.
"Der Onkel ist nicht zu haus, wir wollen ihn aber gleich holen lassen," stotterte Agate. "Er ist im Kassino, wo er alle Abend sein Partiechen macht und gewöhnlich erst nach Mitternacht zu haus kommt," setzte Babet, sich ermutigend, hinzu. "Dort lasst ihn in Ruhe, ich bitte, ich werde morgen ihn sehen, sprach die Tante sehr freundlich, "für jetzt wünsche ich nun Mamsell Virnot zu sprechen, um genau zu erfahren, wie es mit unsrer Vicktorine steht. Euch aber, liebe Nichten – denn das seid ihr doch, denke ich?" "Ach ja, Babet und Agate," riefen beide Mädchen im Chor. "Nun denn, liebe Babet und liebe Agate, euch beiden empfehle ich hier meine Pflegetochter, sie heisst Angelika. Ich bitte euch nicht, sie zu lieben, denn das findet sich gewiss von selbst, nehmt euch nur fürs erste ihrer freundlich an, und helft dem armen, reisemüden kind zur Ruhe zu kommen." Mitternacht war längst vorüber; Vicktorine lag leise atmend im tiefen Schlummer, von dem der noch spät sie besuchende Arzt die heilsamsten Folgen gehofft hatte. Auch Agate und Babet waren schon vor ein paar Stunden zu Bette geschickt worden, denn die Tante, welche sich von der heutigen sehr kurzen Tagereise gar nicht ermüdet fühlte, hatte darauf bestanden, an ihrer Stelle bei der Kranken zu wachen. Die Jugend, sprach sie zu ihrer alten Freundin Virnot, indem sie für die beiden schläfrigen Kinder vorbat, die Jugend bedarf zum Gedeihen des Schlafes, wie die erblühende Pflanze den erquickenden Tau. Anders ist es mit uns, deren Lebenstag sich schon dem Untergange zuneigt, da wird die natur selbst genügsamer, und lehrt uns, mit den Stunden haushalten, die uns vielleicht nur noch sehr sparsam zugezählt sind.
So sass sie denn jetzt in dem, an das Krankenzimmer stossenden Kabinette, in dem nehmlichen Lehnstuhle, in welchem vor ein paar Stunden Babet und Agate einander ihren Liebeskummer geklagt hatten, und ihr gegenüber, die beim Schein der verdüsterten Lampe emsig strickende Französin. Die tür des Nebenzimmers stand offen, keine Bewegung der Kranken konnte ihren Wächterinnen entgehen, doch sie schlief fest und ruhig.
"Gute Virnot," hob die Tante das leise flüsternde Gespräch an, "liebe alte treue Freundin, ich muss diese ersten Augenblicke ungestörten Beisammenseins benutzen, um Ihnen für die unsägliche Liebe zu danken, mit der Sie meiner armen Vicktorine sich annehmen."
"Ach das liebe Kind!" erwiderte freudig die Französin, "es ist ja, als wäre es das meine. Je l'ai vu naître; diese arme haben sie von ihrer Kindheit an getragen; wie sollte ich sie nicht lieben? c'est un coeur excellent, ein wenig heftig, ein wenig hochfahrend zuweilen, doch das macht die Jugend; der Grund ist vortrefflich, c'est le vrai portrait de feu Madame sa mère. Wenn ich dagegen Babet und Agate mit ihr vergleiche! ach ihr Hochwürden! ces chers Enfants sind ein paar maliziöse kleine Kreaturen."
"Nicht doch, gute Virnot," fiel die Tante lächelnd ein, "unartig mögen sie wohl zuweilen sein, das gebe ich zu, aber nicht boshaft, denn die Jugend ist dies selten oder nie. Doch lassen Sie uns jetzt lieber von unsrer Vicktorine sprechen. Es sind nun zwölf Jahre, dass ich weder sie noch ihren Vater gesehen habe, und ich stehe da mitten unter den Meinen, gleich einer Fremden. Dennoch hängt jetzt mein ganzes Herz an dem teuern Ebenbilde meiner früh zur Ruhe gegangenen Schwester, das ich als sechsjähriges Kind verlassen habe, und jetzt als achtzehnjährige Jungfrau wieder finde."
"Und wie sie sich entwickelt hat, cette chère petite Victorine, rief die Guvernante. Belle comme le jour, Madame, je vous assure. In gesunden Tagen war keine von unsern jungen Demoiselles ihr zu vergleichen, sie war die Krone von allen, und jetzt, hélas!"
"Sie wird es wieder, gute Virnot," tröstete die Tante; doch diese seufzte, "ah Madame! ich fürchte, der Arzt wird für unsre Vicktorine nur wenig tun können, denn was sie heilen soll, ist in keiner Apoteke zu finden. Hätte sie mir nur vertraut, aber da hat sie geschwiegen und geweint, und geweint und geschwiegen, und nun liegt sie da."
"Liebe Virnot, wie Sie mich erschrecken!" rief die Tante, "ich beschwöre Sie, sagen Sie mir alles, was Sie von dem geliebten kind wissen oder vermuten, es sei noch so wenig, noch so unbestimmt. Es ist durchaus notwendig, dass ich einigermassen vorbereitet sei, ehe ich es versuche, Vicktorinens Vertrauen mir zu gewinnen. Ich hoffe, sie wird zu mir ein Herz fassen, sie wird mich um ihrer Mutter willen lieben, obgleich sie mich nur aus den Briefen kennt, die wir bisher, selten genug, mit einander gewechselt haben. Leider war ich stets mit Vicktorinens Umgebungen zu wenig bekannt, um auf das Gemüt meiner Nichte entscheidend wirken zu können. Nur Sie kenne ich in diesem haus, liebe Virnot, und die Treue, welche Sie so viele Jahre hindurch meiner Schwester und ihrem kind bewiesen, alle andern sind mir fremd, sogar Vicktorinens Vater; wir sind in geistiger Hinsicht einander nie näher gekommen. Liebe zu dem einzigen kind meiner Schwester konnte allein mich bewegen, seinen