1823_Schopenhauer_091_63.txt

auf der Strasse stehen geblieben waren.

"Höre der Rechte kommt noch, glaube ich," flüsterte Babet Agaten zu, "wohl gar ein König, und das sind nur seine Minister." "Ach lass mich!" erwiderte Agate, "sieh lieber auf die Pferde, die dort kommen. Die haben ordentlich Mützen mit Ohren auf, und Ueberröcke an, und rote Brillen auf der Nase." "Gewiss sind's am Ende doch Bereuter," jubelte die Kleine, und klatschte vor Freuden in die hände. "Das wäre nun ganz herrlich! es sind so lange keine da gewesen."

drei in grauen rot verbrämten Ueberzügen von oben bis unten dicht verhüllte Pferde nahten jetzt von zwei reitenden Stallbedienten geführt, ein stattlicher in einem modernen dunkelfarbigen Ueberrock gekleideter Mann ritt nebenher. "Siehst du, dass ich Recht habe?" frohlockte Agate, "das ist der Herr der truppe, und dort im letzten Wagen sitzen wohl die Damen, die zu ihr gehören. Nicht wahr, Onkelchen, es sind Bereuter?" fragte sie, indem sie sich diesem lächelnd zuwendete. "Fast sieht es mir selbst so aus," erwiderte Kleeborn. "Dann ist es wahrscheinlich Tourniaire, der Mann ist reich, wie man sagt, aber wundern tut es mich doch, dass er hier im ersten Hotel der Stadt absteigt, mit all' den Leuten und Pferden. Das wird ein schönes Geld kosten."

"Nun? wer hat nun Recht?" rief jetzt Babet, und bog sich so weit als möglich zum Fenster hinaus. "Wo siehst Du Damen? Der König oder der Prinz kommt dort erst selbst in dem wunderschönen grossen Wagen." "Nein, es ist eine Dame in Herrenkleidern, eiferte Agate, die Bereuterinnen reisen immer so; Du siehst es ja, sie hat den Hund bei sich, und den Affen; die sollen gewiss im Feuerwerk ihre Künste machen, wie ich das in der Zeitung beschrieben gelesen habe. Die zahmen Hirsche sehe ich noch nicht, die kommen gewiss noch nach, mit dem Uebrigen. Allerliebster bester Onkel, den ersten Tag, wenn die Leute spielen, müssen wir hin! und wie glücklich! nun sehen wir sie alle Tage zweimal mit Musik Parade reiten, wenn sie ausziehen, und wenn sie wiederkommen."

Langsam, wegen der ziemlich engen mit Fussgängern erfüllten Strasse, obgleich mit sechs Postpferden bespannt, nahte jetzt ein wirklich sehr schöner zurückgeschlagener Landauer Wagen, ohne alle Bedienten darauf. Ein einziger junger Mann sass oder lag vielmehr in der allernachlässigsten Stellung in einer Ecke desselben so bequem hingestreckt, als befände er sich zu haus auf seinem Sofa. Ein prächtiger Pelz von sonderbarem Schnitt verhüllte ihn bis an die Ohren, und eine grüne Staubbrille, die er trug, lieh seinem blassen, doch nicht unangenehmen Gesicht etwas grauenhaft-gespensterartiges; dabei studirte er mit der grössten Aufmerksamkeit ein Zeitungsblatt, das er in der Hand hielt, ohne nur einmal den blick davon zu wenden. Neben ihm hatte ein grosser schöner getiegerter Hund seinen Platz, und indem dieser die Vorderpfoten auf die Schultern seines Herrn gelegt hatte, kuckte er so emsig und ehrbar mit in die Zeitung hinein, als ob er etwas davon verstände. Auf dem Rücksitz des Wagens stand ein zierliches mit vergoldetem Gitterwerk geschmücktes Häuschen, doch sein an einer langen Kette in demselben befestigter Bewohner, ein kleiner langgeschwänzter Affe, sass oben auf dem dach seiner wohnung, wies den mit lautem jubel den Wagen umschwärmenden Strassenbuben die Zähne, und warf ihnen alle Ueberbleibsel seiner unterweges gehaltnen Mahlzeiten an die Köpfe, ohne dass sich sein Herr dadurch im mindesten in der Lektüre stören lies, bis der Wagen vor dem Hotel d'Angleterre hielt.

Langsam, als erwache er eben vom süssen Schlummer, stieg der Reisende jetzt aus dem Wagen, pfiff seinem Hunde, der ihm auf den Fersen nachfolgte, winkte dem Neger, ihm den Affen nachzutragen, und ging mit stolzem Schritt in den Gastof hinein, ohne den Wirt und dessen Komplimente nur eines Blickes zu würdigen. Alle folgten ihm ehrerbietigst, der Wirt, die Bedienten, die Kellner, zuletzt auch die beiden kurz zuvor angekommnen Fremden. Die Pferde wurden fortgeführt, die Zuschauer zerstreuten sich, Herr Kleeborn schloss sorgfältig das Fenster, und das ganze Schauspiel hatte einstweilen sein Ende erreicht.

"Wie Du Dich nun einmal wieder blamirt hast mit Deinen Bereutern," sprach Babet jetzt zu Agaten; "das kommt davon, dass Du immer alles besser wissen willst als andre Leute." "Aber wer sagt uns denn gewiss, dass es keine sind," erwiderte ziemlich kleinlaut Agate, "es können doch noch Bereuter sein, aber recht vornehme, die gradezu aus London hergeritten kommen. "Quer über das mittelländische Meer zu Pferde? nun Du weisst es recht," rief spöttisch lächelnd Babet. "Stille, stille, um Gotteswillen," sprach Herr Kleeborn dazwischen, "euer Herr Kandidat möchte auch an Deinen geografischen Kenntnissen wenig Freude haben, wenn er so Dich reden hörte. So viel ist indessen gewiss, Bereuter sind das nun einmal nicht. Sollte einer von den englischen Prinzen? – Doch die sind ja alle viel älter. Ich weiss was ich tue, ich schicke den Johann hinüber."

Der von seinem Herrn aufs Recognosciren sogleich ausgesandte Bediente kehrte indessen erst zurück, als Kleeborn und die Seinen sich schon eine ziemliche Weile um den reich besetzten Frühstücktisch versammelt hatten, den in grossen