Mutter schwieg zu alle dem aus Ergebenheit gegen meinen Vater, dessen Ansichten sie nie widersprach; sie konnte dies um so eher, da man sie ungestört ihren stillen Weg gehen lies. Denn es war Grundsatz jener Aufgeklärten, die Weiber und das Volk bei dem, was sie Irrtümer nannten, so lange zu lassen, als diese darin verharren wollten. In Hinsicht auf mich, tröstete sich meine Mutter damit, dass ich den gehörigen Religionsunterricht täglich von einem Kandidaten erhielt, und für ihre person begnügte sie sich mit der ihr gelassenen Freiheit, sich ganz still zu entfernen, wenn der französirende Witz der Gesellschafter meines Vaters gegen Dinge, die ihr heilig waren, zu hoch ansprudelte.
So trat ich denn als ein recht armes verlassnes Kind ins erweiterte Leben, ohne die Leitung einer verehrten Mutter und ohne den Trost jenes, über das Irdische und jeden Schmerz desselben uns erhebenden Gefühls, den das Bewusstsein uns gewährt, dass wir unter dem Schutze und der Leitung eines mächtigen, gütigen, unbegreiflichen Wesens stehen, an welches ich leider nie dachte, obwohl ich im Herzen daran glauben musste. Denn ich war nicht irreligiös, ich war nur gar nichts, weil kein Ton um mich her mein armes erstarrtes Herz erweckte und das darin schlummernde Gute ins Leben rief.
jetzt, da ich eine fast sechzigjährige Matrone bin, werdet Ihr es mir hoffentlich nicht als Eitelkeit auslegen, wenn ich unumwunden gestehe, dass ich vor undenklich langer Zeit sehr schön war. Der Form nach zeigst Du, meine Vicktorine, mir im Spiegel der Erinnerung einigermassen mein Bild; nur zürne nicht, wenn ich behaupte, dass mein langes weiches blondes Haar noch reicher und seidner war, als dein braunes; mein milderstrahlendes blaues Auge vielleicht noch ausdrucksvoller als Dein dunkles, meine Farbe noch blendender als die Deine, mein Wuchs voller und höher. Genug, ich zeichnete mich, trotz aller Verkrüppelungen der damaligen Mode, vor allen meinen Jugendgespielinnen sehr auffallend aus. Seht mich nur recht darauf an, lieben Kinder: so vergeht Glanz und Ehre der Welt.
Mein gütiger Vater fing jetzt an, nicht nur sein Kind mit einiger Eitelkeit zu betrachten, sondern auch mit einem gewissen Stolze, dessen kleine Vorzüge an das Licht zu ziehen, dem nur die väterliche Liebe zur Entschuldigung dienen konnte. Er hatte meine sanfte anspruchslose Mutter unendlich lieb gehabt, er war an ihrer Seite und durch sie unbeschreiblich glücklich gewesen, und doch liess er von jener Eitelkeit sich verleiten, mich ganz zum Widerspiele dessen ausbilden zu wollen, was sie gewesen war. In seiner Erinnerung wachte wiederum der Frühling seines Lebens auf, den er in Paris, zum teil in den Salons jener geistreichen Frauen zugebracht hatte, welche zu seiner Zeit als Ton angebende Regentinnen von ihrem Lehnstuhl' aus, in halb Europa die Geister beherrschten. Madame du Deffant, die geistreiche L'Espinasse, Madame de Tencin, und so viele andere, die damals durch Geist, Witz, Talent und Liebenswürdigkeit ein eigenes geistiges Reich mitten im frivolsten Treiben eines immer tiefer sinkenden Volkes errichteten, wer kennt nicht jetzt noch ihre Namen? Mein Vater hatte an den Strahlen ihres Geistes gerade in der Zeit sich gesonnt, in der die von jugendlichem Entusiasm erfüllte Brust so leicht und gern jedem schmeichelnden Eindruck sich hingiebt; er hatte sich in den tiefsten Tiefen seines Gemüts so manche herrliche Erinnerung an sie aufbewahrt, welche die väterliche Liebe ihn jetzt mit dem Wesen seiner Tochter verwechseln lies, und so verführte er sich selbst zu dem Plan', alles daran zu setzen, um mich zu einer, jenen berühmten Damen ähnlichen Erscheinung umzubilden, wenn ich gleich bestimmt schien, in einem weit beschränkteren Kreise zu glänzen. Wenigstens wollte er mir durch Lektüre und mündlichen Unterricht eine über jedes Vorurteil erhabene Richtung geben, und machte dies von nun an zum Hauptgeschäfte seines Lebens. Meine natürlichen Anlagen, vereint mit einer Eitelkeit, welche durch die meines Vaters neu belebt ward und die man in meiner Lage verzeihlich finden wird, unterstüzten ihn bei diesem Unternehmen so kräftig, dass ich in der Tat nach wenigen Jahren als eine sehr blendende Erscheinung da stand, und durch alle glänzende Eigenschaften eines für die grosse Welt gebildeten Geistes, durch Witz und schnelle Urteilskraft nicht minderes aufsehen erregte, als durch meine, zu immer höherer Schönheit erblühende äussere Gestalt.
Mädchen und Frauen, mit denen ich bis dahin noch Umgang gehabt hatte, suchten zwar jetzt meine Nähe weniger, mieden sie vielleicht gar, weil sie anfiengen sie drückend zu empfinden; doch ich achtete dies wenig, denn auch mir war das Beisammensein im gewohnten Kreise nach und nach langweilig geworden. Nach dem tod meiner Mutter hatte ohnedem unsre Lebensweise sich, ganz unmerklich, völlig anders gestaltet. Unser Umgang mit so vielen der ersten und angesehensten Familien der Stadt, den ich Euch so eben beschrieben habe, hatte ganz allmählich von selbst aufgehört, ungefähr wie die Schwingungen des Perpendikels einer ins Stocken geratenen Uhr, die doch nie so ganz mit einemmal' abbrechen.
Wenn viel Zuhausebleiben häuslich leben heisst, so lebten wir in der Tat weit häuslicher als da meine Mutter noch mit uns war, denn wir gingen fast nie aus, dafür aber versammelten wir täglich einen, zwar nicht sehr ausgedehnten, aber erwählten Kreis geistreicher Männer in unserm haus. Eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft, die meinem Vater unerwartet zugefallen war, machte es uns möglich, dies mit zierlicher Eleganz tun zu können, gleich weit entfernt von Ueberfluss und ängstlicher Sparsamkeit. Künstler, Gelehrte, interessante Männer aus