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was wir unternehmen wollten zu vollbringen. Die jetzt so allgemeine Klage über Mangel derselben hörte ich in meiner Jugend fast nie, und der ganz einfache Grund hiervon war der, dass wir viel mehr zu haus blieben als die jezige Generazion. Morgenbesuche und Morgenpromenaden waren etwas so Ungewöhnliches, dass ich wohl darauf wetten möchte, meine Mutter sei nicht dreimal in ihrem Leben Vormittags ausgegangen, ausser in die Kirche. Indessen möchte ich diese grössre Häuslichkeit meinem Zeitalter nicht ganz zur Tugend anrechnen, eine gewisse unbeholfne Steifheit der Sitten und Gewohnheiten hatte auch teil daran. Man scheute nichts so sehr, als Bekannten, sogar Freunden sich und sein Haus anders als im vollen Putze zu zeigen. Ein unerwarteter Besuch, der uns im Hauskleide oder bei häuslichen Beschäftigungen überraschte, erregte gewöhnlich eben so viel Verwunderung als Unmut, und nur eine sehr wichtige Veranlassung konnte einem solchen Ueberfalle zur Entschuldigung dienen.

Dass wir, ohne gegen alle Regeln des Anstandes zu sündigen, weder im Teater, noch auf der Promenade, noch überhaupt an einem öffentlichen Orte ohne einen männlichen Begleiter erscheinen durften, diente auch gar sehr dazu, uns das Ausgehen zu erschweren. Denn obgleich zu dieser Gewohnheit die zum Dienste der Damen allzeit bereitwillige Galanterie der Männer wahrscheinlich den ersten Anlass gegeben haben mochte, so waren doch die unter ihnen, von welchen wir uns anständigerweise eskortiren lassen konnten, nicht immer müssig, zuweilen auch nicht gefällig genug, um stets zur Hand zu sein, wenn wir ihrer bedurften. Uebrigens spreche ich hier nur von den Frauen; junge Mädchen sezten keinen Fuss auf die Strasse, als unter dem Schutz' ihrer Mütter.

Alles, alles, was uns umgab, Lebloses und Belebtes, strebte damals zu einem gewissen formellen Wesen hin, welches gegen die jetzige zwanglose Lebensweise sehr wundersam absticht. Bei den fein geschnitzten und à quatre couleurs vergoldeten sehr zerbrechlichen Stühlen unsrer Putzzimmer, war an kein Anlehnen zu denken; die zu den Stühlen passenden schmalen Kanapees hatten nur die Aehnlichkeit mit unsern jezigen damals noch ganz unbekannten Sofas, dass sie, wie diese, als Ehrenplatz manchen Rangstreit unter den Damen veranlassten, übrigens boten sie durchaus keine Bequemlichkeit für die jetzt so beliebte liegende Stellung, die damals in gesunden Tagen etwas Unerhörtes war.

Auch weis ich nicht, wie man diese mit dem ganzen damaligen Anzuge, dem Reifrocke der gepuderten Frisur hätte vereinigen können; wir hielten uns gerade, wie ich noch immer aus alter Gewohnheit tue, und ohne es weiter unbequem zu finden.

Mit dieser körperlich geraden Haltung hieng aber auch, sogar im engsten Familienkreise, ein sehr genaues Beobachten der einmal angenommenen Höflichkeitsregeln gegen seines Gleichen, und der abgemessensten Ehrfurcht gegen Höhere zusammen, die ich jetzt, ich mag es nicht leugnen, zuweilen recht schmerzlich vermisse, weil die jetzige Welt dergleichen als steifes überflüssiges Zeremoniell heute zu Tage verachtet. Die zierliche, vom Tanzmeister zu diesem Zweck erlernte Verneigung an der tür, mit der ich täglich meine Eltern zuerst begrüsste, ehe ich näher trat und jedem von ihnen besonders mit feierlicher Ehrerbietung den guten Morgen bot, würde jetzt freilich lächerlich erscheinen; doch der Mensch ist ein Kind der Gewohnheit, und wem man am Morgen so ehrfurchtsvoll sich nähert, gegen den wird man schwerlich im Laufe des Tages bis zum heftigsten Widerspruch' oder zu andern Unziemlichkeiten sich vergessen, wie doch jetzt von Kindern gegen ihre Eltern nur zu oft geschieht. Die Eltern nach jetziger Art Du zu nennen, hätte damals gewiss für eine Art von Blasphemie gegolten, nur bei ganz kleinen Kindern höchstens ward dieses geduldet, und doch wurden Vater und Mutter gewiss nicht weniger geliebt, als jetzt. Ich hieng an den meinigen mit so liebevollem reinem Vertrauen, dass ich unmöglich glauben kann, der jetzt zwischen Eltern und Kindern herrschende Ton vollkommener Gleichheit hätte dieses Gefühl erhöhen können; wohl aber kann ich es nicht ableugnen, dass er in einigen Fällen und mit gewissen Modulazionen mich jetzt oft verletzt.

Mein Vater lebte eine lange Reihe von Jahren hindurch in dieser freien Reichsstadt als königlich ***scher Resident in Ehre und Ansehen. Als der jüngere Sohn einer sehr alten Familie, in welcher das Majoratsrecht galt, war er nicht reich, um so weniger, da auch meine Mutter ihm kein bedeutendes Vermögen zugebracht hatte. Die Einkünfte meiner Eltern, verbunden mit der Besoldung meines Vaters, reichten daher nur eben hin, um bei Sparsamkeit und Ordnung mit Anstand davon leben zu können; freilich aber gehörte vor funfzig bis sechzig Jahren weit weniger dazu als heute zu Tage. Damals herrschte, selbst in den reichsten Häusern dieser Stadt eine gewisse frugale Mässigkeit, die man jetzt vielleicht Geitz und Mesquinerie schelten würde; tausend Erfindungen des Luxus, welche wir ohne Bedenken dem Unentbehrlichen zuzählen, waren in jener Zeit völlig unbekannt; man wohnte weit enger zusammengedrängt, man brauchte viel weniger Bedienung und hatte durchaus keine kostspieligen Fantasien zu befriedigen.

Bei alle dem aber hielt man dennoch viel auf eine gewisse solide, wenn gleich etwas schwerfällige Pracht, in der Kleidung sowohl, als in allen übrigen Umgebungen. Wenigstens zweimal im Jahre musste der im alltäglichen Leben sehr mässig besetzte Tisch unter der Last des schweren Silbergeschirres, der kostbarsten Weine, der ausgesuchtesten speisen, sich seufzend beugen, und so viele Gäste, als der Saal nur zu fassen vermochte, sassen im feierlichsten Putze, starrend von Gold und Edelsteinen, um ihn her, alle von dem sorgsamen Herrn des Hauses nach Rang und Würden auf das gewissenhafteste geordnet. Dieser sowohl, als seine Frau sahen bei einem solchen Feste wie Leute aus,