andern folgte, und waren sie auch nicht alle mit dem feinsten ménagement abgefasst. Den Zustand meiner beklagenswerten Dame unter diesen Umständen, mag ich ihr Gnaden nicht beschreiben, die Verzweiflung ihres Gemals blieb indessen immer ihr grösster Kummer, an sich dachte sie wenig. Leider aber verschonte sie auch Herr Kleeborn nicht mit Vorwürfen über das Benehmen ihrer Verwandten, et cependant, Dieu le sait, la pauvre chère femme n'en pouvait rien! Sie trug alles mit der grössten Freundlichkeit, aber ich denke immer, jeder Tag in jener Zeit war ein Nagel zu ihrem Sarg."
Die gute Alte brach bei diesen Worten in Tränen aus, auch ihre Zuhörerin weinte, endlich nahm die Bonne wieder das Wort. "Ah, Madame," seufzte sie, "nous avons bien souffert. Endlich kam hülfe, wo es der Herr am wenigsten erwartet hätte; ein reiches Amsterdammer Haus, welches schon mit seinem Vater in grossen Verbindungen gestanden hatte, an das er sich aber nicht hatte wenden mögen, weil es ebenfalls bei allen diesen Schlägen nicht verschont geblieben war, schickte Herrn Kleeborn aus eignem Antriebe grosse Summen ein, gab ihm offnen Kredit, zu einer Zeit da der Bruder dem Bruder nicht mehr vertrauen durfte. Herr Kleeborn war nun durch den Edelmut seiner Handelsfreunde gerettet, er blieb ein wohlbehaltner Mann, und ging wie ein König, mit erhobnem haupt an der Börse einher, doch meine arme Dame litt darum nicht weniger, denn er warf von diesem Augenblick an einen gewaltigen Hass, nicht nur auf ihre Familie, sondern auf die ganze Noblesse. Er sprach unablässig davon, wie töricht die Bürgerlichen wären, die sich mit Adelichen verbänden, und versicherte, dass er seine Vicktorine – lieber Gott, la pauvre petite war damals kaum sieben Jahre alt! – dass er sie, sage ich, nie einem andern als einem Kaufmann geben würde. "Der wahre Kaufmann," pflegte er zu sagen, "hat den achtungswertesten, nützlichsten und darum ehrenvollsten Stand erwählt. Er allein verbindet beide Hemisphären, sein scharfer blick entdeckt jeden Mangel in den entferntesten Ländern, und auf seinen Wink eilen reichbeladene Schiffe von einem Pole zum andern, um diesem Bedürfnis abzuhelfen. Sein Wort, sein Befehl gelten in der neuen Welt wie in der alten, und ein Federzug von ihm sezt hundert Meilen von ihm Millionen Goldes und tausend fleissige hände in Bewegung." Ne vous étonnez pas, Madame, dass ich dies alles Ihnen so hersagen kann, ich habe die ganze Tirade so viel Hundertmal, fast immer in den nehmlichen Worten wiederholen gehört, dass ich sie endlich wohl auswendig behalten musste. Am Ende dieser Rede sezte Herr Kleeborn gewöhnlich hinzu, "lassen Sie einmal einen Reichsgrafen, einen Freiherrn, oder welchen Ihrer edlen Verwandten Sie wollen, es versuchen, Madame, was im Auslande mehr gilt, Ihr uralter, Name, Ihr tausendjähriger Stammbaum, oder meine simple keine funfzig Jahre alte Firma, Martin Nikolaus Kleeborn, von meiner eignen Hand geschrieben. Kaiser und Könige nehmen zu uns ihre Zuflucht, wir müssen allen helfen, aber wenn wir hülfe brauchen, und sie törichter Weise bei andern als bei unsers gleichen suchen...." Damit ging denn das alte Lied wieder los, et Madame pleurait! Freilich kam es mir vor, als ob der Herr in der Hauptsache nicht ganz Unrecht haben mochte, aber wozu diese ewigen kränkenden Répétitions gegen meine unschuldige Dame? Aussi en avait elle le coeur navré, obgleich sie nie litt, dass ich nur ein Wort darüber sprach. Sie ward endlich dabei des Lebens immer müder und müder, bis sie nach etwa sechs Monaten sich hinlegte und entschlief. Dieu aye pitié de son ame!"
"Eh bien," nahm nach kurzer Pause mit, vor inne
rer Rührung noch bebender stimme, die Bonne wieder das Wort, "eh bien, nun war es an dem Herrn zu weinen, und das hat er denn auch redlich getan, denn er liebte meine seelige Dame demohnerachtet. Sein Gewissen mochte ihm anfangs wohl manch böses Stündlein machen, wenn er der lezten Zeit gedachte die sie mit ihm verlebt hatte. Doch im Gewühle der Geschäfte ging das bald vorüber. Einige glückliche Handelsconjuncturen traten bald darauf ein; so nennen sie es nämlich an der Börse, wenn sie mit ihren Spekulationen viel Geld verdienen. Herr Kleeborn ward mit jedem Jahre immer reicher und reicher, und zulezt der Millionär der er jetzt ist. Wärend Herr Kleeborn sein Hauswesen immer prächtiger einrichtete, wuchs ebenfalls unsre Vicktorine, seine einzige Erbin, zur schönsten Demoiselle in der Stadt heran. Da gab es bei uns Bälle, Concerts, Assemblées, Téatres de Société; alle angesehenen Fremde, von jedem Range und stand, sans distinction, fanden dabei Zutritt, et notre chère petite Victorine war wie eine kleine Königin, au beau milieu de tout cela."
"Armes Kind!" seufzte die Tante. "Ja wohl! stimmte die Bonne mit ein, so ganz allein, dans ce tourbillon, ohne eine chère Maman sie zu souteniren! Indessen muss ich ihr zum Ruhm nachsagen, dass tausend andre junge Demoiselles sich an ihrem Plätz ganz anders benommen haben würden; da ist Mademoiselle Babet par exemple, mais passons là-dessus. Unsre Vicktorine war immer artig und freundlich gegen jedermann, immer sans prétentions. Die Freier blieben denn auch nicht lange aus; manche mochten wohl les beaux yeux de la Cassette de son père mit in Anschlag bringen, enfin