zu einem raschen Entschluss, und eine seltsame Scheu, von welcher keines von uns sich genaue Rechenschaft abzulegen vermochte, hinderte uns an unserm so lange bestandnen, so lange uns beglückenden verhältnis, etwas abzuändern. So verging uns wieder ein Jahr nach dem andern, indessen hätten wir wahrscheinlich doch noch dem bei jeder neuen Trennung lebhafter gefühlten Wunsch nachgegeben, in ungestörtem Beisammensein das Ende unsrer Tage vereint abzuwarten – da trat der Tod zwischen uns.
Bernhard starb ferne von mir, in der Schweiz, wohin Geschäfte seines Herrn ihn gerufen hatten. Mein tiefer Schmerz zog mich hin an sein Grab, dort fand ich Tränen und in diesen die erste Erleichterung für meine im bittersten Weh erstarrte Brust.
Der Anblick der unbeschreiblich grossen natur in jenem wundervollen land, löste zuerst das eiserne Band, welches mir bis zum Erdrücken das Herz zusammenpresste, und ich glaubte unaufhaltsam mein Leben auf dem Hügel ausweinen zu müssen, der die geliebte Gestalt mir auf immer entzog. Mein erstarrtes Herz ward wieder weich, mein Auge hob sich wieder fromm hoffend mit Ergebung, zu dem Allwaltenden hinauf, der dort auf seinen ewigen Bergen im riesengrossen Bilde der natur sich den Sterblichen näher offenbaret. Ich blieb lange genug in der Schweiz, um noch Bernhards Todestag an seinem grab zu feiern; das sind nun acht Jahre – eben heute." Vite! vite mes enfans, geschwinde ans Fenster! Ciel de Dieu quel train! rief Mamsell Virnot, indem sie den Kopf zur halbgeöffneten tür des Wohnzimmers hinein steckte, ihn aber auch sogleich wieder zurückzog und davon eilte. Babet und Agate sassen eben ganz allein am Kamin, mit ihrer Näharbeit emsig beschäftigt. Agate nach ihrer hastigen Art, warf im Aufspringen den grossen Stickrahmen über den Haufen, verwickelte sich in die Fäden der weit über den Fussboden sich verbreitenden Seidenrollen, zerriss alles ohne sich weiter darum zu kümmern, und eilte das Fenster aufzumachen; denn der immer näher schmetternde Klang vieler unter einander wetteifernder Postörner lockte sie unwiederstehlich. Auch Babet gesellte sich zu ihr, und beide Mädchen sahen nun mit fröhlicher Neubegier und weit vorgestrecktem Halse dem nahenden zug von Reisenden in gespannter Erwartung entgegen.
"Fenster zu!" donnerte Herr Kleeborn, der eben ins Zimmer trat. "Seid ihr von Sinnen, bei dieser Kälte? wollt ihr die Strasse heitzen? und da liegen auch alle eure Siebensachen auf dem Fussboden umher! Das ist mir eine feine Wirtschaft." "Ach Onkelchen," rief Babet, ohne den Kopf nach ihm umzuwenden, "machen Sie nur geschwinde die tür zu, damit es nicht so grässlich zieht." "Und schelten Sie nicht so," sezte Agate hinzu, indem sie lächelnd ihm winkte. "Kommen Sie lieber selbst und helfen uns zusehen, es langen Bereuter an!" "Warum nicht gar Bereuter," sprach Babet mit verächtlichem Achselzucken, "die werden auch im Hotel d'Angleterre logiren! vornehme Herrschaften sind's!"
Der durch das Geplapper der Mädchen wirklich selbst schaulustig gewordne Onkel trat indessen hinter sie, um selbst über ihre Köpfe wegzusehen, und auch die Tante, mit Vicktorinen und Angelika, die Herrn Kleeborn ins Zimmer gefolgt waren, liessen von dem zunehmenden Getöse auf der Strasse sich in das zweite Fenster locken.
Sie erblickten das ganze dem Kleebornschen haus schräge gegenüber liegende Hotel d'Angleterre in der allergeschäftigsten Bewegung. Von dem Heere seiner Kellner umgeben, stand sogar der sonst sehr vornehm gesinnte Gastwirt in der dritten Posizion vor der tür seines Hauses, zu den allertiefsten Bücklingen bereit, und das sämmtliche Personal schaute mit erwartungsvollen Gesichtern nach der Seite der Strasse hin, von wo der Klang der Postörner immer lauter und lustiger näher kam. Zur Freude der zahlreich versammelten Strassenjugend führte ein eben vom Pferde gestiegener fantastisch bunt gekleideter Jokei sein dampfendes Tier mit der grössten Gelassenheit in der engen volkreichen Strasse auf und ab, um es verkühlen zu lassen, während die Hausknechte sich gewaltig abarbeiteten, um einen mit vier Postpferden bespannten, und mit allerlei wunderlich geformten Koffern und Mantelsäcken hochbeladnen Packwagen in die Remise zu schaffen. Dieser Packwagen schien augenscheinlich zu einem sehr eleganten ebenfalls vierspännigen Reisewagen zu gehören, der durch dessen Entfernung erst Platz gewann, vor dem Hotel anzufahren. Zwei junge elegant gekleidete Männer sassen darin, hinten auf einem zu diesem Zweck eingerichteten bequemen Sitz ein Bedienter, vorn auf dem Bock ein glänzender Jäger und ein in grellen Farben geputzter Negerknabe. "Das sind sie," flüsterten die Mädchen einander zu, und stiessen sich nur mit dem Ellenbogen an, ohne einander anzusehen; denn die Fremden, denen der Wirt selbst in tiefster Untertänigkeit aus dem Wagen half, nahmen alle ihre Aufmerksamkeit in Beschlag. "Ce sont des Mylords anglais," rief die alte Virnot von unten zum Fenster hinauf, denn auch sie hatte sich von der Neugier in die Haustüre locken lassen.
"Ein junger reisender Prinz oder Graf mit seinem Hofmeister," sprach hingegen Herr Kleeborn mit grosser Zuversicht und war schon im Begriff die Mädchen vom Fenster wegzujagen und dieses zuzumachen; doch unterliess er es noch einstweilen, da er zu seiner Verwunderung gewahr ward, dass die eben ausgestiegnen Fremden sich nicht ins Haus führen liessen, sondern nebst dem Wirt, den Kellnern und den Bedienten vor demselben stehen blieben, als ob sie auf noch jemanden warten müssten. Zugleich ragten in einiger Entfernung mehrere Pferdeköpfe und Reuter über die zahlreichen Häupter der Zuschauer empor, die im Vorbeigehen, wie das bei solchen Gelegenheiten in grossen und in kleinen Städten immer geschieht,