der Ausländer zu unsrer Schande bald besser kennen wird, als wir, während wir mit wahrem Heishunger auf die neuen Erzeugnisse der Zeit, auf Tageblätter und Taschenbücher uns werfen, die schon beim Entstehen den Keim der Vergänglichkeit in sich tragen, und auch nicht einmal verlangen, länger zu leben als der Augenblick, durch den und für den sie entstanden.
Mit einem ganz unnennbaren Gefühle hörte ich einzelne Gesänge aus Klopstocks damals unlängst zuerst erschienenem Messias vorlesen, und die Bemerkungen von Leuen und der Herzogin über das eben Gehörte ergriffen mich nicht weniger wunderbar. S o war ich es nicht gewohnt, dieser heiligen Gegenstände erwähnen zu hören; vieles schien mir sogar unverständlich, sowohl was sie sagten, als was vorgelesen ward, und doch ergriff mich dabei eine mir selbst unerklärliche, nie zuvor von mir gekannte Rührung. Oft fühlte ich mich über mich selbst erhoben, und zum erstenmale drang ein erwärmender Strahl jenes Lichtes in mein Gemüt, das jetzt der Trost meines Alters ist; indem es die dunkle Bahn sanft erleuchtet, die ich bald werde zu wandeln haben.
So sehr mein Geist und mein Gemüt durch alles dieses angeregt und angesprochen wurde, so muss ich indessen doch gestehen, dass ich nach Mädchenart es dennoch nicht unterlassen konnte, das innige Wohlgefallen zu bemerken, mit dem Bernhards Auge auf mir ruhte, so oft er sich unbeachtet glaubte. Ich sah es recht gut, wie er alle die schönsten, zartesten, ergreifendsten Stellen der Poeten, welche er besonders liebte und deshalb auswendig wusste, gerade mir allein durch blick und Ton zuzueignen schien. Wäre mir hiebei noch irgend ein Zweifel übrig geblieben, so hätte manch heimliches Lächeln der Anwesenden, manche leicht hingeworfene Bemerkung mich in meinen Beobachtungen bestärken müssen. Er war durchaus kein homme aux petits soins, und doch konnte nichts Zarteres erdacht werden, als die. tausend kleinen, fast unmerklichen Aufmerksamkeiten, welche er mir stündlich erwies. Wie oft sah ich ihn erbleichen, wenn zuweilen der Schmerz in meinem fuss plötzlich auf ein paar Minuten wiederkehrte, und ich mit einem nicht zu unterdrückenden Wehelaut zusammenzuckte! Jene wahrsagende stimme, die schon seit Anbeginn der Welt in jedem Mädchenherzen wohnt und bis ans Ende der Tage darin wohnen wird, sagte auch mir: ich sei geliebt, heiss geliebt von dem seltensten edelsten mann, vor welchem alle meine übrigen Anbeter und Bewunderer sammt und sonders in traurige Unbedeutenheit zusammensanken. Auch Bernhard las in meinem Herzen, und ich versuchte es zwar nicht, ihm dieses zu wehren, aber ich gestand mir auch nicht, dass ich es ihm erlaube; sondern ich lies es gleichsam wie achtlos geschehen. Beide waren wir nun überglücklich im seeligsten Empfinden des ersten, leisen, zarten Verstehens zweier in eins zerfliessender Gemüter. Wir fühlten es wohl, wir wussten es wohl, was wir eins dem andern waren, aber um die Welt hätten wir es noch nicht aussprechen mögen, denn die erste Liebe lernt nicht sobald Worte finden und kann sie auch entbehren.
O wär' ich länger in diesem Verhältnisse geblieben. Wie ganz anders hätte mein Leben sich gewendet. Doch die Prinzessin Matilde genas wieder, die Herzogin sezte ihre Reise weiter fort und ich kehrte nach zwei kurzen, mit Flügelschnelle an mir vorüber geeilten Wochen, völlig hergestellt, in das Haus meines Vaters, zu meinen alten Umgebungen, zu meiner gewohnten Lebensweise zurück.
Mir war, als erwache ich aus einem langen schönen Traume, doch auch dies Erwachen hatte sein Angenehmes, und ich weinte nicht wie Kaliban, um wieder einzuschlafen. Hatte ich doch auch in manchen Stunden die Trennung von meinem Vater und vielleicht auch eine gewisse Abhängigkeit vom Willen Anderer, deren ich nicht gewohnt war, wenn nicht schmerzlich, doch wenigstens unbequem gefühlt; und war Er doch zurück geblieben, um, wie er gleich anfangs es angekündigt hatte, einige Geschäfte hier abzumachen. Bernhard von Leuen lies sich bei meinem Vater einführen, dessen Bekanntschaft er schon früher bei der Herzogin gemacht hatte, und von nun an besuchte er fast täglich unser Haus.
Der gewohnte Kreis unsrer Hausfreunde und Bekannten empfieng mich mit lautem jubel und tiefer Verehrung in seiner Mitte, als wäre ich eine Königin, die nach langer Abwesenheit in ihre Staaten wieder zurückkehrt. Der Ton in unserem haus hatte sich während meiner kurzen Entfernung aus demselben nicht im mindesten verändert. Französirende Witzeleien, dreistes, oft zugleich auch unbefugtes Absprechen über jeden Gegenstand, rücksichtloses, unbarmherziges Verspotten, wenn nicht des Heiligsten selbst, doch dessen, was vielen für heilig gilt, war bei uns, nach wie vor, an der Tagesordnung. Stundenlang konnte die lebhafteste Unterhaltung sich um ein Nichts herumdrehen, hingegen besprachen auch zuweilen besser unterrichtete Männer, an deren Spitze mein Vater stand, sich klar und verständig, belehrend und gründlich über viele der bedeutendsten Gegenstände des Lebens, der Kunst, der Wissenschaft. Die mehresten unter dem jüngern Teile der Gesellschaft zogen sich von diesen Gesprächen verstummend zurück, nur Bernhard nahm stets mit höherem Interesse teil daran. Ich hingegen mischte nach alter Gewohnheit mich in alles, es mochte Ernst sein oder Scherz, und fand oft ein ganz eigenes Vergnügen darin, alles launenhaft durch einander zu wirren. Denn leider trat die alte Gewohnheit des Lebens bald wieder in ihre Rechte; jeder Tag drängte die Erinnerung an jene bessere, nur zu kurze Zeit, die ich bei der Herzogin verlebt hatte, mehr in den Schatten zurück, und in den alten Umgebungen ward ich selbst wieder nur zu schnell, was ich früher gewesen war.
Es wird