1823_Schopenhauer_091_39.txt

an meine Schulter, und schrie dann wieder überlaut mit verdoppelter Heftigkeit nach hülfe. jetzt fing ich an, um uns Beide recht ernstlich besorgt zu werden. Die unnatürliche Heftigkeit der Prinzessin Matilde ängstigte mich unbeschreiblich, die Schmerzen in meinen Füssen nahmen mit jeder Minute zu und wurden fast unleidlich; dazu durchnässte der immer dichter fallende Regen uns beide, besonders aber mich bis auf die Haut. Ihr könnt also denken, wie froh ich war, als ich endlich an der Taxusecke, welche die Terrasse einfasste, auf welcher ich lag, den Wiederschein eines Lichtes erblickte. Auch die Prinzessin ward mit mir zugleich diesen Hoffnungsstrahl gewahr, sie stand auf, wandte sich nach der Richtung, von wo das Licht zu kommen schien, und rief mit einemmal laut jubelnd: "Leuen, lieber Leuen, hieher, hier unten ist Matilde, hier ist auch das fräulein, geschwind' uns zu hülfe, hieher!

Das Gebüsch über mir rauschte, ein Mann sprang von der obern Terrasse zu uns hinab, und beim Schein einer Laterne, die er trug, und die er augenscheinlich irgendwo an einem haus heruntergerissen haben musste, erkannte ich den Begleiter der Herzogin.

'Gottlob, dass ich Sie finde, Prinzessin!' sprach er ganz ausser Atem; 'wir glaubten alle, Sie schon zu haus zu finden, und die Herzogin ist jetzt Ihretwegen in der quälendsten Todesangst. Kommen Sie, wir müssen eilen, erlauben Sie, dass ich Sie bis an den Wagen trage, damit wir schneller fortkommen.'

'Nein, nein, nein, nein,' rief abwehrend die Kleine, 'sehen Sie doch nur hier, das arme liebe fräulein Falkenhayn. Sie hat den Fuss gebrochen, weil sie mich forttrug. Ach Gott! ach Gott, sie stirbt; sehen Sie, wie sie mit einemmal bleich wird; sie stirbt ganz gewiss, wenn sie nicht gleich hülfe bekommt.' Das arme Kind brach von neuem in Tränen aus, warf sich mir, wie ich so da lag, um den Hals; der Fremde aber, der jetzt erst meiner gewahr ward, stand, sichtbar erschrocken, dabei, und schien in der ersten Ueberraschung vergebens nach Worten zu suchen.

Es ist lange nicht so arg, als die Prinzessin es glaubt," erwiderte ich, und suchte, unerachtet des ungeheuern Schmerzes in meinem fuss, ein Lächeln zu erzwingen. 'Ich bin ausgeglitten, ich habe mir den Fuss verstaucht, vielleicht ein wenig verrenkt, aber gebrochen nicht, hoffe ich. Die paar Schritte bis zum Wagen denke' ich recht gut gehen zu können,' sprach ich, und bemühte mich, vom Boden aufzustehen. Herr von Leuen unterstützte mich, auch die arme kleine Matilde strengte mitleidig alle ihre schwachen Kräfte an, mir zu helfen; doch der Schmerz ward zu heftig, und ich sank mit einem kaum zu unterdrückenden Wehelaut zurück in das Gras.

'Es geht nicht,' sprach ich, meinen Schmerz möglichst verbergend, 'es geht nicht. Haben Sie nur die Güte, Herr von Leuen, die Prinzessin an den Wagen zu bringen, und mir dann hülfe zu senden.'

'Nein, nein, nein,' rief Matilde abermals, und umschlang mich, mich fest umklammernd, als wolle man mit Gewalt sie von mir reissen. 'Nein, Leuen, ich tue es nicht, mag werden was da will, ich kann ja meine gute liebe Beschützerin hier nicht so allein liegen lassen.'

'Auch ich kann mich nicht dazu entschliessen,' erwiderte von Leuen mit bewegter stimme. 'Aber was fangen wir an, der Regen wird immer heftiger; was sollen wir tun?'

In diesem Augenblick' erblickte er durch das Gebüsch in ziemlicher Ferne Leute mit fackeln, welche vermutlich noch immer die Prinzessin suchten. Er rief so laut er es konnte ihnen zu, doch Wind und Regen rauschten, niemand hörte ihn, die Lichter entfernten sich wieder und verloren sich zuletzt ganz. Sie aufzusuchen erlaubte die Prinzessin Herrn von Leuen nicht; sie hielt ihn unter Tränen und Bitten fest, und niemand kam zu uns, da man nicht vermuten konnte, uns in diesem ganz abgelegenen Teile des Gartens zu finden.

'Wenn die Prinzessin gehen könnte, es sind kaum hundert Schritte bis dahin, wo ich den Wagen errufen kann,' fing Leuen jetzt ein wenig verlegen an.

'O ich kann! ich kann!' rief das zitternde Kind, 'mir fehlt nichts, gar nichts, helfen Sie nur, lieber Leuen, helfen Sie nur dem fräulein. geben Sie mir die Laterne, ich will sie schon tragen, und nehmen Sie das fräulein und tragen Sie sie auf den Armen, wie sie mich getragen hat.'

'Die Prinzessin hat Recht; ich bitte, vertrauen Sie sich mir,' sprach jetzt Leuen, und obgleich seine merklich zitternde stimme dabei von innerer Verlegenheit zeugte, so hob er doch, ohne meine Antwort abzuwarten, und ehe ich mich dessen versehen konnte, mit starkem arme mich empor. Mir vergingen dabei fast die Sinne, aber was konnte ich tun? Wie ein Kind lag ich in seinen Armen, an seine Brust gedrückt; sein Atem wehte an meiner Wange, ich hörte jeden Schlag seines Herzens. Ein unnennbares nie gefühltes Vertrauen zu dem fremden mann, dessen Namen ich kaum kannte, kam in dem Augenblick' in meine Seele, und Tränen entquollen meinen Augen, süsse Tränen, die