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Die französische Revolution war ausgebrochen, und alles, alles, sowohl im Reich der Ideen als der Wirklichkeit, näherte sich einer furchtbar gewaltsamen Umwälzung, welcher nur wenige sich ganz zu entziehen vermochten. Auch mein Freund hielt es nicht länger aus, dem allen nur aus der Ferne zuzusehen, er konnte das ruhige stille Leben nicht weiter fortführen, das bei dem gewaltigen Treiben im übrigen teil von Europa, ihm wie Untätigkeit vorkam, und er wandte alles an, um sich wenigstens auf einige Zeit davon loszumachen.

Er kam zurück ins Vaterland; vor allem eilte er mich wieder in meiner Einsamkeit aufzusuchen, und wir feierten zum zweitenmal mit entzückender, wenn gleich wehmütiger Freude, das fest des Wiedersehens. Dann zog er wieder fort, hinaus in die wildbewegte Welt, um ihr Treiben mit eigenen Augen und in der Nähe zu beobachten. Der trügerische Schimmer ächter Freiheit und hoher Bürgertugend, den anfangs die Revolution um sich verbreitete, hatte bei ihrem ersten erscheinen die edelste Jugend aller Länder verblendet, und auch Bernhard fühlte sich in der Ferne vom allgemeinen Taumel ergriffen; doch in der Nähe verschwand das Truggebilde gar bald, vor dem richtigen Scharfblick, mit dem die natur ihn reichlich begabt hatte.

Die verbündeten Mächte standen jetzt auf, um mit vereinter Kraft die vielköpfige Hyder der wildesten Anarchie in der Geburt zu ersticken, und auch mein Freund gesellte ihrem Heere sich zu, und teilte mit edlen Genossen alles Unheil jener trüben verhängnissvollen Zeit.

Tief betrübt eilte er nach dem so traurig beendeten Feldzuge zu mir zurück. Er suchte und fand Trost und Beruhigung bei mir, dem einzigen Wesen dem er in der Welt noch angehörte; dann wandte er sich wieder ab, um in einen ausgebreiteteren Wirkungskreis zu treten, den die Gnade eines grossen Monarchen ihm bot, welchem er wärend jenes merkwürdigen Krieges glücklich genug gewesen war, näher bekannt zu werden. Seine Ordenspflicht, wenn gleich nicht sein Gelübde, wurden in der Zeit so gut wie vernichtet oder doch aufgehoben, denn auch Malta fiel durch Feigheit und schändlichen Verrat in die hände der allgemeinen Welträuber. Völlig frei von dieser Seite begann jetzt Bernhard ein sehr bedeutendes, ich darf wohl sagen, ein gewaltiges grosses Leben zu führen, zu dessen Förderung er seine vielfachen Verbindungen mit ausgezeichneten und mächtigen Zeitgenossen sehr glücklich zu benutzen wusste. Uebrigens bahnten auch sein Geist, seine wissenschaftliche Bildung, seine Lebenserfahrung, das Einnehmende seiner persönlichen Erscheinung überall ihm den Weg.

Auch in meiner äussern Lage war indessen eine bedeutende Veränderung vorgegangen. Nach langem Kampfe endlich von seinen irdischen schmerzlichen Banden entfesselt, hatte der edle reine Geist meiner Freundin der ewigen Heimat sich zugeschwungen. Seit Jahren musste ich unter ihrer Aufsicht alle Pflichten, die ihr als Pröbstin des Stiftes oblagen, für sie verwalten, indem ihre grosse Kränklichkeit ihr nicht mehr erlaubte, dies selbst zu tun. Gegen mein Erwarten und ohne mein Zutun, ward ich nach ihrem tod erwählt, als ihre Nachfolgerin ganz an ihre Stelle zu treten und der mir dadurch zufallende Anteil an der Verwaltung der dem Stift angehörenden weitläuftigen Güter, öffnete mir ein weites Feld zur Uebung aller meiner geistigen Kraft, und bot mir tausendfache gelegenheit, Gutes zu wirken.

Mein Freund lebte indessen als auswärtiger Gesandte seines Monarchen, abwechselnd an mehreren, zum teil weit entfernten Höfen, und der blendende Glanz der ihn in seinem jezigen Wirkungskreis umgab, verhüllte ihn mir oft. Doch immer blieb er mein auch in der Ferne, immer war ich, und nur ich, die Vertraute seiner Pläne, seiner Ansichten, seiner Handlungen, ich darf sagen jedes Gedankens seiner Seele, und zuweilen gelang es mir sogar durch meinen Rat sowohl als auch auf andere Weise ihm nüzlich zu werden.

Die stete, mitunter tätige Teilnahme an Dingen, die gewöhnlich weit ausser dem Bereich des Frauenkreises liegen, gab mir mit der Zeit eine bei meinem Geschlechte ungewöhnliche Festigkeit des Sinnes, und eine ganz andre Art von Bildung, als es die meiner Umgebungen war. Mit meiner inneren Kraft wuchs auch meine Gewalt über das Gemüt der meisten die mit mir in irgend eine Art von Berührung kamen; ich führte ein sehr tätiges Leben, das den heilsamsten Einfluss auf meine Gesundheit hatte, und ich darf sagen, ich habe in der langen Zeit manches Gute zu stand gebracht. Und warum sollte ich es nicht auch euch gestehen, dass ich Viele und zu ihrem Besten beherrscht habe, die angezogen von meiner Art das Leben zu nehmen sich vertrauungsvoll mir ergaben? Doch mein Freund bewahrte mich vor jedem Uebermut, denn ich war und blieb stets nur das Echo seines Wesens wie seines Lebens.

Nach einigen Jahren kehrte Bernhard aus dem Auslande zurück, um in der Nähe des Monarchen dem er diente, eine sehr bedeutende Stelle zu bekleiden. Wir sahen uns wieder, wir trennten uns von neuem und kehrten wieder zu einander zurück, oft und vielfach im Laufe des Lebens; doch immer fanden wir einander in unveränderter alter Treue wieder, genau so wie wir uns verlassen hatten. Auch brachte ich jetzt zuweilen mehrere Monate in Bernhards glänzender Nähe zu, wenn seine Geschäfte ihm nicht erlaubten, mich zur gewohnten Zeit in meiner Einsamkeit aufzusuchen.

Bernhard war jetzt wieder reich, es lag in seiner Gewalt sein Gelübde lösen zu lassen, um mir für den Rest unsers Lebens die Hand zu bieten, und gerne hätte er auch vor der Welt bekannt, dass sein Dasein in allem Wechsel seines Geschicks stets einzig mir geweiht gewesen sei. Doch wir beide waren indessen alt geworden; es fehlte uns der Mut