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Handelsstädten das bis in den späten Abend hinausgeschobne Mittagsmahl zu einer Stunde einführte, die in andern Orten schon längst dem Nachmittage angehört. Man hatte schon lange dem Abgesandten ungeduldig entgegen gesehen, denn die Neugier plagte eigentlich den guten Onkel nicht weniger stark als seine Nichten, doch die Nachrichten, welche Johann mitbrachte, waren bei weitem nicht befriedigend. Etwas sehr vornehmes müsse es sein, so viel hatte der Wirt gesagt, weiter aber wusste dieser noch von nichts, als dass die ganze Bel-Etage seines Hauses auf mehrere Wochen in Beschlag genommen worden sei, und dass die in derselben bereits wohnenden Fremden alle über Hals und Kopf andere Zimmer beziehen müssten, was denn natürlicher Weise ohne grossen Molest nicht abgehe. "Uebrigens," erzählte Johann weiter, "übrigens ginge alles im Hotel drunter und drüber, und Koch, Kellner und Stubenmädchen liefen insgesammt mit den Köpfen gegeneinander, um die Fremden nebst ihrer Dienerschaft zu befriedigen, indem alle tausenderlei auf einmal verlangten, und jeder etwas anderes.

Agate und Babet hatten sich indessen dem Fenster wieder genähert, denn der Affe sass drüben auch auf der Fensterbank, und eine Menge Leute war aufs neue vor dem haus versammelt, um die Grimassen des possierlichen kleinen Tieres zu belachen. "Du!" flüsterte Agate, indem sie halb auf den Knien, halb auf einem umgestülpten Fussschemelchen sitzend, ihren Stickrahmen wieder in Ordnung zu bringen suchte, "Du! höre! vielleicht ist es der König von Heidi oder wie er heisst, der die sächsische Mamsell heuraten soll, wie man sagt, und der jetzt kommt, um seine Braut abzuholen. Ach wenn er doch den Grafen Limonade oder Schokolade bei sich hätte!" "Dummes Kind, die sind ja alle gestorben," belehrte sie Babet. "Ach wie kann ich von allen Leuten wissen, ob sie leben oder tot sind," erwiderte Agate, und setzte ergrimmt einer ihr entfliehenden Seidenrolle nach.

"Soviel ist gewiss," sprach nun Babet mit grosser überlegung, nachdem Agate sich wieder zu ihr gesetzt hatte, "soviel ist gewiss, der Fremde hat zuverlässig und auf jeden Fall Addressen an uns, und denn muss doch der Onkel ihm zu Ehren einen Ball geben, das ist wohl das wenigste, was er für einen solchen Herrn tun kann." "Nun Gottlob!" rief Agate und klopfte freudig in die kleinen hände, "Gottlob, dann kommt doch wieder einmal Leben ins Haus." "Ja," sprach Babet, "aber das sage ich Dir, den rosenfarbnen Crepon zieh ich nicht an, die lange Schmidt hat wieder gerade so ein Kleid. Mein neuer Blonden-Tüll muss dazu fertig werden und Du musst mir dabei helfen."

"Wenn es ein Prinz wäre, so recht ein wirklicher Prinz!" sprach Agate sehr bedenklich; "mein Lebtage habe ich noch keinen so recht in der Nähe gesehen. Und wenn er nun gar mit mir tanzte!" "Freilich muss er mit uns tanzen, wir sind ja die Damen vom haus," verbesserte Babet sie. "Schade nur, dass mein Teodor nicht dabei ist, der käme gewiss vor Eifersucht von Sinnen, wenn er ansehen müsste, wie mir der Prinz die Cour macht!" "Ich ängstige mich tot, wenn er mit mir tanzt," rief Agate, "der tanzt gewiss nichts als Françaisen, wäre nur Monsieur Michaud wieder da, dass man die Pas ein wenig einüben könnte. "Ist's ein Engländer, so tanzt er nur Ekossaisen, aber walzen wird er leider nicht können," setzte Babet hinzu.

"Pas de Zéphyr," rief jetzt Agate, indem sie vor dem grossen Spiegel mit hochaufgenommenen Röckchen ihre Pas einzuüben versuchte, "tour de bras, en avant! Tournez! rigadon," rief die sich zu ihr gesellende Babet, "allons, tour de poule."

"Tour de Gans, die passt für euch am besten," rief Herr Kleeborn lachend dazwischen, indem er den beiden Kindern mit Vergnügen zusah; denn sie waren in diesem Augenblick wirklich allerliebst. "Herr Gott, Onkel, der Fremde kommt gerade ins Haus!" rief jetzt Agate, die eben einen blick aufs Fenster geworfen hatte. "Es ist ja der Rechte nicht," eiferte Babet. "Wie kannst Du das so genau wissen," erwiderte Agate. "Allerliebstes, bestes Onkelchen," setzte sie schmeichelnd hinzu, "tun Sie mir den allereinzigsten Gefallen und lassen ihn hier hereinkommen, ich möchte ihn gar zu gerne in der Nähe sehen. Babet vereinigte ihr Bitten mit dem ihrer Schwester, und der Onkel, der sich eben bei seltner guter Laune befand, tat was die Kinder von ihm verlangten.

Herr Wilkinson aus London, so hatte der Fremde sich melden lassen, Herr Wilkinson trat herein, und alle erkannten in ihm sogleich einen der beiden Fremden, die in dem ersten Wagen angelangt waren. Es war ein hübscher nach der allerneuesten englischen Mode gekleideter junger Mann, der in der geöffneten tür sich sehr zierlich mit allen fünf Fingern der linken Hand in das Himmelansträubende Haar fuhr, während er mit der rechten den Hut abnahm, erst die Damen, dann den Herrn des Hauses mit einem sehr graziosen Kopfnicken begrüsste und zuletzt zwar mit etwas ausländischem Accent, aber doch in sehr verständlichem Deutsch seine Rede anhob.

"Sir Charles Wissmann trug mir auf ihn den Damen und Herren Kleeborn hochachtungsvoll zu empfehlen" –