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gehüllt, den langnachschleppenden Schleier, die breite schwarze Schneppenbinde, die nur das Gesicht frei lies, durfte ich während der ersten Wochen sogar nicht im haus ablegen. Bis nach dem Begräbnistage waren alle Fenster des Hauses dicht verschlossen, Wohnzimmer, Treppen und Vorsaal schwarz umhangen, und die schwarz gekleideten Leute alle schlichen mit unhörbarem Tritt, Gespenstern gleich, durch die düstre Dämmerung. So wollte es nicht nur unser Schmerz, so wollte es auch die damalige Sitte.

Ach und wenn ich mitten in dieser düstern Pracht das bleiche liebe Gesicht meiner Mutter im Sarge ansah! wie war das Bild des Todes so furchtbar vor meine junge Seele getreten, ich wollte vor Schmerz und Grauen dabei vergehen, ich meinte, nie wieder froh werden zu können und ward es doch; denn die Macht der Zeit überwindet alles, besonders wenn Jugend sie unterstüzt. Ich muss sogar bekennen, dass ich früher wieder ruhig und heiter ward, als ich mir selbst es gestehen mochte: ich sei es.

Auch mein Vater gewann bald Fassung genug, um seinen Verlust zu ertragen, obgleich er nie lernte ihn zu verschmerzen, denn er hatte meine Mutter unendlich lieb gehabt. Sie selbst mit ihrem reinen weichen Herzen, mit ihrem klaren bescheidnen Sinne war, nach Art der bessern Frauen jener Zeit, stets nur der anmutigste Nachhall seines freieren kräftigeren Wesens. Ihr Gemal war ihre sichtbare Gotteit auf Erden. Mein Mann hat es gesagt, oder: der Herr hat es befohlen, galten ihr, ersteres in der Gesellschaft, das zweite im haus, für Gründe und Aussprüche gegen die, ihrer Meinung nach, kein Vernünftiger etwas einwenden konnte. Und dennoch war sie fern von jeder sklavischen Unterwürfigkeit; es war nur ihrem liebenden Herzen unmöglich, sich etwas Höheres und Besseres zu denken, als ihren Gatten.

Alle Sorgfalt und Liebe meines Vaters ward von nun an mir doppelt und dreifach zugewendet. Mein kleines Schwesterchen konnte er nur mit stiller Wehmut betrachten. Es blieb im haus unter der Aufsicht einer alten Wärterin. Diese hatte auch meine hülflose Kindheit einst gepflegt, und sich durch vierundzwanzig jährige treue Dienste das Recht erworben, als ein Mitglied unserer Familie betrachtet zu werden, dem es zuweilen erlaubt wurde, bei bedeutenden Angelegenheiten derselben ein Wort mit zu reden.

Meine Konfirmazion war durch den Tod meiner Mutter auf einige Monate hinausgeschoben worden und dieser bedeutende Schritt ins Leben wurde, abgesehen von jeder andern höheren Ansicht desselben, in meinem jetzigen verlassnen und verwaiseten Zustande doppelt wichtig für mich. Denn von jenem Moment an ward ich nicht nur als ein selbstständiges Mitglied der Gesellschaft betrachtet, ich trat auch zugleich an die Spitze unseres nicht unbedeutenden Haushalts und nahm die Verpflichtung auf mich, hier nach Kräften die Stelle meiner verewigten Mutter zu ersetzen.

Seit ich die Heftigkeit des ersten Schmerzes über den Verlust meiner Mutter überwunden hatte, war mir das Unersetzliche derselben nie wieder so herzzerreissend aufgefallen, als in dem Augenblick, da ich nach jener religiösen Feierlichkeit zuerst wieder unser vereinsamtes Haus betrat. Ich sehnte mich ganz unbeschreiblich nach einem Paar mich umfangender arme, nach einem Herzen, an das ich mit vollem Vertrauen das meine legen könnte, aber ich blieb einsam. Ich befand mich in einer ganz eignen nie zuvor gekannten Stimmung des Gemüts. Dieses war bewegt von der heiligen Handlung, von der ich eben zurück kam, aber es war nicht in seinen Tiefen ergriffen, es war nicht erwärmt. Der flüchtige, wenn gleich heftige Eindruck, den der heutige Tag auf mich gemacht hatte, musste sogar bald einer eignen Art von Eitelkeit Raum geben, denn ich begann sehr selbstgefällig das eben überstandne öffentliche Examen mir wieder zurück zu rufen, bei dem ich allen Andern mich überlegen gezeigt hatte. Denn bei keinem einzigen der biblischen Sprüche, die ich auswendig lernen musste, um durch sie die Glaubenslehren zu beweisen, welche meine Lippen bekennten, hatte mir mein Gedächtnis den Dienst versagt; doch leider war auch kein einziger von ihnen bis in mein Herz gedrungen, denn ächte Frömmigkeit war mir von Jugend auf, selbst dem Begriffe nach, fremd geblieben. Als blosses Gedächtniswerk hatte ich Religion gelernt, wie ich auch Geographie und geschichte lernte; ihr Geist hatte nie mich durchdrungen, und nie, so lange ich lebte, hatte ich, ausser der Kirche die man zuweilen aus Gewohnheit noch besuchte, von Gott reden gehört.

Liebe Kinder, wundert Euch nicht über dieses Bekenntnis, sondern beklagt mich, dass meine Jugend leider in jene kalte trostlose Zeit fiel, in der man begann sich der Religion zu schämen. Von jeher bahnte ja Uebertreibung einer andern Uebertreibung ganz entgegengesezter Art den Weg, und so drang denn auch plötzlich aus der düstern Nacht des kurz zuvor herrschenden krassesten Aberglaubens, das grelle Flackerlicht des trostlosesten Unglaubens hervor, den man damals Aufklärung nannte. Was war dabei wohl natürlicher, als dass die vom schnellen Uebergange aus dem Dunkel zu jenem kalten Nordschein geblendete Menge einen andern Irrweg einschlug, als den eben verlassnen, ohne zu ahnen, dass es einen richtigern Pfad geben könne?

Die geistreichsten Männer jener Zeit, mit ihnen mein Vater, liessen von Voltaires kaltem, aber glänzendem Witze sich hinreissen, der das Heiligste mit dem Unheiligsten zugleich schonungslos verspottete. Eine furchtbare Erkältung der Gemüter nahm immer mehr und mehr überhand, und Voltaires Anhänger rühmten sich laut: keine Religion, als die eines rechtlichen Mannes anzuerkennen; la religion d'un honnéte homme, wie sie es nannten. Leider gehörte auch mein Vater zu diesen.

Meine wahrhaft fromme, in stiller Einfachheit erzogene