1823_Schopenhauer_091_45.txt

fräulein, überlassen Sie diesen nüchternen Rausch allen denen, die nicht minder tief unter Ihnen stehen, als jene Menschen, denen Sie es erlauben, Sie, ihrer Unbedeutenheit unerachtet, zu umflattern.'

'Sehen Sie, von Leuen,' erwiderte ich freundlich, wenn gleich innerlich nicht ganz zufrieden, 'sehen Sie, indem Sie auf das unschuldige Amüsiren schelten, sind Sie selbst höchst amüsant, denn Sie nehmen für Ernst, was gar nicht so gemeint ist, und eben das ist ja erst der rechte Spass. Werden Sie denn nie lernen, Ihre Freunde auch unter der Maske zu erkennen?'

'Aber wenn sie tagtäglich immer und ewig in der Maske einher gehen?' erwiderte er.

Ich fiel ihm rasch ein. 'Im Karneval tut man das, und die Jugend ist das Karneval des Lebens. Sein Sie doch zufrieden, dass Sie zu den sehr Wenigen gezählt werden, in deren Nähe man die Maske gern und recht oft ein wenig lüftet. Und nun, Herr Griesgram, kommen Sie an den Flügel, mir Amiets Klagen von unserem Lieblinge Kleist zu akkompagniren. Ich verspreche Ihnen dagegen, den ganzen Abend recht artig zu sein, wenn nämlich nichts dazwischen kommt, das mich anderes Sinnes machen könnte.' Bernhard folgte mir willig, mit jenen aus Liebe und Zorn zusammengeseztem Ausdrucke in seinen Zügen, den wir so gern als den sichersten Beweis unserer unumschränkten herrschaft anzusehen uns gewöhnen, und ich sang heimlich triumphirend ihm vor: 'Sie fliehet fort, es ist um mich geschehen, ein weiter Raum trennt Lalage von mir.'

Von nun an fielen beinahe alle Tage ähnliche Scenen zwischen uns beiden vor, die von Leuen oft ziemlich künstlich herbeizuführen wusste. Oft sah ich das offne Geständnis seiner Liebe auf seinen Lippen schweben, mein Herz klopfte ihm entgegen, aber ein ganz eigenes Gemisch von Stolz, Verlegenheit und mädchenhafter Scheu, verbunden mit dem lebendigsten Bewustsein dessen, was ich selbst für ihn empfand, bewogen mich jedesmal, ihm auf irgend eine Art zu entgehen, und wäre es auch nur durch die erste beste Posse gewesen, die mir eben durch den Sinn fuhr. Mein Vater freute sich unserer gegenseitigen, täglich wachsenden Neigung zu einander, die seinem Scharfblicke nicht entging; doch hielt er es für das Geratenste, nichts, weder dafür noch dagegen, zu unternehmen.

In unserem geselligen Kreise begann man um diese Zeit ebenfalls, mich als die Braut des Herrn von Leuen zu betrachten, obgleich ich jede darauf hinzielende Anspielung nur mit einem stolzen Lächeln beantwortete. Uebrigens hörte ich alles an, was man über diesen Gegenstand sagen mochte, ohne sonderlich weiter darüber zu denken.

Meine Zukunft breitete sich unabsehbar vor mir aus, ich war glücklich in der Gegenwart, der Augenblick erfüllte mich so ganz, dass ich alles gehen lies, wie es ging, ohne sorge und ohne Vorbedacht.

Bernhards mit jedem Tage zunehmender Ernst, verbunden mit manchem andern zug in seinem Benehmen hätte bei einzelnen Gelegenheiten mir wohl einen grossen Kampf in seinem Gemüte andeuten können, doch ich bemerkte nichts davon, oder glaubte nicht daran, und so kam dann der verhängnisvolle Abend herbei, der über meine Zukunft entschied, ohne dass ich Verblendete seine Nähe vorahnend empfunden hätte.

Ist es denn nicht immer so? Spielen wir nicht immer, achtlos wie Kinder, am rand eines Abgrundes, während wir der Hand ausweichen oder sie wohl gar unsanft zurückstossen, die uns vor dem Fall bewahren möchte, weil sie nicht vermeiden kann, uns zuweilen etwas unsanft zu ergreifen.

Unsre gewohnte Gesellschaft war eben eines Abends zahlreicher als gewöhnlich versammelt, und das sehr animirte Gespräch drehte sich rasch um einen Gegenstand, welcher damals die ganze hiesige elegante Welt auf das allerlebhafteste beschäftigte. Es galt einem, nach mehrjährigem Aufentalte im Auslande eben wieder in der Heimat frisch angelangten jungen mann. Er hatte sich lange in Paris, sogar auch ein paar Monate in Rom aufgehalten, und eignete sich folglich auf das vollkommenste dazu, in seiner Vaterstadt den Ton anzugeben, was damals für Seinesgleichen weit leichter war als jetzt. In unseren Tagen geht alle Welt auf Reisen, und dies macht uns gegen Weitgereiste viel gleichgültiger, die in meiner Jugend weit mehr galten. Wer Paris, diese damals allgemein anerkannte Königin aller Städte, gesehen hatte, erhielt schon allein dadurch ein gewaltiges Uebergewicht in der Gesellschaft, und wer nun vollends in Rom gewesen war und vom Pantoffel des Papstes etwas zu erzählen wusste, den betrachtete man sogar mit einer eignen Art von ehrfurchtsvoller Scheu als Einen, der Grosses unternommen und vollbracht hatte.

Der junge Wiesenau, so hiess der Vielgereiste, benuzte im vollsten Masse den Vorzug, den dieses Vorurteil seiner Zeitgenossen ihm gewährte. Nichts von allem, was er bei uns antraf, konnte, so wie es eben war, vor seinen Augen Gnade finden; er verdammte alles, nannte alles lächerlich, zum Erbarmen, Ekipagen und Hausgerät, Kleidung und Frisur. dafür aber war er auch eben so unerschöpflich als bereitwillig im Angeben der neuesten Pariser Moden, und ging dabei in die kleinsten Details ein, ohne zu ermüden. Unsre sämmtlichen jungen Herren wollten verzwèifeln, weil die, Tag und Nacht arbeitenden Handwerker mit aller möglichen Anstrengung dennoch nicht im stand waren, alles gleich so herbei zu zaubern, wie Wiesenau es hatte; denn der Scepter der Mode regierte vor dreissig bis vierzig Jahren weit despotischer als jetzt, und wer im Schnitte der Kleidung oder in der Form seiner Umgebungen nur im geringsten von ihrem neuesten gesetz abwich