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der Anteil, den Lotario's Erzählung erregte, war so gross und stürmisch, dass die Streitfrage, welche dieselbe herbeigeführt hatte, zum Glück darüber nicht weiter zur Sprache kam.

Wie dankte ich Gott, als ich nach dieser Scene mit mir und meinem Schmerz mich endlich ohne Zeugen befand! Alles, woran ich seit Bernhard mich verliess unablässig gearbeitet hatte, das ganze aus sehnsucht und Hoffnung künstlich zusammengesetzte Gebäude meiner Ruhe war nun mit einem Schlage zerstört. Mir war, als bräche erst jetzt der Schmerz mit allen seinen vernichtenden Folgen gewaltsam auf mich ein, und ich war von neuem unglücklicher, als ich es je zuvor gewesen. Deutlich sah ich ein, wie nun jede Hoffnung möglicher Versöhnung, möglicher Vergütung meines Unrechts, sogar die des Wiedersehens, mir auf immer verloren sei. Ich schauderte vor mir selbst, als hätte ich ein Verbrechen begangen, denn ich war es ja, die jene unseelige Reise veranlasste, auf der er den Bruder kennen lernte. Der Schmerz um mich hatte die schöne klarheit seines Geistes zerstört, und ihn zu jenem raschen, vielleicht für das Glück seines Bruders nicht einmal notwendigen Schritte getrieben, der ihn nun aus seinem vaterland verbannte, der seine ganze Zukunft umgestaltete, ihn seines Eigentums beraubte, und ihn ohne Frieden und ohne Freude hinaus in die Irre sandte.

O lasst mich nicht weiter davon sprechen, damit nicht der Geist jener quaalvollen Zeit von neuem über mich komme! Lasst mich euch nicht vorrechnen, wie viele endlose Tage, Wochen, Jahre, einander folgten, ohne dass ein einziger Tag mir tröstlichere Kunde von ihm gebracht hätte!

Die Zeit verging unter dem Bemühen ruhig und glücklich zu scheinen, um meines Vaters willen. Der ehrwürdige Greis neigte sich immer tiefer dem grab zu, während meine schöne blühende Schwester immer liebenswürdiger sich entwickelte. Sein blick ruhte oft mit dem Ausdruck tiefer sorge auf dem holden Wesen, das in jugendlicher Freudigkeit ihn umflatterte, und wandte sich dann gleichsam bittend mir zu. Es schmerzte mich tief, aber ich durfte diese bittenden Blicke nicht verstehen. Denn wie wäre es mir möglich gewesen, unter den zum teil sehr achtungswerten Männern, die sich damals um meine Hand bewarben, einen zu wählen, während die Erinnerung an Bernhard, die sorge um ihn, die Reue über eine nie wiederkehrende Vergangenheit, noch immer meine ganze Seele erfüllten! Mein gütiger Vater schonte mich deshalb nicht minder, weil wir nie über diesen Gegenstand ein Wort mit einander gewechselt hatten; er las deshalb nicht minder deutlich in meinem Herzen und erlaubte sich auch nicht die kleinste Andeutung seines Wunsches, mich vor seinem tod an der Seite eines edlen Gatten versorgt, und dadurch auch die Zukunft meiner Schwester gesichert zu sehen. Nie kam ein hierauf Bezug habendes Wort über seine Lippen, aber auch ich wusste, was in seinem Gemüte vorging, und die Quaal meines Daseins ward dadurch noch erhöht, dass ich nicht gewähren konnte, was er so innig zum Besten seiner Kinder wünschte.

Die ganz unerwartet sich erklärende Neigung Deines Vaters, Vicktorine, zu meiner damals kaum funfzehnjährigen Schwester, machte wider alles Verhoffen unserer sorge um das liebe Kind ein plötzliches fröhliches Ende.

Kleeborn war der einzige Sohn eines der angesehensten Handelsherren der Stadt, welcher von jeher der treueste geliebteste Freund meines Vaters gewesen war. Er hatte so eben die sogenannte grosse Tour durch beinahe ganz Europa zurückgelegt, welche man damals zur Vollendung der Erziehung eines jungen Mannes seiner Art für unentbehrlich hielt, und er kehrte jetzt heim, um eine Gattin zu wählen und sich dann in seinem Geburtsorte häuslich niederzulassen. Meiner sehr schönen Schwester fröhliches einfaches Wesen zog auch ihn an, wie jeden, der sie sah, und bestimmte ihn vielleicht um so mehr in seiner Wahl, da seine Bekanntschaft mit den Damen des Auslandes wahrscheinlich von der Art gewesen war, dass er den Wert einer solchen Gefährtin des Lebens durch den Kontrast mit jenen um so höher zu schätzen gelernt hatte. Karolinens bis jetzt ganz frei gebliebenes Herz war stets bereit, Liebe um Liebe zu geben. Sie war noch bei weitem zu jung, um das Wichtige des Schrittes, den sie zu tun aufgefordert ward, in seinem ganzen Umfange zu fühlen, und so gab sie ohne Widerstreben sogar fröhlich ihr Jawort zu dieser Verbindung, da sie sah, welche Freude sie dadurch ihrem Vater bereitete.

Diesem sowohl als dem alten Kleeborn war die Aussicht, das Band der zwischen beiden so lange bestandenen Freundschaft durch die Verbindung ihrer Kinder noch enger knüpfen zu können, zu erwünscht, als dass irgend ein auf Geburt oder Vermögen Bezug habendes Vorurteil bei einem von beiden hätten zur Sprache kommen können. Beide führten voll der freudigsten Aussichten auf eine glückliche Zukunft die Verlobten sobald als möglich am Altar einander zu. Die Augen meines Vaters strahlten während der feierlichen Handlung in ungewohntem Glanz; seine ganze Gestalt glich der eines seeligen Verklärten; ach nur zu bald sollte er wirklich zu ihnen gezählt werden und in das Land einziehen, wo die Sorgen verstummen und keine Tränen mehr sind! Wir alle weinten drei Tage später an seinem Sarge. Schonend und freundlich hatte der milde Genius des Todes die Fackel umgekehrt, und den geliebten Greis schmerzlos im ruhigen Schlummer seiner Vollendung zugeführt.

Ich eilte vom grab des Vaters in die mir im Schmerz so lieb gewordene Einsamkeit meines Stiftes zurück, wo das schwache Lebenslicht meiner edlen Freundin, noch immer kämpfend mit dem völligen Erlöschen, trübe und schwankend fortbrannte. Ich wollte nicht mit meinem Gram zwischen dem neuvermählten Paar und dem fröhlich leuchtenden Glücksstern