sonderbar und unglaublich vor," sezte sie lächelnd hinzu, "aber gewiss, ich war es doch wirklich, obgleich mir dies selbst jetzt wie ein Traum dünken will. Euch wird es einst nicht besser gehen, liebe Kinder, freilich wird dann der Hügel, unter dem ich ruhen werde, schon seit langen Jahren eingesunken sein, aber die Zeit kommt doch, und es wird euch auch dann ebenfalls scheinen, als habe sie dennoch Euch übereilt. Deshalb wollen wir aber für jetzt der Eilenden nicht weiter vorgreifen, denn sie holt uns ohnedem schnell genug ein."
"Seid ruhig, Kinder," sprach die Tante, als beide Mädchen mit einem unendlich wehmütigen Gefühl' ihre hände ergriffen, und sie küssten; "seid ruhig, und lasst Euch nicht so von Andeutungen und Bildern erschrecken, welchen man in meinem Alter nur gar zu gern nachhängt, und denen man auch in dem Eurigen nie, wenigstens nicht geflissentlich, aus dem Wege gehen sollte. Und nun bitte ich Euch, stört mich im Verfolg meiner Erzählung so wenig als möglich durch Einreden jeder Art, und lasst mich fürs erste den bewussten Anlauf zum Anfange derselben nehmen, indem ich Euch ein Bild unsers häuslichen und geselligen Lebens leicht hinskizzire, so wie es damals bestand, als ich vor einigen und vierzig Jahren aus der Kinderstube in die Mädchenwelt eingeführt wurde.
In jener, Euch so ferne liegenden Zeit war das Leben von Euresgleichen beides, reicher, und ärmer als das Eure. Aermer, unendlich ärmer an Willkühr und Freiheit; an Ueberfluss und Mannigfaltigkeit der Vergnügungen reicher; viel reicher an wahrem reinen Genuss; denn eben jener Ueberfluss, dessen Ihr Euch rühmt, ermüdet am Ende, und die Seltenheit war ja von jeher die beste Würze unsrer Freuden.
Dieses Lob meiner Zeit kommt Euch etwas sofistisch vor? nun so werdet Ihr doch wenigstens gewiss einen zweiten Vorzug für voll gelten lassen, den Eure Grosmütter vor Euch voraus hatten, und von dem, wie die Welt jetzt steht, fast keine Spur übrig geblieben ist; ich meine hiermit jene allgemeine, zarte Aufmerksamkeit, jene an Ehrfurcht gränzende Hochachtung, jene, an die zeiten alter Chevallerie erinnernde und aus diesen abstammende, ehrerbietige Galanterie, welche damals von allen gebildeten Männern unserem Geschlechte gezollt ward. Wenn wir einmal in der Gesellschaft erschienen, was freilich weit seltner geschah als jetzt, so traten wir gleich kleinen Fürstinnen einher, von einem Gefolge umgeben, das jedem unsrer Wünsche mit zuvorkommendem Eifer entgegen flog. Mit Euch, Ihr guten Kinder, dünken sich die jetzigen Männer wenigstens auf gleichem Fuss, und glauben damit schon ein Uebriges für Euch getan zu haben. Daran aber seid Ihr selbst schuld, denn Ihr habt Euch auf glattem Boden neben sie hingestellt. Ich möchte uns, in unserem damaligen verhältnis zur männlichen Welt am liebsten mit seltnen Blumen vergleichen, die mit Sorgfalt in einem verschlossnen Gewächshaus' aufbewahrt werden, zu denen man deshalb gern Zutritt zu erhalten sucht, und sie in der Nähe zu bewundern wünscht. Ihr aber wachst und blüht in der Freiheit, vielleicht nur um so üppiger und schöner, aber Ihr steht in einem, aller Welt offnen, lustigen Garten, in welchem man ohne Rückhalt Euch nahen darf. Was man aber täglich mühelos sehen kann, verliert am Ende den höchsten Reitz, den der Neuheit; man gewöhnt sich bald genug, achtlos daran vorüber zu wandeln, und leider geht darüber manche köstliche Pflanze unbemerkt zu grund, oder wird wohl gar im Gedränge zerknickt und zertreten.
Indessen will ich nicht ableugnen, dass wir Euch um eure jetzige grössere Freiheit wahrscheinlich würden beneidet haben, wenn wir uns eine solche nur recht lebhaft hätten denken können. Das war aber bei unsern beschränkteren Begriffen vom Leben und unsrer, durch unser verhältnis herbeigeführten furchtsamen Bescheidenheit nicht wohl möglich. Auch muss ich gestehen, dass wir einen grossen teil unsrer damaligen vornehmen Grandezza mit unsäglichem schmerzlichem Zwange, mit hohen Absätzen an den Schuhen, mit breiten steifen Fischbeinröcken, mit Harnisch ähnlichen Schnürbrüsten teuer genug erkaufen mussten. Im vollkommensten Gegensatze mit dem jetzt üblichen, war unser Anzug hauptsächlich darauf berechnet, unsre Gestalt bis zum unkenntlichen zu maskiren. Jede von uns war ein wandelndes Rätsel, von der Spitze des kleinen, mit Flittern gestickten Atlas-Koturns, welchen blitzende Steinschnallen noch verherrlichten, bis zu dem Wipfel des hochaufgetürmten Haarschmucks, der obendrein den ganzen Tag über unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, weil jeder Luftzug, jede zu rasche Bewegung des Kopfes dem zarten Puderreif' Untergang drohte. Der zärtlichste Liebhaber konnte nicht einmal in jener Zeit über die Farbe der Haare seiner Schönen zu einiger Gewisheit gelangen, denn der gelbe Puder machte die Braune der Blonden ganz ähnlich. Die Kleine hob sich vermittelst höherer Absätze an den Schuhen zur mittleren Grösse hinauf, und die Wespenartig zusammengeschnürte Taille, die in unbegreifliche Breite ausgehenden Fischbein Röcke gaben Allen die nämliche Form, aus welcher kein sterbliches Auge die wahre menschliche Gestalt heraus finden konnte.
Ihr lacht über die wunderliche Figur, die wir spielten? Ich glaube, ich müsste selbst lachen, wenn ich mich noch einmal in meinem damaligen Putz' erblikken sollte, und doch galten die Schönen unter uns deshalb nicht für minder schön, und die Häslichen gewannen noch bei dieser allgemeinen Vermummung, denn sie gingen in der Maske mit durch, die sich obendrein auf das vollkommenste dazu eignete, kleine Mängel zu verbergen.
Ein sehr karackteristisches Unterscheidungszeichen jener Zeit bestand auch darin, dass wir Alle damals Zeit hatten, zu Allem was uns oblag oder