ich weinte, ich wusste nicht warum. Er bemerkte mein stilles Weinen. "Sie leiden sehr!" flüsterte er mit unbeschreiblich sanfter wohltuender stimme mir zu, und ich sah beim Schein der Laterne, welche die Prinzessin trug, dass ein feuchter Schimmer auch sein schönes Auge verklärte. Ich vermochte es nicht, seine Frage zu beantworten.
Wir kamen nur sehr langsam vorwärts, denn die arme kleine Matilde konnte kaum fort, und auch Herr von Leuen eilte nicht, und konnte es auch wohl nicht unter der schweren Last, die er trug.
Endlich ward aber doch der Wagen erreicht, unser Beschützer setzte sich neben mich, um mich zu unterstützen und, so viel dies möglich war, die Stösse des Wagens zu mindern, der, seinem Befehl zu Folge, meinetwegen sehr langsam fahren musste. Matilde setzte sich mir gegenüber, und bestand darauf, meinen kranken Fuss auf ihrem Schoosse zu halten. Dabei plapperte sie in einem fort mit der frohen Geschwätzigkeit eines Kindes, das sich freut, einer grossen Gefahr entronnen zu sein, und überzeugt ist, etwas höchst Merkwürdiges erlebt zu haben. Sie war bei dem ganzen Vorgange nicht so bewustlos gewesen als ich gedacht hatte, denn sie erzählte sehr umständlich, wie ich sie von der Estrade hinunter gelassen habe, und dann ihr nachgesprungen sei, wie ich sie dann weiter getragen, und wie ich zuletzt mein eigenes Kleid mir abgerissen habe, um sie in die Schleppe desselben einzuhüllen. Als sie diesen Umstand erwähnte, ward ich erst beim Scheine der, den Wagen umgebenden fackeln den zerstörten Zustand meiner Kleidung gewahr, und alles Blut meines Herzens stieg mir ins Gesicht. Leuen, dessen glänzende Augen bis jetzt in einem fort auf mir geruht hatten, bemerkte mein Erröten, auch er wurde rot, wandte den blick und vermied es von nun an, mich wieder anzusehen bis der Wagen vor dem haus der Herzogin hielt.
Leicht wie ein Vogel, mit hellem Freudengeschrei flog Prinzessin Matilde zum Wagen hinaus, die Treppe hinauf in die arme ihrer Mutter. Ich verlangte zu meinem Vater gebracht zu werden, doch in demselben Augenblicke kam er selbst an den Wagen, und schloss mit liebender sorge mich in seine arme. Seine Gesundheit erlaubte ihm nicht mehr, sich der Abendluft auszusetzen, deshalb war er bei dem Feuerwerke nicht gegenwärtig gewesen; doch als das ins Fabelhafte vergrösserte Gerücht von dem dabei vorgefallenen Unheil ihm zu Ohren kam, und ich noch immer fort ausblieb, trieb ihn Besorgniss um mich zur Herzogin, wo er mich zu finden hoffte. Beide teilten nun mit einander die Angst um das Schicksal ihrer Kinder und die sorge für deren Rettung. Alle Leute, deren sie habhaft werden konnten, wurden ausgeschickt uns zu suchen, doch keiner von allen kam auf den Einfall, uns da zu vermuten, wo wir uns befanden. Nur Herr von Leuen, der übrigens die Lokalität des Gartens gar nicht kannte, ward durch ein glückliches Ungefähr zu unserer hülfe herbei geführt. Das sonderbarste war, dass niemand begreifen wollte, wie die Prinzessin Matilde in diese Verlegenheit hätte geraten können. Und doch war nichts natürlicher. Es ist ja das Schicksal aller, für deren Bedienung Viele zu sorgen haben, dass sie bei wichtigen unerwarteten Ereignissen gerade am ersten vernachlässigt werden, weil sich stets einer ihrer Diener auf die Pünktlichkeit des andern verlässt.
Während die Herzogin sich des Wiedersehens ihres vermissten Kindes erfreute, ward ich in einem ihrer Zimmer auf ein Ruhebette getragen, denn sie wollte es durchaus nicht erlauben, dass ich in diesem leidenden Zustande in die, von der ihrigen ziemlich weit entfernten wohnung meines Vaters gebracht würde. Gleich darauf kam sie selbst zu mir, um unter heissen Tränen des Dankes mich für die Rettung ihrer Tochter zu umarmen. Sie übertrieb sowohl die Gefahr, in welcher die Prinzessin geschwebt, als die Bewunderung dessen, was ich für sie getan hatte, nach der gewohnten Art aller Grossen, die sich nur selten in die kleineren Unfälle des Lebens zu finden wissen, obgleich sie schweres Unglück oft mit einem Mute ertragen, der den unsern beschämt. Die Herzogin nannte mich einen, von Gott zu ihrem Schutze gesendeten Engel, und war so unerschöpflich im Lobe meines Mutes, meiner Besonnenheit, meiner Selbstopferung, dass ich zuletzt anfieng, mich recht herzlich vor mir selbst zu schämen. Denn was war es denn am Ende, was man so bis in die Wolken erhob? Was hatte ich denn Grosses getan? Ich hatte Besonnenheit genug gehabt, einigermassen mit Verstand für meine eigene person zu sorgen, und war dabei nicht unmenschlich genug gewesen, ein schwaches liebenswürdiges Kind hülflos zu verlassen."
"So wie die Herzogin hinaus ging, fiengen alle im Zimmer Gegenwärtige, von der Hofmeisterin der Prinzessin bis zum Garderobenmädchen hinab, an, auch ihren Teils meinen Edelmut in noch übertriebneren Ausdrücken als ihre Fürstin bis in die Wolken zu erheben. Alle erzählten einander zugleich die Wunder, die ich getan, so dass ich der Sache endlich recht überdrüssig ward, und es versuchte, ihnen meine eigne Ansicht des Vorganges mitzuteilen. Allein ich predigte tauben Ohren. Man ergoss sich jetzt sogar in überlaute Bewunderung meiner Bescheidenheit. Ich schwieg zuletzt, lies geduldig alles über mich ergehen, und fand bald, dass dies der beste Weg sei, die ungestümen Nachbeter ihrer Fürstin endlich zum Schweigen zu bringen.
Inzwischen untersuchte der Leibarzt der Herzogin meinen beschädigten Fuss. Er war, wie ich es vermutet hatte, nicht gebrochen, aber verrenkt und stark geschwollen. Der Arzt versprach