bis jetzt dagestanden, glücklich wieder gerettet. Das Betrachten des zu meinen Füssen zerschmettert daliegenden Amors, der auf der Vase gemalt gewesen war, das Bedauern über seine Vernichtung gab zu unzähligen galanten Bemerkungen und witzigen Einfällen Anlass, von denen manches Einzelne, trotz seiner Albernheit, mir tief in das Herz schnitt. Indessen hatte durch diesen halben Zufall die Unterhaltung doch eine andere Wendung genommen und ich ward dadurch in den Stand gesetzt, mir für den übrigen teil dieses entsetzlichen Abends die nötige Fassung wieder zu erringen.
jetzt lasst es für heute genug sein!" sezte die Tante mit leiserer stimme hinzu, indem sie aus ihrem Armstuhl sich langsam erhob. Sie küsste die in Tränen zerfliessenden Mädchen auf die Stirn und heftete lange und bedeutend den seelenvollen blick ihrer hellen Augen auf beide; man sah, sie wollte noch etwas sagen, wozu die stimme ihr versagte; dann wandte sie sich freundlich, ging langsam hinaus, winkte, ihr nicht zu folgen, und kam den Abend nicht wieder zum Vorschein. Anna von Falkenhayn, treu ihrer vieljährigen Gewohnheit, sass am Morgen nach diesem Abend schon um sieben Uhr völlig angekleidet in ihrem Armstuhl, obgleich es im Kleebornschen haus, das in dieser Hinsicht von andern grossen Häusern der Stadt keine Ausnahme machte, kaum anfieng, Tag zu werden.
Ihr Auge war trübe, ihr Herz war schwer von tausend wehmütigen und schmerzlichen Erinnerungen. Das blasse Gesicht auf die durchsichtig zarte Hand gestüzt, strebte sie schon lange vergebens ihre Aufmerksamkeit dem vor ihr aufgeschlagen da liegenden buch zuzuwenden, um mit dessen hülfe den Nachhall aller der trüben und schönen Stunden endlich wieder verklingen zu lassen, den sie selbst am gestrigen Abend aufs neue in ihrem Gemüte hervorgerufen. Daher war es ihr zwar eine unerwartete, aber durchaus keine angenehme Ueberraschung, als ihr Kammermädchen ihr einen draussen stehenden Fremden meldete, der dringend um Zutritt bei ihr bat. Sie fühlte sich um so mehr abgeneigt, den ihr zu so ungewöhnlicher Zeit zugedachten Besuch zu empfangen, da sie das Mädchen vergebens um seinen Namen befragte. "Der junge Herr," erwiderte dieses, "sieht so vornehm in die Welt hinein, dass ich unmöglich zu ihm sagen konnte, mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?"
Mismutig und verstimmt, war Anna von Falkenhayn schon im Begriff, den ihr etwas überlästig scheinenden Fremden um einen Besuch zu gelegenerer Zeit bitten zu lassen; doch der plötzliche Gedanke, dass es gerade wegen der so ungewöhnlich gewählten Stunde hier wohl auf mehr als auf eine blosse Visite abgesehen sei, hielt sie davon ab, und um nicht einer Laune zu gefallen, vielleicht eine gelegenheit zu verlieren, andern hülfreich erscheinen zu können, so befahl sie den Fremden hereinzuführen. Er trat ein, und mit einem ihr selbst unerklärlichen Erschrecken erkannte sie in ihm gleich auf den ersten Anblick den Geliebten ihrer Vicktorine.
So sonderbar verlegen und errötend, als diese Beide, mag wohl nicht leicht beim ersten Zusammentreffen ein Paar einander gegenüber gestanden haben, von dem die Dame wenigstens zweimal so alt war als der Herr. Indessen währte diese wunderliche Befangenheit nicht lange; Tante Anna hatte zu viel Gewalt über sich selbst, um sich nicht schnell von ihr loswinden zu können, und nach wenigen Minuten sassen daher sie und Raimund wie ein Paar alte Bekannte ganz traulich einander gegenüber.
Raimund entschuldigte seinen, gegen alle Regeln der Konvenienz streitenden frühen Besuch, zuvörderst mit seines alten Freundes Müller Versicherung, dass es bei der Hochwürdigen Frau wenigstens zwei Stunden eher Tag werde, als im übrigen haus; nächstdem aber mit dem nicht zu unterdrückenden Wunsch sie ungestört, und wo möglich auch unbemerkt sehen zu dürfen. Ziemlich verlegen wollte er jetzt es versuchen, zur Erklärung seines eigentlichen Anliegens zu schreiten, doch die zuvorkommende Güte seiner Zuhörerin erleichterte ihm dieses dadurch ungemein, dass sie ihm deutlich merken liess, wie Vicktorine sie schon längst zur Vertrauten des stillen Geheimnisses ihrer Liebe eingeweiht habe. So ward denn das Gespräch zwischen beiden sehr bald von jeder beengenden Rücksicht befreit, und sie unterhielten sich ohne weitern Zwang, mit gegenseitigem Vertrauen, von dem was in diesem Augenblick ihrem Herzen am nächsten lag.
Vollkommen ermutiget durch ihre würdevolle Freundlichkeit, erklärte Raimund jetzt der Tante, wie ein Antrag der Herren Fischer, den er ohne Vicktorinens Beistimmung weder ablehnen noch annehmen könne, ihn hauptsächlich bewogen habe sie um ihre Vermittelung zu ersuchen. Es war von einer langen, mit manchen bedeutenden Gefahren verbundnen Seereise die Rede, die er nach dem Wunsch jener Herren unternehmen sollte, um in einem fremden Weltteile eine sehr wichtige, grossen Gewinn versprechende Unternehmung persönlich zu leiten. Unter den vorteilhaftesten Bedingungen sollte bei seiner hoffentlich glücklichen Heimkehr ein bedeutender Anteil an der Handlung dieses sehr geachteten Hauses der Lohn seiner Bemühungen werden. "Sobald ich den ersten Zorn überwunden hatte, den Herrn Kleeborns Benehmen in mir aufregen musste," sezte Raimund hinzu, nachdem er der Tante sowohl die Gefahren als den Vorteil erklärt hatte, welche bei dieser Unternehmung für ihn persönlich zu erwarten standen; "sobald ich den ersten Zorn überwunden hatte, das heisst, sobald ich wieder meiner Sinne mächtig war, denn mehr bedurfte es nicht, so stand auch der Entschluss felsenfest in mir, unerachtet des ersten Fehlschlagens aller meiner Wünsche, dennoch auf der einmal angetretnen Bahn zu beharren. Der Mann darf ja nicht sich selbst zum Spiel des Zufalls machen, er soll ja nicht blindlings umhertappen, bald ergreifen, bald wieder loslassen, wie Lust und Laune ihn treiben. Er soll vielmehr festalten an dem was