verstopft, niemand konnte weder rückwärts, noch vorwärts, und alles das geschah unter durchdringendem betäubendem Geschrei, innerhalb weniger Minuten, ich möchte sagen, in weit kürzerer Zeit, als ich gebraucht habe, Euch von diesem Unfalle zu erzählen.
Ich selbst behielt zum Glücke kaltes Blut genug, um das Nichtige der gefürchteten und das Bedeutende der aus dieser Furcht entstehenden Gefahr einzusehen, und war deshalb auch so besonnen, dass ich mich nicht, wie die Uebrigen, dem haus zu zuflüchtete. Ich wollte lieber durch einen raschen Sprung seitwärts von der gar nicht hohen Estrade, in das weiche Gras, mich in den dunkeln menschenleeren teil des mir aus früherer Zeit sehr wohl bekannten Gartens flüchten, um dort das Ende alles dieses Lärmens ruhig abzuwarten. Indem ich aber mein Kleid zusammennahm und mich anschickte herunter zu springen, fühlte ich mit sanfter Gewalt meine Knie umfasst; erschrocken sah ich nieder und traute meinen eigenen Augen kaum, als ich die arme kleine Prinzessin Matilde erblickte, die, unfähig sich zu helfen, zwischen den umgeworfenen Stühlen, auf dem Fussboden der Estrade lag, und, krampfhaft zitternd, mich fest umschlungen hielt. Das arme Kind war gleich anfangs im ersten Schrecke von seiner Mutter abgekommen, es war über die Stühle hingefallen, niemand hatte dies gesehen, und da mehreren Personen oblag, für die Prinzessin zu sorgen, so hatte sich eigentlich in der Verwirrung niemand um sie bekümmert, indem jedes sie bei den Andern in Sicherheit glaubte. So war sie denn wirklich der Gefahr ausgesetzt geblieben, im Gedränge erstickt oder ertreten werden zu können.
Ohne langes Bedenken nahm ich die zarte Kleine auf, kniete am rand der Estrade hin, und liess sie mit möglichster Behutsamkeit langsam hinunter in das Gras sinken, dann sprang ich selbst ihr nach; das Getümmel und Geschrei oben nahm zu und das Kind lag wie besinnungslos zu meinen Füssen. Eben wollte ich versuchen, es mit hülfe meines Flakons mit Eau de Luce wieder zu sich selbst zu bringen, als ein fürchterliches, lange anhaltendes Knallen mich selbst jetzt auf das heftigste erschreckte. Ein Feuerregen umsprühte mich im Nu, Hunderte von feurigen Schlangen flogen zischend und prasselnd nach allen Richtungen durch die Luft, und verbreiteten eine höchst ängstliche Helle, die momentan wieder mit dicker Finsternis abwechselte. Eine grosse Menge zerstreut liegender Raketen, welche zu einer gewaltigen Girandole vereint, den Schluss des Feuerwerks hatten verherrlichen sollen, war durch ein versehen in Brand geraten. Vermutlich hatte der Feuerwerker selbst über die, wahrscheinlich nicht ohne seine Schuld entstandene Verwirrung den Kopf verloren, und so konnte denn dieses zweite Unglück durch die vielen, mit fackeln zum Aufsuchen ihrer Herrschaften herumlaufenden Bedienten leicht entstehen. Durch das immer wilder werdende Geschrei über mir, durch das Knallen der Raketen, durch den fortwährenden Funkenregen, und die rings um uns niederfallenden brennenden Raketenstöcke, war ich jetzt selbst so ängstlich geworden, dass ich in Gefahr stand, ebenfalls die Besinnung zu verlieren; doch suchte ich mich zu fassen so gut ich konnte. Ich nahm das noch immer halb ohnmächtige Kind in meine arme, es schien mir in der Angst federleicht. Mir kam der Gedanke, in einen, vom Schauplatze der Verwirrung ziemlich entfernten, mir wohl bekannten Gartensaal uns beide einstweilen in Sicherheit zu bringen; denn schon fielen kalte einzelne Regentropfen herab und der nächtliche Himmel hüllte sich in immer schwärzeres Dunkel. Selbst zitternd vor Furcht, trat ich daher jetzt mit meiner Bürde den Weg nach jenem Gartensaal an, und beeilte meine Schritte so gut ich es konnte. Ich hatte das Kind schon eine ziemliche Strecke weit fortgetragen, als Angst und Eile mich ein paar Stufen vergessen liessen, die auf meinem Wege lagen und zu einer niedriger liegenden Terrasse hinabführten, über die ich musste. Ich glitt aus, fiel, mit dem kind auf meinen Armen, die kleine Treppe hinab, und fühlte, nach wenigen Minuten, zu meinem unaussprechlichen Schrecken, die Unmöglichkeit aufzustehen und weiter zu gehen.
Im Garten war es jetzt sehr dunkel und todtenstill. Das Feuerwerk hatte ausgetobt, und nur wie aus weiter Ferne tönte das die Estrade noch immer umwogende Getöse zu mir herüber. Der Regen begann mächtiger hernieder zu rauschen und weckte die kleine Prinzessin aus ihrer Ohnmacht. Sie zitterte an allen Gliedern wie ein Espenlaub, doch freute es sie, sich in meinen Armen zu finden. "fräulein," bat sie unter heissen Tränen, "liebes fräulein, so stehen Sie doch auf, dass wir zu meiner Mutter kommen," und da sie sah, dass ich nicht aufzustehen vermochte, erhob sie ein lautes klägliches Geschrei nach hülfe.
Vergebens versuchte ich alles, sie zu beschwichtigen, sie lies sich nicht beruhigen und zitterte dabei immer stärker mit konvulsivischer Heftigkeit. Ich versicherte sie, dass alle Gefahr vorüber sei, dass der Schmerz in meinem fuss sich bald geben würde, dass ich den Weg kenne und sie sicher nach haus bringen würde, alles war vergebens. Sie schrie immer lauter und ängstlicher, und ich hörte dabei die Zähne des armen Kindes vor Angst und Furcht an einander schlagen. Der traurige Zustand der Kleinen ging mir durch die Seele. Eure Shawls kannte man damals noch nicht, so riss ich dann meine Zirkassienne, eine Art Oberkleid, das damals Mode war, herunter, um das arme Prinzesschen in den starken seidenen Stoff zu hüllen und es nur einigermassen vor dem immer dichter fallenden Regen zu schützen. Dankbar schlang das Kind die zarten schwachen Aermchen um meinen Hals, verbarg leise weinend und schluchzend das Köpfchen