eine, welche die schwere Kunst zuzuhören so verstanden hätte, wie sie. Sie war die erklärteste Feindin aller jener geselligen Neckereien, die so leicht in bittere Persönlichkeiten ausarten, und doch hatte der ungefesselteste Witz freies Spiel, so lange er nur ergötzen und nicht verwunden wollte. Niemand durfte in ihrer Nähe sich zurückgesezt fühlen, niemand bedrückt, niemand in seinen Rechten oder auch nur in seinen Empfindungen gekränkt.
Ich staunte meine hohe Meisterin an; sie war so himmelweit von jenen berühmten Frauen in Paris verschieden, die mein Vater als Muster aller weiblichen Vollkommenheit mir so oft beschrieben und angepriesen hatte. Zum erstenmal kam eine Ahnung davon in meine Seele, dass Jugend, Schönheit, Geist, blendender Witz und die Gabe, über jeden Stoff interessant reden zu können, noch lange nicht alles sind, was wir bedürfen, um liebenswürdig und allgeliebt zu sein, und dass man mit weit weniger brillantnen Eigenschaften dennoch weit sicherer und dauernder dieses Ziel erreiche, wenn Herzensgüte, ächtes Wohlwollen und anspruchlose Natürlichkeit aus unserm ganzen Wesen denen entgegen leuchten, die uns nahen.
Bernhard von Leuen stand in unserem kleinen geselligen Verein, als Seele desselben, der Herzogin würdig zur Seite. Man sah, er war ein Mann, der, unerachtet seiner Jugend, fest und sicher seinen Weg ging, ohne je, gleich einem Irrenden, bald nach diesem, bald nach jenem zu greifen. Unerachtet seiner sehr vorteilhaften äussern Bildung und übrigen bedeutenden Vorzügen, lag in seinem Benehmen nicht die leiseste Spur eines Bestrebens, auffallen oder glänzen zu wollen. Der Grundton seines Wesens schien vielmehr eine gewisse ernste Ruhe zu sein, die ihm nie erlaubte, sich irgendwo vorzudrängen; er lies lieber alles an sich kommen, und ging niemals, auch nur um einen halben Schritt, der Bewunderung entgegen. Höflich gegen alle, besonders gegen Damen, blieb er doch stets von dem mitunter etwas faden Tone der damaligen jungen und alten Herren entfernt, und erzeugte uns die Ehre oder die Gerechtigkeit, uns wie vernünftige Wesen und nicht wie Kinder zu behandeln. Ohne geradezu witzig zu sein, war er die Zierde jeder bedeutenden Unterhaltung, denn er besass die herrlichste Gabe des Worts, die mir je vorgekommen. So oft irgend ein hohes den Menschen ehrendes Gefühl ihn dazu begeisterte, riss der ihm eigne Zauber seiner Ueberredungskraft auch den Kältesten hin. Jeder fühlte, dass das Unwiderstehliche derselben nicht allein in der sorgsamen Wahl seiner Worte, und nicht in der eigentümlichen Schönheit des vollen reinen Tons seiner stimme lag; es lag weit tiefer, denn was er sagte, war nicht bloss das Erzeugniss seines hellen Verstandes, es kam recht aus dem grund seines schönen Herzens und musste darum wieder zum Herzen gehen. Er war viel gereist; das Schönste und Erhabenste, was diese Erde trägt, hatte er gesehen; ein guter Genius hatte ihn gelehrt, es sich anzueignen für die Erweiterung seiner Kenntnisse sowohl, als fürs praktische Leben, und man sah es ihm an, dass er wohl wusste, was die Welt von ihm und er von der Welt zu fordern habe.
Scheltet mich nicht, dass mein altes Herz sich noch jugendlich warm im Lobe meines Freundes, vielleicht zu wortreich, ergiesst. Er war so wie ich ihn Euch beschreibe, ich sah nie seinesgleichen und werde es nie wieder sehen. Wenn er uns vorlas, was, dem Wunsch der Herzogin gemäs, täglich wenigstens eine Stunde lang geschah, wie hieng ich und wie hiengen wir alle dann mit ganzer Seele an seinen Lippen, an dem Ausdrucke seines edlen Gesichts. Durch ihn zuerst lernte ich deutsche Poesie und jenen hohen Wohllaut kennen, dessen unsere, von mir so lange verkannte Sprache fähig ist. Ihr habt nicht vergessen, dass ich bis dahin durch meinen Vater, ausser einigen italienischen und englischen Klassikern, nur hauptsächlich die französische Litteratur kennen gelernt hatte. Fast alle unsere deutschen Schriftsteller waren mir fremd geblieben, vor allen, die damals aus langer tiefer Nacht glorreich entstehende Poesie meines Vaterlandes. Die Herzogin sowohl, als Bernhard von Leuen, genossen meine freudige Ueberraschung mit jener wohlwollenden und wohltuenden Empfindung, mit der wir einen Freund zum erstenmal' an den schönsten Punct einer uns längst bekannten reitzenden Gegend führen, oder ihn vor ein ihm noch unbekannt gebliebenes herrliches Kunstwerk hinstellen, und in seinem Entzücken den Moment noch einmal durchleben, in welchem auch wir zum erstenmal' an der Stelle standen, wo er jetzt steht.
Das alles ist dahin! und mit einem sehr trüben Gefühle der Wandelbarkeit, des menschlichen Sinnes und aller Grösse und alles Ruhms auf Erden, muss ich es erleben, dass das Wirken jener Männer, deren Namen ewig unser Stolz sein sollte, eigentlich schon jetzt an ihren undankbaren Enkeln verloren geht. Wie lange wird es dauern, so ist es ganz vergessen und verschollen, während wir aus Modesucht und Misverstand Handwerksburschen-Lieder aufsuchen und sie als Meisterwerke bewundern und sammeln. Wer in der jezigen leselustigen jungen Welt kennt noch Kleists Frühling anders, als höchstens vom Hörensagen, während jeder nur halb gebildete Engländer seinen Tomson beinahe auswendig weis, dessen Andenken neue Auflagen seiner Werke alljährlich erneuern. Sinkt nicht sogar Klopstock, der vor wenigen Jahren noch unter uns lebte, allmählich der Vergessenheit zu? Man nennt ihn noch zuweilen aus Gewohnheit, oder aus einer Art von Pietät, aber wie Viele in der jungen Welt kennen mehr von ihm als den Namen? So ist es mit Hagedorn, mit Utz, mit Cronegk, mit Haller, mit Hölty, mit so vielen, die