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, das ist so der Welt Lauf. Genug Grafen und Barone haben sich um unsre petite Demoiselle beworben, man spricht sogar von einem nahen Verwandten der apanagirten Linie eines regierenden fürstlichen Hauses, mais cela reste entre nous."

"Dass Herr Kleeborn an dem Succès seiner schönen Tochter ungemeine Freude hatte, war wohl ganz natürlich, indessen wies er doch alle die vornehmen Partien, die sich ihr darboten, zwar sehr höflich, aber doch auch zugleich sehr bestimmt zurück."

"Er blieb dabei, ihre Hand nur einem Kaufmanne, wie er selbst einer ist, geben zu wollen, und jetzt ihr Gnaden, nous voilà arrivé au point, jetzt sind wir an dem Punkte, will ich sagen – "wie denn?" fragte ein wenig ungeduldig die Tante, "an welchem Punkte?" – "Nun an dem Punkte," war die Antwort, "von welchem, wie ich glaube die Krankheit Vicktorinens ausgeht. Und gebe Gott, dass ich irre, dass meine Ahnung nicht in Erfüllung gehe, mais j'ai un pressentiment bien triste au fond du coeur. Ich fürchte, sie fühlt eine unglückliche Passion für einen der grossen vornehmen Herrn, die sich vergeblich um ihre Hand bewarben. Und wenn der cher papa so fortfährt wie er angefangen hat, so kann sie wie ihre pauvre chère maman ..." "Fassen Sie Mut, gute Virnot, fiel die Tante ein, "fürchten Sie nicht gleich das Aergste; ein junges Herz bricht nicht so leicht, weil es immer und gern an der hoffnung hält, und die lässt uns so nicht untergehen. Sagen Sie mir nur vor allen Dingen, kennen Sie den Mann, von dem Sie glauben könnten" – "Hélas non! ich kenne niemand," seufzte die Bonne. "Wenn Société da ist," fuhr sie nach einem kleinen Bedenken mit ihrer gewohnten Redseeligkeit fort, "so komme ich nie in den Salon, da habe ich im haus genug zu tun, c'est la mer à boire. Wahrhaftig, ihr Gnaden, es täte Not, dass ich hundert Augen hätte und Flügel dazu. Ich glaube es wohl, liebe Virnot," erwiderte die Tante, "doch sprechen wir von Vicktorinen."

Ah Madame," fing die Bonne wieder an, "que voulez vous, que je vous en dise? Ich weis nichts weiter, als dass der Papa vor einiger Zeit sie in sein Kabinet rufen liess. Das wunderte mich eben nicht, denn es ist so seine Gewohnheit, wenn er einen neuen Freier abgewiesen hat, damit Vicktorine doch wisse, wie sie in Zukunft ihr Benehmen gegen den Monsieur en question einrichten soll. Sie blieben wohl eine Stunde bei einander, das war noch nie geschehen. Endlich kam sie zurück in ihr Zimmer, mais grand Dieu! dans quel état! Bleich wie eine Sterbende, sag' ich Ihnen, hélas! sie sah in dem Augenblick ihrer pauvre maman so ähnlich! Sie schlang ihre beiden lieben schönen arme um meinen alten Nacken, und weinte so kläglich, wie noch nie seit dem tod ihrer Mutter. Ich weinte mit, ich wusste zwar nicht, worüber? aber wie konnte ich anders? la pauvre petite me perçoit le coeur. Ich versuchte endlich ihr zuzureden, so gut ich es konnte in meiner Unwissenheit von dem, was zwischen ihr und ihrem Vater vorgegangen war, mais, du lieber Gott, was konnte das helfen? Sie hörte nicht einmal auf mich. Dabei war sie so heftig, ihre Augen blitzten so wild, ihre Bewegungen waren so égarés, ich verging bald vor Angst, und wusste nicht, quoi faire. Bald weinte sie, bald stiess sie Klagen und Reden aus, die ich zwar nicht verstand, die ich aber doch nicht anders auslegen kann, que comme j'ai eu l'honneur de le dire à Madame. Das währte einige Zeit, sie wankte gleich einem Schatten umher, schrieb viel, weinte noch mehr, bis ein heftiges Fieber ihr Kraft und Besinnung raubte. Seitdem liegt sie da, comme Madame l'a trouvée."

"Heute war ein entscheidender Tag, und der Arzt zufrieden; le bon Dieu en soit béni mille fois. Ich denke, die Gegenwart der chère Tante wird das beste Cordial für die arme Kranke sein. Wenn sie nur reden wollte! Reden bleibt doch immer der beste Trost!"

Unerachtet der grossen Teilnahme, mit welcher die Tante der guten alten sprachseeligen Französin zugehört hatte, konnte sie dennoch bei dieser ihrer lezten Bemerkung ein leichtes Lächeln kaum unterdrücken. Indessen brach der Tag an, die Tante ging um auszuruhen, und Vicktorine erwachte bald darauf mit allen Anzeigen einer nahen Genesung. Von nun an verlies die Tante Vicktorinen so wenig als möglich. Denn obgleich der Arzt diese für völlig ausser aller Gefahr erklärt hatte, so bedurfte die arme Kranke jetzt dennoch einer weit aufmerksamern Pflege als damals, wo sie in dumpfer Bewusstlosigkeit am Scheidewege zwischen Tod und Leben dalag. Nach der Versicherung des Arztes konnte jede, selbst die freudigste Gemütsbewegung ihr einen, wahrscheinlich tödtlichen Rückfall zuziehen; daher war es der Tante angelegentlichste sorge, die ununterbrochendste Ruhe in ihrer Nähe zu erhalten und sogar jedes einigermassen interessante, oder auch nur anhaltende Gespräch mit ihr zu vermeiden.

Auch Angelika umschwebte fast unhörbar, gleich einem freundlichen Schutzgeist, das Lager der Kranken, und ohne dabei jemals durch sich übereilende polternde Hast lästig zu werden, suchte sie