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war, nicht selbst berichtigen konnte, und das sie mir deshalb auftrug, zwang mich fast in derselben Minute, ihr Zimmer wieder zu verlassen, in welcher ich Bernhard bei ihr einführte. Es hielt beinah eine Stunde lang mich fest, bei meiner Zurückkunft fand ich Bernhard wider mein Erwarten noch bei meiner Freundin, doch sein ganzes Wesen erschien mir auffallend anders als zuvor. Eine ihm sonst fremde Hastigkeit in seinen Bewegungen, das ungewohnte Feuer seiner Augen, der mir nur zu wohl bekannte Zug schmerzlicher Rührung um seine Lippen, alles sagte mir, dass etwas Ungewöhnliches in ihm vorgegangen sein müsse, seit ich das Zimmer verliess. Die Pröbstin lag zwar bleich und erschöpft auf ihrem Ruhebette, aber sie lächelte wie eine Seelige mir entgegen, indem sie mich zu sich winkte, mit leiser stimme mich bat, den Herrn von Leuen fortzuführen, und sie deshalb mit ihrer krankhaften Schwäche bei ihm zu entschuldigen.

Bernhard folgte mir mit auffallender Eile, da ich ihm zum Fortgehen winkte. Sein Arm zitterte, indem er mich die Treppe hinab führte, er war augenscheinlich in heftiger innerer Bewegung, doch ob in einer schmerzlichen oder freudigen, konnte ich noch immer nicht entscheiden.

Kaum war ich mit ihm in meinem Zimmer allein, als der so lange in seiner Brust mühsam verhaltne Sturm losbrach. 'Anna, teure wiedergefundne Anna!' rief er, und betrachtete mich, wie man ein lange schmerzlich vermisstes Kleinod betrachtet, mit zusammengeschlagnen Händen und mit Augen, aus denen das reinste Entzücken leuchtete. 'Ja, Sie sind es,' fuhr er mit tief bewegter stimme fort, 'Sie sind, was sie immer waren, edel und rein und gut wie ein Engel des himmels. Ohne zu wissen, was sie tat, hat Ihre Freundin den Schleier zerrissen, der Sie so lange mir verhüllte, indem sie mit alle der dankbaren innigen Liebe von Ihnen sprach, die sie mit so hohem Rechte für Sie empfindet. Anna, ich kenne jetzt Ihr ganzes engelreines Leben, von dem Augenblick an, da ich Unseeliger aus Ihrer Nähe entfloh. Ich kann fast sagen, ich weiss wie Sie jede Viertelstunde jener langen, langen Zeit zugebracht haben. Was Ihr erstes Wiedersehen in diesen Tagen mich ahnen liess, wogegen ich Verblendeter so lange mich sträubte, alles das ist in dieser Stunde zur klarsten Gewissheit mir geworden und ich bin zugleich der Seeligste und Unseeligste auf Erden!'

Lieben Kinder, was soll ich euch noch viel von dem Gespräch zweier in Wonne und Schmerz Verlorner erzählen. Bernhard bekannte mir wie er mit tief verwundetem Gemüt, ohne Plan, unfähig sogar einen zu ergreifen, auf seinem schloss angelangt sei, wo er seinen Bruder ringend mit wilder Verzweifelung antraf. Alles was Lotario grell und widerwärtig dargestellt hatte, sah ich jetzt durch tausend Umstände gemildert, im schönen Licht der edelsten Aufopferung, durch die er einem liebenden Paar das Glück, das ihm selbst auf ewig hoffnungslos aus seinem Leben gerissen schien, erkaufen wollte. In Malta konnte ich nicht länger weilen, sprach er zu mir, eine nicht zu bekämpfende sehnsucht, ähnlich dem Heimweh der Schweitzer, hatte mich ergriffen. Ich musste wieder fort, ich vermochte es nicht, dieses Dasein, in welchem kein Ton aus Ihrem Leben mein Ohr erreichte, länger zu ertragen. Ich nahm Urlaub und ging nach Deutschland zurück, um mir nur die Gewissheit zu verschaffen, dass Sie lebten, dass Sie glücklich wären. So meinte ich es wenigstens, doch als ich nun wieder mit Ihnen dieselbe Luft atmete, genügte mir dieses nicht mehr; ich musste Sie auch sehen. Anna, wie habe ich Sie wieder gefunden! wie so ganz gleich dem, was Sie in meinen glücklichsten Träumen immer waren!

Leider war auch das Entzücken des gegenwärtigen Augenblicks nichts weiter, als ein flüchtiger Traum von Seeligkeit des himmels, der nur zu früh der herben Wirklichkeit weichen musste; denn so wie der erste freudige Rausch nachlies, kam auch die Ahnung über uns, dass wir uns nur gefunden hätten um uns wieder zu verlieren, dass nichts uns bleiben könne, als der feste Glauben, einander stets wert gewesen zu sein und es von neuem ewig zu bleiben. Meine Liebe hatte mein Herz gross gemacht und meinen Mut erhöht, ich vermochte es über mich, dem Geliebten alles zu gestehen und jedes Unrecht ihm abzubitten. Mein ganzes Herz, alle Tiefen meines Gemüts entüllte ich seinem liebenden blick. Auch er klagte sich an, und ich genoss die Seeligkeit ihm ebenfalls vergeben zu können, wie er mir vergab.

Als wir gelassner wurden, suchten wir unsre Zukunft und unsre jetzige Lage so klar als möglich zu überschauen, um zu entdecken ob nirgend Rettung für uns sei, ob denn auch gewiss jede Hoffnung verloren wäre das einmal verscherzte Glück uns wieder zu gewinnen; doch ach! wir mussten, wenn gleich mit tiefem Schmerz, einander gestehen dass wir beide, jeder auf seine Weise, alle Möglichkeit einer nähern Verbindung auf immer von uns gewiesen hatten. Bernhard war katolisch, ich hatte dies früher nicht gewusst, obgleich er nie ein geheimnis daraus machte; denn in meiner damaligen gränzenlosen Gleichgültigkeit gegen alles was auf Religion Bezug hatte, hielt ich es nie der Mühe wert, mich um dergleichen zu bekümmern.

Als Katolik hatte sich Bernhard lebenslänglich dem ehelosen stand geweiht, indem er das Malteser Kreuz annahm. Zwar konnte der Pabst sein Ordensgelübde lösen, und es wäre vielleicht nicht schwer geworden diese Gunst von ihm zu erhalten, doch dann verlor Bernhard