1823_Schopenhauer_091_50.txt

konnte. Wo sollten ihre Gedanken ihn suchen? an der Börse? am Schreibepult? im alltäglichen Verkehr mit der handelnden Welt und ihren Gehülfen? "Nein, Tante," rief Vicktorine, "er mag gehen! Mein Seegen, mein Gebet, meine Wünsche begleiten ihn überall und unablässig. Es ist jetzt nicht wie damals, da ich glaubte, dass er aus überspanntem Edelmut auf immer nach Odessa fliehen wolle. Er scheidet zwar, doch er entflieht mir nicht. Er geht, wohin die Pflicht die er auf sich genommen ihn ruft, aber er geht um vielleicht glücklicher wiederzukehren. Tausend Meilen oder tausend Schritte sind in unserer Lage das nemliche. Raimund wird in der Ferne mir sogar näher gerückt erscheinen, denn lieber will ich ihn mir doch vorstellen, wie er auf dem Verdeck seines die mächtigen Wogen durchschneidenden Schiffes, unter dem tiefblauen Sternenhimmel des Südens meiner gedenkt, lieber soll mein Geist in fremden Städten, im Gewühl des Ankommens oder der Abreise ihn suchen, als hier in der weiten farb- und formlosen Oede des aller-alltäglichsten Lebens, in welcher Alles vor meinen Blicken verschwimmt."

Nur Eines forderte Vicktorine mit ihrer gewohnten Festigkeit noch, und Raimund stimmte mit ihr überein, sobald er ihre Entscheidung vernommen, und dieses Eine war eine Abschiedsstunde mit Bewilligung des Vaters, unter den Augen der Tante, dieses milden Schutzgeistes ihres Lebens wie ihrer Liebe. Vergebens erschöpfte sich Anna in Gründen und Bitten, um die Liebenden zu bewegen, sich selbst diese bittre Stunde zu ersparen. Sie wurde nicht nur überstimmt, sie musste sogar unternehmen, Herrn Kleeborns erlaubnis zu dieser Zusammenkunft zu erhalten, denn Raimunds Beredsamkeit übte eine unwiderstehliche Gewalt über sie aus.

"zwingen Sie mich nicht," bat er, "zwingen Sie mich ja nicht, dem Schmerz wie ein Feiger aus dem Wege zu gehen, denn alles Umgehen ist meiner natur durchaus zuwider und mir im Innersten der Seele verhasst. Was mir auch begegnen mag, ich will ihm fest und gerade ins Auge sehen, und wär' es mein Untergang. So viele wünschen sich einen schnellen Tod, ich habe von Kindheit auf ihn gescheut. Wenn ich einst vom Leben scheide, so wünsche ich, dass es mit Bewusstsein geschehe, mein brechendes Auge soll sich noch einmal dankend zu der Sonne, zu den Sternen erheben, die so lange mir leuchteten. Und so will ich auch jetzt, ehe ich gehe, um vielleicht nie wiederzukehren, so will ich auch jetzt noch einmal in Vicktorinens liebetreue Augen blicken, in diese Sonnen meines bessern Daseins. Wer weis denn, ob sie je mir wieder leuchten werden, denn meine Reise ist weit, und mancherlei Gefahren werden Unheil drohend mir entgegen treten." "Der junge Holm geht in diesen Tagen nach England und von dort nach Westindien, wie ich für gewiss höre," sprach die Tante zu Herrn Kleeborn im gleichgültigsten Ton, den sie nur bei dieser gelegenheit aufzubringen vermochte. eigentlich dachte sie nur auf diese Weise ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, das zur Erfüllung ihres Versprechens leiten konnte, um dessen Vollbringung sie sich eben in nicht geringer Verlegenheit befand, doch Kleeborn fuhr sichtbar erschrocken zusammen, als er sie so ganz gelassen den Namen nennen hörte, den er bis jetzt noch gar nicht den Mut gehabt hatte, in ihrer Gegenwart auszusprechen. Er starrte in sprachloser Verwunderung sie an, und veranlasste sie dadurch das Gesagte nochmals zu wiederholen. "Holm!" rief er jetzt fast jauchzend vor Freuden, "der junge Holm aus dem haus der Herren Fischer et Compagnie? Nun Glück auf die Reise! Nein, fräulein Schwester, eine bessre Nachricht konnten Sie mir im Leben nicht bringen; und wenn Sie mir gesagt hätten, dass ich das grosse los in der englischen Lotterie gewonnen habe, es könnte mehr mich nicht erfreuen! Denn über häuslichen Frieden und das Glück meines einzigen Kindes geht mir doch nichts in der Welt. Aber was sind Sie eine kluge Dame! Ja ja, ich habe es immer gesagt und gedacht, Sie sind eine Dame, die die Welt kennt. Ich zerbreche mir den Kopf wie ich die verfluchte geschichte Ihnen schicklich beibringen will, Sie verstehen ja wohl was ich meine, nun und inzwischen gehen Sie so ganz in der Stille hin, wissen Alles, lenken Alles, und führen Alles zum Besten. Nun nun, jetzt wird sich Alles ja wohl mit der Zeit geben, wenn erst dieser Stein des Anstosses aus dem Wege kommt. Vicktorine wird ja Vernunft annehmen, besonders wenn Sie, fräulein Schwester" – Die Tante unterbrach ihn, um nicht mehr hören zu müssen als ihr lieb war. "Ich habe Herrn Holm erlaubt, in meiner Gegenwart von Vicktorinen Abschied zu nehmen," sprach sie in dem nehmlichen gleichgültigen Ton als vorher, und zugleich mit so gelassner fester Zuversicht, dass Herr Kleeborn darüber ganz stutzig ward, und nicht gleich wusste, was er ihr antworten könne. Die Sicherheit, mit der sie sprach, als könne das gar nicht anders sein, verbunden mit der ehrerbietigen Zurückhaltung, welche ihre Gegenwart ihm einflösste, erlaubten ihm nicht ihr geradezu zu widersprechen, besonders da sie ihm eben eine so gute Nachricht mitgeteilt hatte. Und doch fühlte er auch eine grosse Abneigung, seine Einwilligung zu dieser Zusammenkunft der Liebenden ausdrücklich zu geben, wenn er gleich innerlich gewiss war, dass es die letzte sein würde.

Nach kurzem Bedenken fand er indessen einen Mittelweg, indem er tat als habe er die lezten