1823_Schopenhauer_091_55.txt

verlieh.

Eines Abends, es mochte wohl beinahe ein Jahr seit Bernhards Entfernung vergangen sein, hatte auf diese Weise der Zufall mehrere Fremde bei uns versammelt, von denen einige durch ihre angenehme Unterhaltungsgabe dem Gespräch einen rascheren Umschwung zu geben wussten. Besonders zeichnete sich einer unter ihnen durch die etwas kurz absprechende Art aus, mit der er Paradoxen einzig deshalb nachzujagen schien, um durch deren Behauptung, wenn nicht die ganze Welt, doch wenigstens den kleinen teil derselben, der ihm eben zuhörte, in Erstaunen und Bewunderung zu versetzen. Dieser streitbare Held war aber bei alle dem weit weniger unangenehm und überlästig, als man nach dieser Beschreibung glauben könnte. Er schien nicht bösartig, er hatte das Wort in seiner Gewalt, er zeigte mitunter recht viel Witz und Humor, und war dabei gewandt genug, sobald er gewahr ward, dass er es zu weit getrieben, sich gleich auf der Stelle abmerken zu lassen, wie es ihm mit seinen Behauptungen eigentlich gar kein rechter Ernst sei. Man sah deutlich, dass es hauptsächlich ihm nur um den Lärm zu tun war, den seine Redensarten herbei führten; er glich hierin einem kind, das mit dem mund den Trommelschlag überlaut nachzuahmen sucht, ohne sich weiter etwas dabei zu denken, und so war es denn unmöglich, ihm zu zürnen, obgleich er es mitunter recht arg machte.

Ich weis nicht, wie es zuging, dass gegen das Ende des Abends das Gespräch sich zulezt um ausgezeichnet edle, mit bedeutenden Aufopferungen vollbrachte Handlungen drehte, von denen beinahe jeder der Anwesenden ein paar Beispiele, zum teil mit grossem Wortaufwande, der Gesellschaft zum Besten gab. Nichts ist ansteckender, und zugleich dem guten Geist der Konversazion verderblicher, als diese Lust zu erzählen, die gewöhnlich alle ergreift, sobald nur einer den Ton dazu angiebt; und doch ist auch nichts seltner als die Gabe, eine gute geschichte gut vortragen zu können. Auch an jenem Abende hatten wir nur zu oft gelegenheit, die Wahrheit dieser Bemerkung bestätigt zu finden, und zulezt kam sogar einer der unbarmherzigsten Erzähler an die Reihe; einer von der Art, die nie das Ende der geschichte finden kann, weil sie bei jedem Wort immer sich selbst wiederholt, um das schon Gesagte noch zu verbessern.

Lotario, so lasst mich den streitsüchtigen Fremden nennen, dessen eigentlichen Namen ich nie recht erfahren habe, weil ich nur dies einemal ihn sah, Lotario liess eine Weile den gewaltigen Wortschwall ziemlich gelassen an sich vorüber gehen, in welchem jener Grosmut und Dankbarkeit und Edelmut durcheinander wirrte; doch endlich riss ihm die Geduld, besonders da er in unser Aller verlängerten Gesichtern Ueberdruss und Langeweile in deutlichen Zügen lesen mochte. Er sprang auf; 'geht mir,' rief er, in fast kläglichem Ton, indem er auf eine höchst komische Weise die hände faltete, 'geht mir, ich bitte euch um Gotteswillen! geht mir mit euern verwünschten Tugenden, die beim Lichte besehen nichts sind als Affektazion, Eitelkeit oder wohl gar Ungerechtigkeit, denn die kann man auch an sich selbst üben. Der Mensch trachte doch nur ja vor allen Dingen fürs erste gegen sich, wie gegen andere gerecht zu sein, ehe er es sich beikommen lässt, Grosmut üben zu wollen,' sezte Lotario sehr ernstaft hinzu. 'Was wir Grosmut nennen, ist gewöhnlich nur verkleideter Uebermut, gerecht sein aber ist jedem unerlässliche Pflicht, und wem es ein rechter Ernst ist, diese vollkommen und überall auszuüben, der wird wahrscheinlich lange vorher zu seinen Vätern versammelt werden, ehe er bis zur Erlaubnis grosmütig sein zu dürfen sich durchgearbeitet hat.'

'Mit der Dankbarkeit kommt mir nur vollends gar nicht,' rief Lotario fast überlaut, als mehrere Stimmen dieses Wort nannten, indem sie gegen ihn sich erhoben. 'Die Dankbarkeit ist eigentlich nichts weiter, als eine schlechte Gewohnheit,' fuhr er fort, 'eigentlich und unter gewissen Modifikazionen könnte man sogar ein Laster sie nennen. Wer von andern sie fordert, ist, um ihn nicht noch jemanden schlimmern zu vergleichen, wenigstens eine Art Sklavenhändler, der mit einer miserablen gefälligkeit oder mit ein wenig lumpigen Goldes, die Seele dessen, dem er nach seiner Meinung wohltat, sich auf ewig erkauft zu haben meint; der aber, der sich einem andern auf immer zu eigen gibt, weil dieser ihm einmal irgendwo aus der Flamme half, der ist aufs höflichste benannt, wenigstens ein Schwachkopf, weil er nicht fühlt, dass jeder, der eine honette Tat vollbringt, schon in der Freude daran seinen Lohn dahin nahm.'

Lotario's Worte machten einen unbeschreiblich traurigen Eindruck auf mich, denn sie erinnerten mich lebhaft an eine Zeit, an welche ich jetzt nur mit sehr bitterer Empfindung denken konnte, in der auch ich, um genial zu erscheinen, ähnliche aus Wahrheit und Trug zusammengesezte Meinungen aufstellte und eifrig verteidigte. Indessen erhob sich fast alle Welt gegen ihn, und er hatte alle hände voll zu tun, um jedem, der ihn angriff, gebührend Rede zu stehen. Ohne eigentlich in beleidigende Heftigkeit auszuarten, ward das Disputiren immer lauter und lebhafter, zulezt blieb man bei dem Satz stehen, den alle bekämpften und den Lotario gewandt genug zu behaupten suchte: dass es eben so sträflich und unrecht sei, aus Parteilichkeit für andere das eigne Glück zum Opfer zu bringen, als wenn man um des eignen Nutzens willen andre zu bevorteilen suche.

'Wohlan denn!' rief Lotario endlich aus, da er in Gefahr stand,