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mit seiner stimme durch den immer mehr überhand nehmenden Lärmen nicht mehr durchdringen zu können. 'Wohlan, ich fordre das Wort! Beinahe ein jeder hat ein Geschichtchen erzählt, nur ich nicht. Ich bitte um die Erlaubnis, ein einziges Beispiel aufstellen zu dürfen, welches meine Behauptung erläutern soll; denn es scheint mir, als wolle man nicht recht verstehen, wie ich es meine. Das fräulein hier mag dann den Streit entscheiden, in schwierigen Fällen vertraue ich immer gern dem reinen Sinn der Frauen, die ohne viel zu grübeln recht gut wissen, was Recht, was Unrecht sei, weil sie es fühlen.'

'Es war einmal,' fing Lotario jetzt an, da alle schwiegen um ihn anzuhören, 'es war einmal ein junger Mann, gesund an Leib und Seele, dabei gut, verständig unterrichtet, durch das Geräusch der grossen Welt nicht verwöhnt, und doch bekannt genug damit, um sich nicht wieder darnach zu sehnen. Genug, ein Mann, wie er sein muss, um den durch lange Vernachlässigung tief gesunknen Zustand ziemlich weitläuftiger Familiengüter wieder zu heben, die ihm als dem ältesten Sohn seines Vaters, nach dessen unlängst erfolgtem Ableben zugefallen waren.

Der junge Majorats-Herr ward zwar bisher von Familienverhältnissen und mancherlei andern Rücksichten, abgehalten sich viel um sein Eigentum zu bekümmern, doch endlich langt er, nach vieljähriger Abwesenheit und mannichfachen Reisen, ganz unvermutet auf seinem ziemlich verfallnen Stammschlosse an, mit dem Vorsatz von nun an der Verbesserung des Zustandes seiner armen verwilderten Bauern, und seiner eigenen nicht weniger vernachlässigten Besitzungen, sich ausschliessend zu weihen. Sehr überrascht durch dessen Gegenwart, trifft er dort seinen einzigen um mehrere Jahre jüngern Bruder an, den er wunderlicher Weise noch gar nicht kannte, und mit dem er bis jetzt auch fast in keiner Verbindung gestanden hatte.

Dieser junge eben mündig gewordne Mann hatte einzig deshalb seinen bisherigen Aufentalt verlassen, um sich in seines ältern Bruders arme zu werfen. Er war der Sohn einer zweiten Gemalin, des Vaters der beiden Brüder, von der sich dieser nach einer sehr kurzen unzufriednen Ehe getrennt hatte, und lebte von seiner frühesten Kindheit an in Rom, dem Geburtsorte seiner Mutter, wo er in einem Kloster in ihrer Nähe zum geistlichen stand erzogen ward.

Durch die Bemühungen eines sehr mächtigen Oheims mütterlicher Seite, der als Prälat vom ersten Range, und Liebling des heiligen Vaters, fast alles erreichen konnte, was er wollte, erhielt er indessen schon in seiner Kindheit, ganz gegen Gesetz und Regel, die Anwartschaft auf eine Komturei des Malteserordens, und war jetzt im Begriff diese anzutreten und zugleich das Ordensgelübde abzulegen.

Die Lage des jungen Herrn war also nichts weniger als beklagenswert, indem er statt der Tonsur das Malteserkreuz erhalten sollte, und eigentlich hätte er sich glücklich preisen können, aber unglücklicherweise war er verliebt, zum Sterben verliebt! oder bildete sich vielleicht nur ein es zu sein. Ein wunderschönes zum Reichsein erzognes und dabei blutarmes fräulein war die Dame seines Herzens, deren Eltern ihrer Schönheit wegen gewaltig hoch mit ihr hinaus wollten, so wie sie selbst auch, und mit der folglich an ein glückliches Hüttenleben gar nicht zu denken war. Ueberhaupt sollten Verliebte an dergleichen nie denken, wenn sie nicht von Jugend auf daran gewöhnt sind. Doch dies nebenher.

Dass der junge Herr also lieber heuraten als Malteser werden wollte, war wohl natürlich, und dass er seinem Bruder Tag und Nacht seine Liebesklagen vorjammerte, war es auch. Was tut nun der ältere Bruder? statt dem jungen angehenden Ritter vernünftig zuzureden, lässt er sich durch die Pinseleien desselben so weichherzig machen, dass er gar nicht einmal recht untersucht, ob diese Liebe ächt und vernünftig sei. Er spielt lieber den Grossmütigen; er tritt alle Rechte seiner Erstgeburt und mit diesen alle seine Besitzungen dem jüngern Bruder ab, um ihm dadurch sein Liebchen zu erkaufen, und nimmt an dessen Stelle das Malteserkreuz und die Komturei, wozu ihm des Jüngern geistlicher Oheim in Rom mit tausend Freuden behülflich ist; freilich fand dieser, aus tausend Gründen, seine Rechnung dabei, wenn er auf diese Weise dem Sohn seiner Schwester zu den reichen Besitzungen verhalf. Die Welt nun nennt diese Handlung grossmütig, ich nenne sie nicht nur verrückt, sondern auch höchst ungerecht gegen sich und die armen Untertanen, die von der natur an den ältern Bruder gewiesen waren, um aus ihrem jetzigen unglückseeligen Zustand zu kommen. In seinem grossmütigen Paroxismus überantwortete dieser sie nun einem verliebten Knaben, dessen mönchische Erziehung ihn unfähig gemacht hat, für die armen Leute zu sorgen, und der sich vermutlich eben so wenig um das bekümmern wird, was hier Not ist, als seine Vorfahren es seit den lezten hundert Jahren getan haben.

Entscheiden Sie nun, mein fräulein, ob meine Ansicht die rechte sei,' sezte Lotario jetzt mit einer Verbeugung gegen mich hinzu. 'Uebrigens habe ich die geschichte nicht etwa ersonnen; vor einigen Monaten wohnte ich als Zeuge der feierlichen Uebergabe der Güter bei. Vielleicht kennen sogar einige in der Gesellschaft den Grossmuts-Helden. Er heisst Bernhard von Leuen, und hat sich wie ich höre auch hier eine Zeitlang aufgehalten. Um das Maass seiner Torheit voll zu machen, ging er, da ich ihn verliess, nach Venedig, um sich von da nach Valetta einzuschiffen; dort muss er jetzt längst angelangt sein; er war Willens, wenigstens einige Jahre in jenem Hauptsitz seines Ordens zu verweilen.'

Alle Anwesenden beinahe hatten Bernhard von Leuen gekannt, und