jedem Fach, deren diese Stadt noch in diesem Augenblick weit mehrere verbirgt, als man gewöhnlich glaubt, waren als tägliche Gäste uns stets willkommen. Viele Fremde schlossen sich diesem Kreise an, ja es hielt sich fast kein Einziger von einiger Bedeutung länger als einen Tag in der Stadt auf, ohne bei uns Zutritt zu suchen. Auch an fremden Künstlern fast von allen Nazionen fehlte es nicht, die zum teil durch uns bekannter zu werden hofften, und gern und willig unseren geselligen Abenden durch ihr Talent einen neuen Reiz gewährten.
Ich hatte mich unterdessen dabei gewöhnt, die Honneurs von meines Vaters haus mit einer Leichtigkeit, einem Anstande zu machen, welche diesen über allen Ausdruck erfreuten. Alle unsere Gäste lobten mich um die Wette, viele behaupteten geradezu, dass ich an jedem hof, sogar in Paris, aufsehen und Bewunderung erregen müsse. Mir schwindelte das junge Köpfchen bei diesem Lobe, doch vor allem beglückte es mich um meines Vaters willen, an dem ich jetzt mit ungemessner Liebe hieng. Sein stilles Entzükken über mein seltnes Gelingen in der Gesellschaft entging meinem Scharfblicke nicht, und ich bemerkte recht wohl, wie sein freudig-glänzendes Auge heimlich-triumfirend jede meiner Bewegungen verfolgte. Wenn ich, was oft genug geschah, furchtlos die stimme erhob, und in gewählten schön geordneten Phrasen meine entscheidende Meinung über irgend einen eben besprochenen Gegenstand der schönen Litteratur an den Tag legte, so war es mein Vater allemal, der zuerst die Aufmerksamkeit der Anwesenden mir zuzuwenden suchte. Er hörte mir teilnehmender zu, als alle Andere, wenn ich über irgend einen Satz der damals herrschenden philosophirenden Moral, oder gar der Politik aburteilte, welche letztere schon damals Freiheit und Gleichheit zu predigen anfieng. Mit beifälligem Lächeln lohnte er es mir, wenn ich mit leichtem stechendem Witz Ungereimteiten schonungslos verfolgte, oder mich in einen geistreichen Wettkampf einlies, bei dem ich gewöhnlich den Sieg davon trug. Meine seltne Gewandheit des Geistes gab mir in solchen Fällen zwar oft eine Art von Ueberlegenheit, doch öfterer noch mochte ich wohl diesen Sieg der damals noch üblichen Höflichkeit meiner Gegner verdanken, die nach alter Art zu galant waren, um ihn im Ernst' einer Dame streitig machen zu wollen.
So sah ich denn in blühender, unerfahrner Jugend von einer Schaar von Männern mich umgeben, die mir alle, ohne Unterschied des Standes oder der Jahre, den Hof machten, jeglicher nach seiner Weise. Ich tronte, gleich einer kleinen Königin, ohne Nebenbuhlerinnen in ihrer Mitte, denn meine Schwester war noch zu jung, um in unsern Abendgesellschaften zu erscheinen, und meine weiblichen Bekannten hatten sich nach und nach alle gänzlich von mir zurückgezogen. Ich vermisste sie eben so wenig als ihr Wegbleiben aus unserm haus mich befremdete, denn ich wusste von meinem Vater, dass meine Vorbilder, die tonangebenden Damen in Paris, zu ihrer Zeit eben so allein mitten in dem Männerkreise da gestanden als ich jetzt.
Die Stelle, welche mein Vater unter den Diplomaten dieser Stadt einnahm, machte es mir freilich bei seltnen festlichen Gelegenheiten zuweilen zur Pflicht, in grösseren, aus beiden Geschlechtern zusammengesetzten Gesellschaften zu erscheinen, aber auch in dieser behauptete ich meinen Platz. Ich war hier zu laut und zu allgemein als die Erste in jeder Hinsicht anerkannt, als dass es einer andern hätte einfallen können, mir diesen Rang streitig machen zu wollen. Sobald ich ausser dem haus erschien, umgaben mich die vornehmsten meiner Verehrer gleich einer Wagenburg, und die, welche nicht bis zu mir hindurchdringen konnten, sonnten sich von ferne in meinen Strahlen.
In aller Unschuld ward ich auf diese Weise recht kokett, wenn nämlich Kokettsein so viel heisst, als ohne Unterschied allen gefallen wollen. Ich wollte dies in der Tat, aber doch nur, weil ich keinen Mann gesehen hatte, dem ich in meinem Herzen vor allen seines Gleichen hätte den Vorrang einräumen können. Alle, die ich kannte, galten mir gleich, aber ich betrachtete sie auch alle wie Untertanen, von denen mir keiner rebellisch werden, oder gar einer andern Fahne sich zuwenden durfte. Mein eigentlichstes Streben war doch nur, meinem Vater zu gefallen, nicht nur weil er mein Vater, sondern weil er zugleich der edelste geistreichste Mann war, den ich kannte. Ihm anzugehören, die Freude dieses Greises zu sein, war mein Stolz, und seine mit jedem Tage zunehmende Liebe zu mir mein einziges Glück. Das Bild seiner Jugend, wie ich mir es dachte, wurde mein Ideal, und ich schlug mehrere Heiratsanträge aus, weil alle diese Männer, die sich um mich bewarben, meinem Vater zu unähnlich waren, als dass ich einen von ihnen hätte der Ehre wert halten können, sein Sohn zu heissen. Diese jungen Herren, welche sich um mich her drängten, erschienen mir eigentlich alle in einem etwas kläglichen Lichte. Es entging mir nicht, dass nur eine noch ungemessenere Eitelkeit als meine eigne sie an den Stufen meines Trones versammle; deshalb achtete ich sie im grund zu wenig, um auf ihre Huldigungen grossen Wert legen zu können; aber es belustigte mich, wenn ich ihre Torheit zu meiner Unterhaltung benutzte, und sie wie Marionetten behandelte, denen ich nach Belieben Leben und Bewegung verlieh.
Die Zeit verging, aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, ohne dass ich es sonderlich gewahr ward, und so hatte ich eben mein zwei und zwanzigstes Jahr vollendet, als mitten in der schönsten Frühlingszeit alle Welt hier in eine halb ängstliche, halb freudige Spannung