1823_Schopenhauer_091_47.txt

immer dringender, sie gestalteten sich endlich zu Warnungen um, und hingerissen von der Glut der leidenschaft, von seinem empörten Gemüte und dem Schmerze des Augenblicks, mischte er endlich, ganz ohne es zu wollen, das so lange zurückgehaltne Geständnis der glühendsten innigsten Liebe in das dringendste Flehen um Rückkehr zu mir selbst und meiner bessern natur.

Dieser Moment war der höchste Triumph meines Lebens. jetzt hatte ich, was zu erhalten, meine kühnsten Einbildungen kaum erträumen konnten. Er, Bernhard von Leuen, musste, mitten im Zorn' über mich, den stolzen Sinn vor mir beugen, und meine Siegergewalt anerkennen. Doch auch mein Herz wallte in heisser Liebe ihm entgegen, ich hätte die Welt darum hingeben mögen, um in diesem Moment unbelauscht ihm alles gestehen zu dürfen, was ich dachte und empfand, und doch trieb mich ein unüberwindlicher Uebermut, eine wirklich dämonische Lust an seiner Quaal, das verhasste Spiel noch immer nicht aufzugeben. Ich war mir ja bewusst, diese Quaalen jeden Augenblick in Entzücken umwandeln zu können.

Innerlich zu aufgeregt, um genau zu wissen, was ich tat, erschien ich jetzt wirklich glänzender, an geistreichen Einfällen unerschöpflicher, als je, und Bernhard stand da, bleich und stumm. Kein guter Engel gab es mir in die Seele, aufzuhören, weil es noch Zeit sei; es war vielmehr, als sei ich, zur Strafe meines Uebermutes, den dunkeln, unheilbrütenden Mächten anheim gefallen, von denen man glauben könnte, dass sie jene kleine Zufälligkeiten leiten, die oft eben so unerwartet als zerstörend in unser Leben treten.

Solch ein Zufall war es gewiss, der, ich weis bis diese Stunde nicht wie es geschah, die Pfeile unseres Witzes gegen Bernhard selbst wendete. In der Art von Bewustlosigkeit, in die mein Benehmen ihn versezt hatte, gaben vielleicht ein paar unbedachte Worte, die er hinwarf, den ersten, wirklich nicht gesuchten Anlass dazu. Doch er war zu erschüttert, zu aufgeregt in den tiefsten Tiefen seines Gemütes, als dass er es vermocht hätte, wie sonst wohl geschah, den Angriff auf seine Gegner zurückprallen zu lassen. Das kalte Spiel widerte seinem glühenden Herzen zu sehr an, als dass er mit Glück daran hätte Anteil nehmen können. Er versuchte zwar, sich zu verteidigen, aber er verwirrte sich in dem Versuch, und fand zum erstenmale nicht das passende Wort für das, was er sagen wollte. Ich sah es, seine Verwirrung erhöhte das Gefühl meines Triumphes, hingerissen von der übermütigsten Freude, war ich unbesonnen genug, einen seiner Ausdrükke aufzunehmen, dem eine lächerliche Seite sich abgewinnen lies.

Bernhard sah mich an und schwieg ganz fassungslos. D e n blick vergesse ich nie.

jetzt entstand plötzlich eine allgemeine, unendlich peinliche Stille um mich her. Ich glaubte zu fühlen, dass man in ihm mich schonen wolle, ich vergass, dass wahrscheinlich keiner der Anwesenden Lust haben konnte, den Scherz gegen den so oft Beneideten fortzusetzen, dessen Ueberlegenheit ein jeder von ihnen oft genug erfahren hatte, um sie zu scheuen. Ich blickte auf und mein böser Dämon zeigte mir, wie ein heimlich triumphirendes Lächeln auf allen diesen Gesichtern mir entgegen grinste, und er allein stand, der gewohnten Waffen beraubt, mitten unter dem, mir in diesem Moment unbeschreiblich verhassten Haufen, der sich das Ansehen gab, ihn mitleidig schonen zu wollen,

jetzt begann ich in meinem Gemüte seinetwegen ganz entsetzlich zu leiden; in diesem furchtbaren Moment, da mir war, als müsse ich mich seiner schämen, fühlte ich zuerst recht tief und eindringend, was er mir war, und mit welch' unbegränzter Liebe ich an ihm hieng.

In bodenloser Verwirrung, in namenloser Quaal, übermütig und gedemütiget zugleich, rastlos getrieben von einer ganz unerklärlichen, an Verzweiflung gränzenden grausamen Lustsprach ich noch ein paar Worte.

Lautschallendes, nicht zu unterdrückendes Gelächter aller Umstehenden folgte diesen Worten, und mit unbeschreiblichem Schmerze traf der schneidend-gellende Ton dieses Lachens mein Ohrdenn es galt meinem einzigen, in diesem Augenblicke mit fast wahnsinniger leidenschaft geliebten Freunde, und ich selbst hatte ihn dem Spotte dieser Menschen blosgestellt.

Bernhard stand auf und plötzlich verstummte alles wieder. Er trat vor mir hin, blickte noch einmal mir ins Auge, ergriff meine Hand, die er küsste, und schied ohne ein Wort zu sagen, aus dem Kreise, in welchem mit einemmale eine Todtenstille entstand. Mit vernichtender Gewalt trat jetzt der Schmerz in meine Seele; meine Besinnung war hin; ich könnte sagen: mein Leben stand einen Augenblick still. Dann klopften alle meine Pulse mir zu, "du hast ihn verloren, ihn und dich, auf ewig, durch eigne Schuld.

Angelika, Vicktorine, kennt ihr einen Schmerz, der diesem gleichen mag?

Ich wusste nicht mehr, was ich tat; mechanisch ergriff ich eine kleine, aber sehr schöne Potpourri-Vase von Porzellan, die auf einem kleinen Tische neben mir stand, sie entglitt meinen Händen, ob durch mein versehen, ob ich sie, vom dumpfen Instinct getrieben, fallen lies, um so die allgemeine Aufmerksamkeit von mir abzulenken, ist mir nie recht klar gewesen. Letzteres war wenigstens die scheinbare Folge davon, denn über alle Anwesende musste eine dunkle Ahnung des vorgefallenen Unheils gekommen sein, und deshalb waren alle froh, die Gedanken davon abzuziehen.

Mein Erbleichen, mein zitterndes Schwanken, hatte nun doch eine sichtbare Ursache gewonnen, und die Gesellschaft war aus der stummen Verlegenheit, in der sie