ihrer jugendlichen Liebe verdüsternd eintreten, und war auch überdem der Ruhe höchst bedürftig. Ohne dass man mich im eigentlichsten Sinne krank nennen konnte, ward doch das leise Hinsinken meiner durch den Schmerz um meinen Vater noch mehr untergrabenen körperlichen Kräfte jetzt so sichtbar, dass selbst unser Arzt eine einfachere Lebensweise in ländlicher Ruhe auf das Dringendste anempfehlen zu müssen glaubte.
Aeussern Frieden fand ich in meiner stillen wohnung, auch frommen wohlgemeinten Trost an der Seite meiner jetzt fast ganz verklärten Freundin. Doch der Schmerz, dem ich nirgend entfliehen konnte, wohnte in meinem Herzen und nagte leise und heimlich an meinem Leben.
Einige Wochen nach meiner Ankunft sass ich in früher Morgenstunde allein mit mir selbst, versunken in schmerzlichem Nachdenken, aus welchem Rebecke, meine alte Wärterin, durch die ihr ungewohnte Hast, mit welcher sie die tür aufriss, mich aufschreckte. Die treue Seele hieng mit mütterlicher Liebe an mir sowohl als an meiner Schwester, weil sie von unserer Geburt an uns gewartet und gepflegt hatte. Deshalb hatte sie auch, ungeachtet ihres weit vorgerückten Alters, es sich nicht nehmen lassen, mich in meine Einsamkeit zu begleiten, weil ich, wie sie behauptete, wieder gepflegt werden müsse, und niemand das besser verstünde als sie. 'fräulein Annettchen,' rief sie jetzt ganz atemlos, denn so nannte sie mich noch immer von meiner Kindheit her, 'fräulein Annettchen, wen denken Sie, dass ich eben gesprochen habe, er ging im Klostergarten spazieren. Herr von Leuen! Er kannte mich gleich wieder, und hatte eine Freude! er hat mich recht über Sie und Ihr Befinden ausgefragt, ich musste Ihre Fenster ihm zeigen. Die wilde Rebe mit den schönen roten Blättern hat ihm recht gefallen, er hat sie in eins weg betrachtet und gelobt.'
Guter Gott! wie vermöchte ich das Gefühl Euch zu schildern, mit dem ich gleich einer aus bangem Todesschlaf Erwachenden diese Botschaft vernahm! Ich drückte die gute Alte an meine Brust, ich lachte und weinte in beinahe wahnsinniger Freude. Ich kniete hin und dankte Gott mit lauter stimme, dass Bernhard noch mein gedenke.
Dann versank ich aufs neue in tödtliche sorge, und ermahnte die gute Rebecke, sich doch ja recht zu bedenken, ob sie sich nicht in der person geirrt haben könne. Ich liess aufs genaueste mir beschreiben wie er aussah; ich fragte hundertmal, ob er auch gewiss kommen werde; ich konnte es mir noch immer nicht denken, dass er da sei, meinetwegen da sei, dass ich ihn wiedersehen solle.
Rebecke war unermüdlich in Wiederholung des mir schon tausendmal Gesagten. Nie, nie habe ich seitdem die treue wieder von mir gelassen; dankbar habe ich kindlich sie Jahre lang gepflegt, bis sie lebensmüde in einem sehr hohen Alter in meinen Armen entschlief. Stets dachte ich daran, dass sie es war, die zuerst mir sagte, Bernhard von Leuen ist wieder da.
Nach wenigen Stunden kam er selbst. Ich sah ihn wirklich wieder. Lieben Kinder, ich bin sehr alt und viele viele Jahre liegen zwischen dieser Stunde und jenem Augenblick; doch wenn ich seiner gedenke, so ist mir noch als lege sich mein ergrautes Haar wieder in hellschimmernden Locken um meine Stirn, als berühre mich ein Lebensstrahl von dort oben, und gebe meine Jugend mir wieder. Wie schön stand ihm die Freude, mich so blühend wieder zu finden, denn in diesem seeligen Moment lieh das Entzücken meiner sonst verfallnen Gestalt aufs neue den Anschein der Gesundheit und färbte meine bleichen Wangen mit ihrem rosigen Schein.
Bernhard sagte mir, er habe in meiner Vaterstadt vernommen, dass ich an einer wahrscheinlich unheilbaren Auszehrung leide; er gestand mir, dass er die sorge um mich nicht länger habe tragen können, dass er einzig gekommen sei, mich zu sehen, wäre es auch nur aus der Ferne. Alles dieses sagte er mir abgebrochen in möglichst kurzen Worten, seine Seele war in seinen Augen. Wir beide sprachen überhaupt nur wenig bei dieser ersten Zusammenkunft, wir konnten nicht reden, wir konnten nichts als uns freuen, uns beiden war in diesem Moment als sei nie eine betrübende Vergangenheit da gewesen.
Am folgenden Morgen kam er wieder, doch neue Zweifel schienen in ihm erwacht, denn trübe und verschlossen stand er vor mir. Ich ertrug diese Veränderung in seinem Betragen mit Gelassenheit und stiller Ergebung, denn ich wusste, ich hatte dies verdient, ich hatte mutwillig sein Zutrauen verscherzt. Doch ich blieb mir gleich, ich dachte und wollte nichts, als offen und unverstellt, ohne List und ohne Hinterhalt mich ihm zeigen wie ich war, so viel ich dies konnte, ohne der Würde meines Geschlechts etwas zu vergeben, und dadurch seine achtung aufs neue, wenn gleich auf andre Weise, zu verscherzen.
Am dritten Tage kam er um Abschied zu nehmen. Ich führte ihn zur Pröbstin, die durch ungewöhnliches Leiden entkräftet nicht im stand gewesen war, ihn früher zu sehen. Auch jetzt fühlte sie sich noch sehr unwohl, und nur meine dringenden Bitten hatten sie vermocht, meinen Freund bei sich zu empfangen.
Mir lag unendlich viel daran, mir auf diese Weise wenigstens den Trost zu erwerben, zuweilen, wenn er nun ganz von mir geschieden sein würde, seinen Namen nennen, von ihm reden zu hören, wäre es auch im gleichgültigsten Ton; ach und ganz gleichgültig konnte niemand von ihm sprechen, der ihn kannte, das wusste ich wohl.
Ein unerwartetes Geschäft, welches die Pröbstin, krank wie sie