zeit, sich von dem Erstaunen über alles was er vernommen ein wenig zu erholen. Sein Gesicht glich einem Apriltage; in diesem Augenblick glänzte es im hellsten Sonnenschein der Freude, im nächsten schwebten dunkle nahen Sturm verkündende Wolken des Unmuts darüber hin. Leise pfeifend schritt er aus einer Ecke des Zimmers in die andere, wie er immer zu tun pflegte, wenn irgend etwas ihn aus der Fassung gebracht hatte. Alle übrigen im Zimmer schienen ebenfalls mehr oder weniger gespannt zu sein. Babet und Agate standen wie versteinert da, denn der Prinz und der Sekretär, Sir Charles und die Bereuter, wogten mit grossem Tumult in ihren Köpfen herum. Angelika, die an allem bisher Vorgegangenen wenig Teilnahme bezeigte, schlich sich jetzt leise zu Vicktorinen hin, und über die Lehne ihres Stuhls gebeugt, betrachtete sie die geliebte Freundin mit dem Ausdruck inniger und zugleich sorgenvoller Liebe; hingegen Vicktorine selbst,