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geriet, deren unschuldige Ursache die regierende Herzogin von P. war. Diese Fürstin sollte auf ihrer Durchreise nach einem Bade mit ihren beiden Prinzessinnen in kurzem bei uns eintreffen, und hatte beschlossen, einige Tage in unserer Stadt zu verweilen, um die Merkwürdigkeiten und vor allem die schönen Umgebungen derselben kennen zu lernen.

Vor vierzig Jahren war das Reisen mit weit grösseren Beschwerden verbunden als jetzt, wo es einer lustigen Spazierfart immer ähnlicher wird. Gute Gastöfe waren selten, leidliche Wege noch seltner und Kunststrassen am allerseltensten. Daher blieb fast jeder, der nicht reisen musste, gern zu haus, und besonders waren reisende Könige und Fürsten damals eine seltene Erscheinung.

Alle Fenster in den Strassen, durch welche ein gekröntes Haupt fahren sollte, wurden deshalb lange im voraus in Beschlag genommen, die neugierige Menge drängte sich Kopf an Kopf in dichten Reihen um die fürstlichen Wagen her, und alte Leute, denen in ihrer Jugend das Glück zum teil worden war, einen Kaiser oder König von ferne zu sehen, erzählten noch Kindern und Kindeskindern davon als von einem merkwürdigen Ereignisse ihres Lebens.

Die blosse Durchreise der Herzogin wäre also schon hinreichend gewesen um die ganze Stadt in Bewegung zu bringen, aber nun wollte sie sogar drei Tage in unsrer Mitte verweilen, und glänzende Feste sollten diese Zeit ausfüllen, deren Erfindung denen, welche sie anzuordnen hatten, nicht wenig Kopfbrechens verursachte. Der überall immer steigende Luxus hatte freilich seit den lezten zehn Jahren auch in dieser Stadt sehr zugenommen, und nach und nach war manche bedeutende Abänderung in der früher gewohnt gewesenen Lebensweise der Einwohner derselben entstanden; doch die idee von Hoffesten lag den freien Reichsstädtern noch immer zu fern, als dass sie sich sogleich darin hätten finden können.

Während die Männer mit Zuziehung meines Vaters darüber ratschlagten, wie sie die Fürstin gehörig empfangen und unterhalten könnten, waren die Damen ihrer Seits mit Vorbereitung ihres Putzes zu dieser feierlichen gelegenheit nicht minder beschäftigt. Ich allein blieb vielleicht die Müssigste in der ganzen Stadt, denn die Sucht auf diese Weise glänzen zu wollen, gehörte nie zu meinen Fehlern. Im stolzen Bewustsein meiner Vorzüge suchte ich vielmehr stets etwas darin, meine von Silberflor, Flittern und Edelsteinen strahlenden Nebenbuhlerinnen im einfach zierlichen Gewande dennoch zu verdunkeln, und ich nahm mir vor, auch diesmal meiner alten Gewohnheit treu zu bleiben. Bei alle dem aber klopfte mir doch das Herz bei dem Gedanken, einer Fürstin vorgestellt zu werden. Wäre es ein König, oder selbst ein Kaiser gewesen, ich hatte zwar auch noch keinen gesehen, aber ich wäre wahrscheinlich ruhiger dabei geblieben, denn Kaiser und Könige sind Männer und gegen solche wusste ich mich zu benehmen. Ich durfte sogar hoffen, ihnen eben so wenig zu misfallen, als andern Männern; aber eine Fürstin, und vollends gar eine junge Prinzessin! Der blosse Gedanke an ein solches, mir so ähnliches, und doch wieder auch so unähnliches Wesen flösste, wie etwas Uebernatürliches, mir eine Art ängstlicher Scheu ein. Ich zerbrach mir vergebens den Kopf um zu ersinnen, wie einer so von Jugend auf in einer ganz andern Sphäre und mit ganz verschiedenen Ansichten aufgewachsenen Prinzessin die Welt und die Verhältnisse des Lebens, erscheinen könnten, zu denen eine solche Fürstin eigentlich gar nicht gehört, und denen sie denn doch auch wieder in gewisser Hinsicht eben so unterworfen ist als jedes andre Mädchen.

Der grosse Tag kam endlich heran, die Fürstin auch, und ich ward in der Reihe der ersten Damen der Stadt ihr vorgestellt. Ich fühlte mich bei dieser ganz einfachen Zeremonie so befangen wie nie zuvor in meinem Leben, und ärgerte mich dabei innerlich über mich selbst, weil es mir durchaus nicht gelingen wollte, dieses ängstliche Gefühl abzuschütteln. Die Herzogin, eine schöne hohe Frau von mütterlichem Ansehen, war die Huld und Freundlichkeit selbst; sie war weit einfacher gekleidet als wir alle und weder Schmuck noch Orden verrieten ihren hohen Stand. Mit jener Leichtigkeit, welche von Jugend an den Fürstinnen eingelehrt wird, wandte sie sich an alle Damen der Reihe nach und wusste jeder etwas angenehmes zu sagen. Mich beehrte sie besonders mit freundlichen fragen nach einigen meiner Verwandten, die sie in frühern zeiten gekannt hatte, und ich antwortete ihr so gut ich es konnte; doch meine stimme bebte dabei, meine Wangen glühten und meine Augen hafteten unabwendbar am Boden. Unerachtet aller möglichen fürstlichen Herablassung, imponirte mir die hohe, über das ganze Wesen der Herzogin verbreitete, ihr ganz eigentümliche Würde, und ihre Kornblumenfarbenen Augen, so mild sie stralten, schienen mir bis in das Innerste meiner Brust dringen zu wollen. Es mochten wohl schon oft solche verlegne Figuren wie ich damals eine war, vor ihr gestanden haben, denn sie schien meinen Zustand zu begreifen und suchte, mitleidig, ihm dadurch abzuhelfen, dass sie mich ihren beiden Töchtern, zwei äterisch-zarten Gestalten zuführte. Besonders war die jüngste, Prinzessin Matilde, ein Kind von zwölf Jahren, beinahe unkörperlich wie eine Silphide.

Ich fühlte die Absicht der Fürstin und schämte mich innerlich meines albernen Betragens nur noch mehr, indessen gelangte ich nach und nach durch das Gespräch mit den jungen Damen doch wieder zu leidlicher Fassung, obgleich ich von meiner gewohnten Sicherheit noch immer weit entfernt blieb.

Ich wagte es doch wenigstens, wieder aufzusehen, fuhr aber gleich wieder erschrocken zusammen, denn mein erster blick fiel in das mit gespannter Aufmerksamkeit auf mich gerichtete Auge eines dicht hinter der Herzogin stehenden jungen Mannes. Er wandte, fast unmerklich errötend, den blick von mir ab